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Prozess erneut geplatzt

Nach Attacke auf 26-Jährigen an Vatertag 2013 + Kommentar Prozess erneut geplatzt

Zum zweiten Mal ist am Freitag der Prozess gegen mehrere Bückeburger geplatzt, die am Himmelfahrtstag 2013 in Bad Hiddenserborn den Praktikanten einer Gaststätte übel zugerichtet haben sollen.

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Meerbeck/Stadthagen (ly). Als die Feier zum Vatertag am Abend ausklang, wollten der 24-Jährige und seien Kollegen Gläser einsammeln. Bis zu sechs Männer sollen ihn noch geschlagen und getreten haben, als er bereits wehrlos am Boden lag. Ob die drei Angeklagten dabei waren, muss sich zeigen. Das Opfer erlitt eine Hirnblutung und leidet bis heute an den Folgen – körperlich wie seelisch.
Direkt vor der Gewalttat soll eine wichtige Belastungszeugin mit dem Praktikanten auf der Ladefläche eines Radladers gestanden haben. Diese Frau sollte am Freitag vor dem Schöffengericht in Stadthagen aussagen, hatte sich jedoch kurzfristig krank gemeldet. Außerdem ist Urlaubszeit. Innerhalb der vorgeschriebenen Frist hätten die beteiligten Juristen keinen Termin zur Fortsetzung gefunden. Nun geht es im November noch einmal von vorne los.
Verletzt worden waren an jenem 9. Mai 2013 auch ein Gastwirt und dessen Sohn. Beide wollten helfen und erlitten Frakturen im Gesicht. Am schlimmsten traf es aber den Praktikanten. Er ist noch immer nicht arbeitsfähig, kann auf einem Ohr gar nicht mehr hören, auf dem anderen eingeschränkt.
Das Motiv: Die Schläger sollen sich darüber geärgert haben, dass der Fahrer des Radladers hupte, als sie nicht aus dem Weg gingen. Der Praktikant soll sie höflich gebeten haben, Platz zu machen, worauf er von der Ladefläche gezogen wurde. Das Leben des Opfers ist seitdem völlig aus den Fugen geraten.
„Leider muss ich Ihnen die traurige Mitteilung machen, dass der Prozess schon wieder platzt“, entschuldigte sich Richter Kai Oliver Stumpe bei dem heute 26-Jährigen. „Ich hätte alles getan, um das zu vermeiden“, fügte er hinzu. „Es gibt Tage, da verliert man den Glauben an den Rechtsstaat.“
Dabei kann Stumpe überhaupt nichts dafür. Er hatte sich bemüht, die Verhandlung durchzuziehen, möglichst an einem Tag. „Unser Rechtsstaat ist nicht in der Lage, zügig und angemessen zu reagieren – auch wegen der knappen Personaldecke“, meint Rechtsanwalt Ralf Jordan, der ein Opfer vertritt. „Der Prozess hatte früher stattfinden können.“ Beim ersten Anlauf im Dezember 2014 war der Prozess geplatzt, nachdem Verteidiger Raban Funk den Richter als befangen abgelehnt hatte (wir berichteten). Funks Antrag kam jedoch nicht durch.
Auf der Anklagebank sitzen mittlerweile drei Männer, alle aus Bückeburg. Sie sind 25, 26 und 32 Jahre alt. Staatsanwalt Wilfried Stahlhut legt ihnen schwere Körperverletzung zur Last, ein Verbrechen. Im ersten Anlauf waren es nur zwei Angeklagte.
In einem Zivilprozess, geführt vor dem Landgericht in Bückeburg, war jedoch der Name des dritten Mannes genannt worden. Dort geht es um 30 000 Euro Schmerzensgeld. Das Zivilverfahren richtet sich gegen sechs Beklagte. Dass es nur drei Angeklagte gibt, liegt daran, dass die Staatsanwaltschaft drei Strafverfahren eingestellt hat. 

Vertrauen in die Justiz bröckelt

Kommentar

Da bleibt einem schon beim Lesen die Spucke weg. Wie soll sich denn dann erst das 26 Jahre alte Opfer fühlen? Seit jenem Vatertag 2013 wird in dem Leben des jungen Mannes nichts mehr sein, wie es einmal war. Völlig unbeteiligt wird er verprügelt, erleidet so schwere Verletzungen, dass er Folgeschäden davonträgt. Das einzige Mittel, in irgendeiner Form Gerechtigkeit zu erfahren, ist dieser Strafprozess sowie der Zivilverfahren, in dem es um 30 000 Euro Schmerzensgeld geht. Doch wie kann man an die Justiz und den Rechtsstaat in Deutschland glauben, wenn ein Opfer allein zweieinhalb Jahre warten muss, bis der Prozess vernünftig anläuft? Zweieinhalb Jahre laufen die Täter frei auf der Straße rum, während der junge Mann mit den körperlichen und psychischen Verletzungen zu kämpfen hat. Richter Kai Oliver Stumpe findet erstaunlich klare Worte. Chapeau! So deutliche Kritik an dem Apparat äußern Richter nur selten. Zwar wird es das 26-jährige Opfer nicht von dem Leid befreien. Auch wird die Zeit bis November nicht kürzer. Aber es ist ein Zeichen der Wertschätzung dem jungen Mann gegenüber. Doch trotz dieser tollen Reaktion von Stumpe: Der Justizapparat muss endlich zeitgemäßer aufgestellt werden.

Von Verena Insinger

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