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Wiedensahl Rappelvoller Flecken
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00:21 11.11.2018
Zehntausende Besucher strömen zum Martinimarkt in Wiedensahl, um über die Marktmeile zu flanieren. Quelle: kil
Wiedensahl

Am Martinimarkttag hat Marktmeister Arend Oetker  schon drei Tage malocht. Montag: Auf der Hauptstraße markiert Oetker mit gelber Kreide, wer seine Bude wo aufstellen darf. Dienstag: Der eine Budenbesitzer möchte weiter nach vorn, der andere weiter nach hinten. Oetker verhandelt, feilscht und entscheidet. Mittwoch: Der Markt wächst durch Wiedensahls Hauptstraße hindurch. Der Marktmeister schaut genau hin: Ragt die Bude so weit in die Straße, dass sie den Rettungsweg versperren könnte? Werden die Standmaße eingehalten?

Mit dem Rad über die Meile

Donnerstag, Martinimarkttag, 6 Uhr: „Für jeden Zweck die richtige Bürste“ und die „Eichsfelder Hausschlachtspezialitäten“ werkeln schon, während der „Sensen-Schluck“ und das „Tropenfrüchte-Paradies“ noch im Schlummer liegen, verriegelt und verrammelt. Heute muss Oetker nochmal durch drei Stunden frühmorgendlichen Stress, bevor er den Trubel trubeln lassen kann.
Er setzt sich auf sein klappriges Rad.

Das braucht er, weil die schnurgerade Marktmeile 1864 Meter lang ist. Das Rad beschreibt man besser nicht genauer, weil auch Polizisten Zeitung lesen; zudem muss Oetker so oft telefonieren, dass er dafür nun wirklich nicht immer von seinem unbeleuchten...ähem...von seinem Rad steigen kann. Nicht so schlimm! Am Martinimarkttag gelten auf der Hauptstraße ohnehin andere Gesetze als an den 364 Nichtmartinimarkttagen.

In den frühen Morgenstunden bauen die Schausteller ihre Buden auf. Foto: ab

Es dauert zwei Minuten, bis Oetker zum ersten Mal „Terz“ hat, wie er das nennt. Ein Kleinhändler hat seinen fliegenden Stand auf einem Filetgrundstück in der Ortsmitte platziert, für das er leider keine Genehmigung herzeigen kann. Oetker: „Du baust hier ab oder du bekommst Ärger!“ Händler: „Aber...“ Oetker: „Du baust hier ab oder du bekommst rrrrrich-tich Ärger!!“ Der Händler baut ab.

Der Ton auf dem Markt ist rau, das „Sie“ bleibt an diesem Morgen unbenutzt. Aber unhöflich oder unverschämt wird es nie, weder von der einen noch von der anderen Seite. Schließlich müssen Marktmeister Oetker und sein Team – Ernst-Heinrich Pöhler (Stellvertreter), Dietmar Heumann (Dienstältester), Ulrich Döhrmann und Udo Rüffer – logistisch einiges auf die Kette bekommen; Zoff frisst bloß Energie. Wichtigste Aufgabe: Bis zu 30.000 Frauen, Männer und Kinder müssen ohne Schaden an den Buden und Ständen vorbeischlendern können, und wenn doch was passiert, muss der Rettungswagen auch durchkommen.

Die haben den Laden im Griff

Marktmeister Oetker schlichtet und schimpft leise, lobt laut und schnackt sich über die knapp zwei Kilometer. „Ich habe hier immer schon vier Meter Tiefe bekommen“, beschwert sich ein Händler, „genau wie der Thomas mit seiner Schuhwichse.“ Aber Oetker lässt sich auch vom „Immer-schon“ nicht erweichen. Wer der Truppe zuschaut, gewinnt den Eindruck: Die haben den Laden im Griff. Dabei macht der Landwirt Oetker (49) den Job erst seit drei Jahren, nachdem vorher Wilhelm Schweer (der Sohn) und davor Wilhelm Schweer (der Vater) jeweils ein Vierteljahrhundert gewirkt hatten. Den Wiedensahler Martinimarkt selbst gibt es schon seit 1834.

 Um kurz vor 9 ist das meiste getan, jetzt gönnen sich Oetker und seine Leute erstmal ein deftiges Marktfrühstück. Bis etwa 15 Uhr werden sie nach dem Rechten schauen und die Gebühren einsammeln. Die fünf Mann sind nur ein Teil jener Ehrenamtlichen, die Wiedensahl zum Martinimarkt auf die Beine bringt. Es ist sicher nicht immer angenehm, so eng aufeinander zu leben wie die Wiedensahler, aber am Martinimarkttag zeigt sich: die Kraft des Dorfes. Von Arne Boeker