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Rekordfänge nach dem Zweiten Weltkrieg

Niedernwöhren / Heringsfänger Rekordfänge nach dem Zweiten Weltkrieg

Das Jahr 1902: Der Boxeraufstand in China ging zu Ende. Vor einem Jahr starb Victoria, die Königin des größten Weltreiches der Erde. Wilhelm II., deutscher Kaiser, verlangte seinen Platz an der Sonne durch die Annexion ferner Länder in seine deutschen Kolonien. Im Frühjahr des gleichen Jahres versammelten sich etwa 60 aktive Seemänner der Heringsfängerfamilien in der Gastwirtschaft „Landhaus Heine“ in Niedernwöhren, um den Seemannsverein Niedernwöhren und Umgebung ins Leben zu rufen.

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Auf dem Logger BV 100 Stadthagen waren zahlreiche Seeleute aus der Umgebung unterwegs.

Von Hartmut Erben
Niedernwöhren . „Umgebung“ steht für die heutige Samtgemeinde mit Meerbeck, Nordsehl, Wiedensahl, Pollhagen und angrenzende Orte. Die Initiatoren waren der damalige Gemeindevorsteher Harmening und der Kapitän Ernst Hohmeier aus Niedernwöhren, der zum ersten Vorsitzenden gewählt wurde. Oberstes Ziel des Vereins war laut Satzung die Pflege der auf See geschlossenen Kameradschaft und die Unterstützung in Not geratener Heringsfängerfamilien bei Krankheit und Tod des Ernährers.

Mitglieder konnten ausschließlich aktive Heringsfänger, Hochseefischer oder sonstige Seeleute werden, die ein Seefahrts- oder Musterbuch vorlegen konnten. Die Aufnahmegebühr in den Verein betrug eine Reichsmark, der monatliche Beitrag 20 Pfennige. Kurze Zeit später waren bereits mehr als 100 Mitglieder eingetreten.

Die Seefahrt war seinerzeit in Niedernwöhren alles andere als eine Randerscheinung. Bereits das Elend nach dem 30-jährigen Krieg hatte erste Niedernwöhrener zu Hollandgängern werden lassen, die sich im Nachbarland Arbeit suchten. 1910 heuerten allein aus Niedernwöhren 87 Männer und Jugendliche zum Heringsfang an. Dazu noch 25 Kapitäne. Insgesamt kamen im Laufe der Jahre 104 Kapitäne aus Niedernwöhren, die namentlich nachgewiesen werden können.

Oft genug fuhren alle männlichen Angehörigen aus einer Familie auf den Heringsloggern. Es war auch keine Seltenheit, dass jemand direkt nach der Schule im Alter von 14 Jahren mit dem Vater oder den älteren Brüdern auf einem solchen Schiff unterwegs war.

1912, im zehnten Vereinsjahr, wurde die Weihe der ersten Vereinsfahne vorgenommen. Sie trug die Inschrift „In Sturm und Wetter ist Gott unser Retter“. Als Sinnbild der Gemeinschaft sind zwei ineinander gelegte Hände zu sehen, was symbolisieren soll, dass die Seeleute nur gemeinsam ihre schwere Aufgabe schaffen und die Stürme auf See überstehen können.

Oft genug war der Verein im Laufe der Jahrzehnte von Trauer und Leid betroffen. Nach einer ganzen Reihe von Unglücksfällen und den verheerenden Herbststürmen von 1924 mit dem tragischen Untergang von vier Loggern hatte der Verein allein 25 tote Kameraden zu beklagen. Ihnen eine ehrende Gedenkstätte zu setzen, war lange der Wunsch der Vereinsmitglieder. Am 10. Mai 1936 war es dann so weit. Mithilfe der Dorfgemeinschaft wurde das Ehrenmal der Heringsfänger aus Niedernwöhren und Umgebung auf dem Friedhof in Meerbeck feierlich eingeweiht.

Heute tragen die sechs Sandsteintafeln 75 Namen von Vereinskameraden, die auf See geblieben sind. Es gab damals kaum eine Familie, die nicht betroffen war.

Die Mitte der dreißiger Jahre war die Blütezeit des Vereins. Unter dem Vorsitzenden Kapitän Friederich Meier betrug die Mitgliederzahl mehr als 120. In den beiden Weltkriegen wurden die Vereinsmitglieder als Marinesoldaten dienstverpflichtet, der Heringsfang wurde eingestellt. Die Logger wurden als Minensucher und Hilfskriegsschiffe im Küstenbereich umgerüstet und eingesetzt.

Neuanfang nach dem Krieg war am 2. Februar 1947. Im Protokollbuch heißt es: „Nach sechs Jahren fand heute die erste Versammlung statt. Während einer Andacht verlas der Vorsitzende, Kapitän Wilhelm Suthmeier, die 15 Namen der gefallenen Kameraden und die Namen der noch in Kriegsgefangenschaft befindlichen oder vermissten Vereinsmitglieder.“

Die Hungerjahre nach dem Krieg kennzeichneten kurioserweise Rekordfänge bei den Heringen. Der Fisch hatte sich in den Kriegsjahren mächtig vermehren können, waren doch die Fanggründe vermint gewesen. So wurde der Hering in diesen Jahren zum Volksnahrungsmittel.

Das Vereinsleben kam langsam wieder in Schwung, besonders in den fünfziger Jahren durch eine Reihe von Festen der Heringsfänger mit den benachbarten Seemannsvereinen aus dem Raum Mittelweser. „Seefahrt tut not, schafft Arbeit und Brot“, war auf Spruchbändern in den Festzelten zu lesen, um für Nachwuchs bei den Loggermannschaften zu werben. Man hatte sein Einkommen und der Beruf des Heringsfängers hatte im Dorf seinen festen Bestand.

In den sechziger Jahren wurde die ausländische Konkurrenz erdrückend – trotz Modernisierung der deutschen Flotte. Außerdem hatte sich das Konsumverhalten der Bevölkerung geändert, und die Meere waren überfischt. Der Hering wurde degradiert zu einem Essen armer Leute.

Im Binnenland ging man weniger gefährlichen Berufen nach, beispielsweise bei Volkswagen in Hannover oder bei Continental. All dies führte dazu, das die Heringsfischerei in Deutschland unrentabel wurde. 1969 stellten die Heringsfängergesellschaften in Leer, Emden und Vegesack den Fang ein. Der letzte Logger lief 1975 Glückstadt an, und 1976 wurde die letzte Gesellschaft liquidiert. Damit ging die lange Geschichte der deutschen Heringsfänger zu Ende, aber nicht die Geschichte des Seemannsvereins Niedernwöhren und Umgebung.

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