Die vorzeitige Trennung wirft aber auch Fragen auf, was die vom Aufsichtsrat lange mitgetragene Strategie des Unternehmens in dessen Amtszeit angeht. Denn Kraatz hatte dem Staatsbad einen modernen Anstrich geben und für neue Zielgruppen öffnen wollen. Er ließ in Österreich aus den Bad Nenndorfer Heilmitteln eine Kosmetikserie entwerfen und forcierte den Umbau im Schlammbadehaus zu einer Wellness-Ebene mit Fünf-Sterne-Ambiente. Um den Ansprüchen zu genügen, wurde für das „MediFit“ und die „Medical Wellness“ sogar der Entwurf der auch dafür engagierten hannoverschen Klinik-Architekten verworfen und extra ein Bremer Büro angeheuert.
Bei den hochfliegenden Plänen im Deisterhaus dürfte den Beamten im Landesrechnungshof ganz schwindelig geworden sein. Sie sorgen sich eher ob der Tiefe des Millionengrabes und halten offenbar wenig von der Vision eines auf Exklusivität getrimmten Staatsbetriebes in Bad Nenndorf. Wie wenig, ließen sie im Frühsommer in ihrem Jahresbericht wissen, der angesichts des Wirbels um die Personalie Kraatz dem Aufsichtsrat nun um die Ohren fliegen könne.
Angesichts der Finanzlage raten die Haushaltshüter dazu, nach der Teilkommunalisierung von Kurpark, Kurorchester und Marketing auch die Klinik und den Rest abzugeben oder 2019 alles abzuschließen. Bis dahin hat das Land die in den achtziger Jahren errichtete Klinik gepachtet.
Mit der Abgabe der öffentlichen Bereiche hat sich das Ergebnis zwar um etwa eine Million Euro jährlich gebessert, das macht sich aber in der Gesamtbewertung kaum bemerkbar. Das Defizit des Landesbetriebs schwankte von 2005 bis 2008 weiterhin um fünf Millionen Euro jährlich, dazu flossen beträchtliche Investitionen in das Staatsbad.
Von 2004 bis 2008 summiert sich das Defizit laut Rechnungshof auf insgesamt 34,4 Millionen Euro. Bis 2019 rechnen die Kontrolleure mit weiteren 90 Millionen Euro Zuschussbedarf. 50 Millionen davon kommen aus dem laufenden Geschäft. Weitere 40 Millionen werden für Investitionen und eine bereits verbriefte Entschädigung an den Eigentümer fällig.
Die Diagnose der Prüfer ist verheerend. Weder eine gute Belegung der Klinik noch das von Kraatz oft beschworene Alleinstellungsmerkmal als Moorbad und das Einzugsgebiet hätten den Zuschussbedarf verringert. Zwar ließen sich mit Fertigstellung der Baumaßnahmen die Abläufe verbessern und die Attraktivität erhöhen, doch so viel Geld lässt die vom Staatsbad anvisierte neue Zielgruppe solventer Selbstzahler nicht erwarten. Im Gegenteil: Durch die voraussichtlich schlechter werdenden Rahmenbedingungen für Kur- und Rehakliniken gehen die Haushaltswächter davon aus, dass sich das Land ohne Ausstieg dauerhaft finanziell beteiligen muss.
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