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Wincklerbad ein Mikrokosmos der Nachkriegszeit

Bad Nenndorf / Lesung Wincklerbad ein Mikrokosmos der Nachkriegszeit

Wer waren die Gefangenen im Verhörzentrum, das der britische Geheimdienst von 1945 bis 1947 im Wincklerbad betrieben hat? Diese Frage hat DGB-Regionssekretär Steffen Holz als einer der Autoren der Dokumentation „Das verbotene Dorf“ während einer gut besuchten Lesung beleuchtet.

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Die Dokumentation der Autoren Steffen Holz und Utz Anhalt stößt auf reges Interesse und gibt den Startschuss für weitere Forschung. © tes

Bad Nenndorf (tes). Ziel der Dokumentation ist, den von Neonazis stilisierten Mythos vom „Folterlager für Opfer des Besatzerregimes“ zu entlarven und die juristische Auseinandersetzung um deren alljährliche Aufmärsche zu erleichtern.

Warum Rechtsextremisten den vermutlich ranghöchsten NS-Gefangenen im Wincklerbad, Oswald Ludwig Pohl, Leiter des SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamtes und Organisator des Holocaust, in ihrer Agitation außen vor lassen, überrascht kaum. „Würden sie diesen Massenmörder offen zu ihrem Helden erklären, hätte das unweigerlich das Verbot ihrer ,Trauermärsche‘ zur Folge“, erläutert Holz.

Rund 40 Gefangene im Wincklerbad sind namentlich bekannt, der Großteil mit NS-Vergangenheit. Darunter die „Crème de la Crème der nationalsozialistischen Ideologieproduzenten“ aus Goebbels-Ministerium, Film-Industrie, NSDAP und Reichssicherheitshauptamt wie beispielsweise Hitlers Pressechef Otto Diedrich. Stellvertretend für diese „nationalsozialistischen Opportunisten“ nennt der Autor Horst Mahnke und Giselher Wirsing: „Bad Nenndorf war für sie nur eine kurze Unterbrechung, nach der sie ihre Karrieren beim Spiegel, Springer-Verlag oder bei Burda fortsetzen konnten.“

Im Gegensatz zur „Funktionselite des NS-Regimes“, die schnell im Nachkriegsdeutschland Fuß fasste, habe sich das Verhörzentrum für vermeintliche „Sowjetspione“ als brutaler „Mikrokosmos der Nachkriegszeit“ entpuppt. Als Haftgründe dieser ersten Opfer des Kalten Krieges reichten Russisch-Kenntnisse oder Kontakte in die sowjetische Zone. Stellte sich die Unschuld der Häftlinge heraus, blieben sie weiter gefangen, da die sowjetische Seite nichts erfahren durfte, so Holz: „Das klingt nicht nach Rechtsstaatlichkeit, sondern nach politischer Paranoia in einer Atmosphäre allgemeiner Hysterie.“

Aus den Reihen der Zuhörer im Haus der Begegnung fragte Karl-Heinz Werner, ob die inhaftierten Medienleute über ihre Gefangenschaft geschrieben haben. „Nur indirekt in Gerichtsaussagen“, verwies Holz auf deren „lebhafte Biografien“ in Geheimdienst und Medien. Laut Vernehmungsprotokoll sei der in Nürnberg verurteilte Kriegsverbrecher Pohl einige Male von Wachen zusammengeschlagen worden, habe selbst aber nie behauptet, auf diese Weise zu Aussagen gezwungen worden zu sein.

Die Dokumentation sei erst der Einstieg, betonte Holz, es bleibe viel zu tun für künftige Forschung. Sein Co-Autor Utz Anhalt hatte in London nur drei Tage Zeit, aus 30 Akten mit jeweils 1000 Seiten erste Fakten zu sammeln. Das Interesse an der Dokumentation ist groß, bestätigt Buchhändlerin Maren Borchers. Dietmar Buchholz von „Bad Nenndorf ist bunt“ dankte Holz für „zwei Jahre Fleißarbeit“.

Seit dem Start der Nazi-Wallfahrten in die Kurstadt sei klar, dass es sich um Ersatz für die Rudolf Hess-Gedenkmärsche in Wunsiedel handelt. Holz hofft: „Vielleicht gelingt es durch Aufklärung, dem Trauermarsch den Boden zu entziehen.“

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