Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / 0 ° Schneeregen

Navigation:
Stürmische Zeiten bei Heringsfängern

Seemannsgarn Stürmische Zeiten bei Heringsfängern

Es war ein harter Job, aber dafür haben die ehemaligen Heringsfänger heute jede Menge Geschichten zu erzählen. Von Feuer an Bord auf hoher See, von acht Meter hohen Wellen und frischem Fisch zum Frühstück – im Gespräch mit sechs alten Seemännern aus dem Niedernwöhrener Seemannsverein kommt allerlei Seemansgarn auf den Tisch.

Voriger Artikel
Neue Dorfjugend geplant
Nächster Artikel
Volles Haus

Die ehemaligen Seefahrer: Waldemar Adam (von links), Reinhard Schubert, Heini Klein, Werner Haberecht, Erwin Martin und Werner von Straelen blicken auf eine harte, aber auch spannende Zeit als Matrose, Kapitän oder Bestmann zurück.

Quelle: kil

NIEDERNWÖHREN. Als in den sechziger Jahren die Logger-Gesellschaften in Deutschland aufgelöst wurden, endete ihre Zeit auf See. Dass sie die arbeitsreichen und teils gefährlichen Jahre auf See überlebt haben, ist nicht selbstverständlich.

Denn brenzlige Situationen habe es zahlreiche gegeben, erzählen die Heringsfänger. Erwin Martin (74) aus Lindhorst kann sich noch gut an ein Unglück erinnern, bei dem acht Männer und eine Frau bei Windstärke 10 von einem Schiff gerettet werden konnten. Der Rest der 32-köpfigen Besatzung schaffte es leider nicht. Das Schiff sank fünf Jahre später selbst auf den Meeresgrund. „Keiner hat das überlebt“, berichtet Wilfried Block, Vereinsvorsitzender. Auch ein Kapitän aus Niedernwöhren sei dort an Bord gewesen, seine Frau war erst kurz zuvor verunglückt.

Auch Heini Klein (75) aus Niedernwöhren erinnert sich gut an eine Rettungsaktion mitten auf der Nordsee. 1965 sei in der Kombüse ein Feuer ausgebrochen. „Das war mitten in der Nacht und es hieß ,alle Mann von Bord‘ – schließlich wurde es langsam heiß auf dem Schiff.“ Etwa eine Stunde später sei ein Schwesterschiff gekommen, „es konnten alle gerettet werden“. Die Besatzung und das verbrannte Schiff wurden nach Norwegen gebracht. Nach vier Monaten war das Boot repariert und es konnte weitergehen.
Auf dem Schwesterboot, das die Seemänner gerettet hat, befand sich auch Werner von Straelen (73) aus Lindhorst, der selbst als Matrose arbeitete. Seine längste Schicht habe 72 Stunden gedauert, denn wenn der Fang gut war und die Netze voll, musste nun mal solange gearbeitet werden, bis alle Fische verstaut waren. „Ich bin zwischendurch eingeschlafen“, sagt er. Aber es wurde schon dafür gesorgt, dass man wieder aufwachte – zur Not wurde einem das Netz durchs Gesicht gezogen.

„Es wurde gearbeitet, bis der letzte Hering in der Tonne war“, so Martin.
Im Durchschnitt wurde 16 Stunden geschuftet. Viele hatten den Ehrgeiz, sich nach und nach hochzuarbeiten. Kapitän zu werden – „davon konnte man nur träumen“, sagte Waldemar Adam (70) aus Rinteln.

Die wenige Freizeit nutzte man unter anderem für Schokolade, Zigaretten und Alkohol. Dass auf See viel getrunken werde, könne man wohl nicht leugnen, gab Klein zu. Genussmittel waren billig: „Für Zigaretten zahlten wir auf See 50 Pfennig“, weiß Martin noch. Aber der Schnaps landete nicht allein in den Mündern der Seeleute. Für einen guten Fang wurde eine Flasche Schnaps auf die Netze gegossen. Das war Tradition.

Kontakt zur Familie gab es nur bei Familienereignissen wie Geburten oder Trauerfällen. Allerdings konnte so ein Telegramm auch mal zwei Tage brauchen, bis es da war. Und an Weihnachten, wenn die Seemannsgrüße auch im Radio zu hören waren. „Da wurde auch der härteste Knabe plötzlich ganz ruhig“, erinnert sich Martin.
Musik gab es nur selten. Martin erinnert sich an eine Fahrt nach Grönland. „Acht Tage hin, zehn Tage Fang und wieder acht Tage zurück.“ Damals hatte der Kapitän eine musikalische Ader und ein Schifferklavier dabei, mit der er die Mannschaft zeitweise unterhielt. „Bei den Heringsfängern war es familiärer“, anders als bei den Frisch-Fisch-Fängern, sagt er.

Am schlimmsten aber waren wohl die ersten Tage für die Seemänner, die oft schon in jungen Jahren, mit 14, auf See fuhren. Werner Haberecht (80) aus Meerbeck hat zu Beginn extrem unter Seekrankheit gelitten. „Ich dachte: Das ist meine erste und meine letzte Fahrt. Schließlich wurden daraus 40 Jahre“, erzählt er schmunzelnd.
Während von Straelen schon von der Seefahrt begeistert war, nachdem er als Junge einmal vom Niedernwöhrener Kapitän Günther Kühn mit zwölf Jahren mitgenommen wurde, trieb Schubert die pure Not zur See. „Hunger, Hunger, Hunger“, beschreibt er seine damalige Situation, nachdem er aus russischer Gefangenschaft heimkehrte und 1947 dringend einen Job suchte. kil

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Eine gute Tradition findet regelmäßig ihre Fortsetzung – die „Aktion Weihnachtshilfe“. In der Vorweihnachtszeit rufen die Schaumburger Nachrichten unter dem Motto „Schaumburger helfen Schaumburgern“ jedes Jahr zu Spenden für bedürftige Menschen im Landkreis auf. mehr

Schaumburg