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Nienstädt Geisterfahrt durch den Gerichtssaal
Schaumburg Nienstädt Nienstädt Geisterfahrt durch den Gerichtssaal
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00:28 23.07.2015
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Nienstädt/Bückeburg

Angeblich kann der Vorsitzende seinen Namen nicht richtig schreiben, was natürlich Quatsch ist. Später vergleicht der Nienstädter ihn mit einem „Diktator“, weil von Behren den 50-Jährigen ermahnt hat, sich zu setzen, während die Staatsanwältin beim Verlesen des Strafbefehls stehen durfte. „Sie machen sich total lächerlich, damit kommen Sie nie durch“, blafft der Angeklagte den Richter an, als dieser mit einem Ordnungsgeld von 250 Euro droht. Er steht lieber.

Vorsichtshalber holt von Behren drei Wachtmeister in den Saal, um den recht temperamentvollen Zeitgenossen in Schach zu halten, falls es schlimmer wird. Man weiß ja nie. „Das wird heute ein unangenehmer Tag für Sie“, kündigt der Mann aus Nienstädt an. „Wir gehen das alles durch“, fügt er hinzu und öffnet die Akte. Stellen, die er für entscheidend hält, sind markiert. Es sind viele Stellen. Den Strafbefehl nennt der Unternehmer „Müll“, die Vorwürfe „absolut ehrenrührig“.

Hintergrund ist ein Zivilprozess, den der Nienstädter vor dem Amtsgericht Köln geführt und verloren hatte. Daraufhin hatte er zunächst den Richter angezeigt, weil dieser Aktenbestandteile unterschlagen haben soll. Mangels hinreichenden Tatverdachts hatte ein Oberstaatsanwalt dieses Verfahren jedoch eingestellt, wogegen der 50-Jährige Beschwerde einreichte. Sinngemäß warf er dem Kölner Staatsanwalt dabei eine totalitäre Rechtsauffassung wie im NS-Staat vor. Der entscheidende Satz: „Wenn sie Anhänger dieser Rechtsauffassung sind, kann es passieren, dass sie in einem Jahr tot sind und ich im Gefängnis sitze.“

Ganz starker Tobak. Und ein klarer Fall von Bedrohung. Das Bückeburger Gericht verhängt daher eine Freiheitsstrafe von zwei Monaten, ausgesetzt zur Bewährung. Hinzu kommen 1000 Euro Geldbuße. Im Brief war das „Sie“ als Anrede klein geschrieben. Richter Dirk von Behren hält das für einen „Taschenspielertrick, um hinterher sagen zu können, dass der Oberstaatsanwalt nicht persönlich gemeint war“. Indes: „Bei einer Volksbefragung wäre der Angeklagte der einzige, der dies nicht als Bedrohung sehen würde. Mit dieser Einstellung befindet er sich auf juristischer Geisterfahrt.“

Von Behren verhandelt an diesem Tag mit Zuckerbrot und Peitsche. Er stellt sofort klar, wer Herr im Hause ist, gibt dem Nienstädter aber auch Gelegenheit, sich ausführlich zu den Vorwürfen zu äußern. Am Ende kann der 50-Jährige sogar lächeln. Es hat ihm offensichtlich Spaß gemacht.

Zum Prozess ist der Angeklagte ohne Anwalt erschienen. Er verteidigt sich mit großem Aufwand selbst. Von Behren rät ihm, diese Energie „lieber für Betrieb und Familie zu verwenden“. ly

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