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Familie muss ausziehen

Stemmen / Einsturzgefahr Familie muss ausziehen

Pfusch am Bau, Haus kaputt – dies ist die knappe Formulierung des Albtraums all jener, die sich den Traum vom Eigenheim erfüllen wollen. Mit voller Wucht hat dieses Schicksal die Familie Palutzki in Stemmen getroffen.

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Der Anbau in Stemmen ist ein Fall für die Abrisbirne. Kleines Bild: Im Gebäude traten reihenweise Schäden auf. © gus, pr.

Stemmen (gus). Weil der Architekt nicht gewissenhaft genug gearbeitet hat, so sehen es die Familie und deren Anwalt, ist das Bauwerk abrissreif. Die Versicherung des Beschuldigten prüft den Fall, der Architekt verweigerte dieser Zeitung eine Stellungnahme zur Sache.

Zur Chronologie: Bereits kurz nachdem der Anbau an das Haus einer Verwandten am Neuen Weg in Stemmen vor rund sieben Jahren fertiggestellt worden war, traten erste Schäden auf. Zunächst bildeten sich Risse an den Wänden. Der Architekt aus dem Kreis Schaumburg, der mit dem Bau per Rundum-Vertrag betraut worden war, wiegelte ab: Setzrisse, so etwas komme schon mal vor.

Im Jahr 2007 stellten die Palutzkis dann ein größeren Wasserschaden fest. Der Gutachter, der die Sache für eine Versicherung protokollieren und bewerten sollte, alarmierte die Familie: „Hier stimmt etwas grundsätzlich nicht.“ Weitere Schäden wurden bei der genaueren Untersuchung entdeckt. Das Resultat: Die verunsicherten Eigentümer strengten ein Beweissicherungsverfahren an, mit dem Ziel, vom Architekten Schadenersatz für das zu erstreiten, was angerichtet worden war.

Ende 2008 lagen mehrere Sachverständigen-Gutachten vor, die bestätigten, dass der Architekt Fehler zu verantworten hatte. Dieser stritt nach Angaben der Palutzkis alles ab, behauptete, die auftretenden Feuchtigkeitsschäden und Risse seien unter anderem auf falsches Heizen zurückzuführen. Vor dem Landgericht bekommen die Palutzkis in 2009 Recht, der Architekt legt Berufung gegen das Urteil ein. Das Oberlandesgericht Celle entscheidet im Oktober 2010 abschließend, dass der Beschuldigte der Familie rund 40.000 Euro Schadenersatz zu zahlen hat. Dessen Versicherung, die Gothaer, zahlt.

Doch noch bevor die Palutzkis die Renovierung mit dem erstrittenen Geld starten, spitzt sich die Lage zu. Im Dezember 2010 bröselt Putz von einer Decke. Die Bewohner hofften, daran sei die ungewöhnlich hohe Schneelast schuld. Im Frühjahr der nächste Schreck: Ein lauter Knall ist eines Abends im Obergeschoss des Gebäudes zu hören. Angst breitet sich bei der leidgeprüften Familie aus.

Zu Recht. Bei erneuten Untersuchungen stellt sich heraus, dass bisher lediglich die Symptome behandelt worden waren, die Wurzel des Übels aber noch gar nicht entdeckt war. Ein weiterer Sachverständiger prüfte den Anbau auf Herz und Nieren, das Ergebnis: Der „Patient“ ist nicht zu retten. Mit anderen Worten: Das Gebäude ist akut einsturzgefährdet, eine Sanierung deshalb technisch unmöglich.

Die geschockten Palutzkis ziehen aus. Dabei hilft die Feuerwehr Stemmen, der die Familie noch heute dankbar ist. Mit ihren vier Kindern ziehen Thorsten und Skadi Palutzki in ein Haus in Hespe, wohnen dort zur Miete. Die finanzielle Belastung – Miete, Tilgung des Kredits für den Hausbau, Verfahrenskosten – wiegen schwer. Genauso schlimm ist für die Palutzkis aber das Wissen, jahrelang in einem einsturzgefährdeten Haus gelebt zu haben. Ruhig schlafen können sie schon lange nicht mehr.

300.000 Euro stehen der Familie nach eigenen Angaben zu, denn so teuer sei das Bauvorhaben gewesen. Die Pressestelle der Gothaer Versicherung geht von gut der Hälfte dieser Summe aus. Derzeit prüft das Unternehmen die Angelegenheit, weil die Ansprüche der Palutzkis gegen den Statiker möglicherweise verjährt sind.

Bei Fehlern an der Statik eines Gebäudes können Bauherren aber nach sieben Jahren keinen Schadenersatz mehr fordern, sagt die Pressesprecherin der Versicherung im Juni Momentan dauert die Prüfung offenbar noch an. Der Architekt hatte jedoch auch bei der Planung des Bauvorhabens Fehler gemacht und es unzureichend überwacht. Dies geht aus dem Gutachten hervor, das den SN vorliegt.

Demnach wurden auch Ausführungsfehler festgehalten. Eine Decke ist beispielsweise um vier Zentimeter zu dünn konstruiert worden. Zudem tragen zu wenige Mauern das Bauwerk. „Bei Sturm könnte das Haus einstürzen“, erklärt Thorsten Palutzki.

Die Familie pocht auf einen sogenannten Architektenvertrag. Demnach verpflichtete sich der Architekt, das Bauvorhaben mit besonderer Sorgfalt zu beaufsichtigen. Daher sieht auch der Anwalt der Familie den Architekten als Verantwortlichen für den entstandenen Schaden, die Versicherung müsse dafür aufkommen. „Die Eintrittspflicht Ihres Mandanten ist eindeutig“, heißt es in einem Schreiben des Anwalts an den Rechtsbeistand der Versicherung.

Die Palutzkis sind erschüttert über das Erlebte. Der Architekt habe die Baustelle seinerzeit zwar seltsam nachlässig behandelt, man habe sich aber auf dessen Erfahrung verlassen. Ein Fachmann hätte die fehlerhafte Statik bemerken müssen, meinen die Geschädigten.

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