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Nienstädt Musiker wollen in Techno-Szene durchstarten
Schaumburg Nienstädt Nienstädt Musiker wollen in Techno-Szene durchstarten
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16:03 30.12.2018
Marius Lesemann (links) und Jonas Gewald sind „Pølaroit“. Quelle: Runnberg Films
Levesen/Meinefeld

Wer 24 Jahre alt ist, sollte eigentlich in jedes neue Jahr mit einem Kribbeln gehen: Was kommt? Was ändert sich? Welche Verrücktheiten könnte man noch schnell anstellen, bevor der Ernst des Lebens beginnt? Marius Lesemann aus Levesen und Jonas Gewald aus Meinefeld, beide 24, gehen besonderes gespannt in das Jahr 2019: Mitte Januar veröffentlichen sie Musik ihres neuen Projekts, Ende Januar spielen sie sie ein Konzert in Berlin. Zusammen nennen sich Marius und Jonas „Polarøit“. Was sie für 2019 vorhaben, ist aber alles andere als verrückt.

Kennengelernt hat sich das Duo, wo sich Musikfreaks heutzutage nun mal kennenlernen − hinter der Theke eines US-Burgerbraters (in diesem Fall: seiner Bückeburger Filiale). Vor vier Jahren war das, Marius puzzelte zusammen mit anderen an dem Techno-Projekt „Trampolinmusik“ rum, Jonas hatte schon eigene Musik veröffentlicht. Die beiden quatschten über ihre Vorlieben, aber so richtig schien es nicht zu passen. Marius interessierte sich dafür, Musik zu produzieren, Jonas experimentierte mit seinem Klavier herum. Ein Knöpfchendreher und ein Tastendrücker: Dass das mal zusammen passen würde, konnte niemand ahnen.

Eine Woche lang schließen sich die Musiker im Tonstudio ein

Vor etwa einem Jahr beschlossen die beiden dann doch, „ein bisschen rumzujammen“, wie Marius sagt. Das sah dann so aus: Sie schlossen sich für eine Woche − nahezu rund um die Uhr − in das Tonstudio ein, das „Trampolinmusik“ auf dem früheren Alcatel-Gelände in Stadthagen betreibt, um zu tüfteln, auszuprobieren, zu produzieren. „In der Woche haben wir die Basis für die vier Tracks gelegt, die wir demnächst veröffentlichen“, sagt Jonas. Einer heißt „Firøye“, auf deutsch „Vierauge“ und meint ein norwegisches Fabelwesen.

Anders als in der Rockmusik stehen in der Techno-Szene nicht so sehr Personen im Vordergrund, sondern die Projekte, in denen sie sich organisieren. Deswegen gaben sich Marius und Jonas bei der Suche nach einem Namen besonders viel Mühe − bis sie „Pølaroit“ geboren hatten. „Bei einem Polaroid-Foto drückt man auf einen Knopf und sieht als Momentaufnahme dann sofort das Ergebnis“, sagt Marius, so in etwa müsse man sich auch den Produktionsprozess vorstellen. Die ungewöhnliche Schreibweise − das norwegische o und am Ende das harte „T“ − sind Konzessionen an Gepflogenheiten in der Techno-Szene. Viel Geld verdienen die beiden mit ihrer Musik noch nicht. „Dazu müssten wir viel mehr auf den Geschmack der Masse eingehen“, sagt Marius, der in Hannover Marketing-Management studiert. Jonas studiert im holländischen Enschede Musik für Medien.

Ende Januar spielen sie in Berlin

Am 11. Januar wird Pølaroit vier Titel unter dem Namen „Expedition into“ veröffentlichen. Tobias Berger und Christoph Bruns von „Runnberg Films“ aus Stadthagen schrauben gerade an den Videos, die die Veröffentlichung begleiten sollen. Das Material für „Expedition into“ hatten die „Pølaroits“ in einem Anflug von Größenwahn an „Stil vor Talent“ geschickt, eine der einflussreichsten deutschen Techno-Plattformen. Von der Bezeichnung „Techno“ sollte sich niemand abschrecken lassen, darunter fallen inzwischen alle möglichen musikalischen Spielkarten. Wenn es um „Pølaroit“ geht, spricht Marius darum auch lieber von „elektronischer Tanzmusik“. Am 26. Januar spielen Jonas und er auf einer „Stil-vor-Talent“-Nacht im „Ritter Butzke“, einem der coolsten Clubs in Berlin.

Es ist ein langer Weg von Levesen und Meinefeld nach Berlin, aber im Prinzip ist „Pølaroit“ typisch für die heutige Szene. Weil die Digitalisierung auch die Musikwelt umgekrempelt hat, ist die Schwelle, um Musik zu veröffentlichen, viel niedriger. Während Bands früher jahrelang betteln mussten, um von einer Plattenfirma erhört zu werden, stehen Projekten wie „Pølaroit“ heute eine Fülle von Plattformen zur Verfügung, um Musik rauszujagen. Weil man heute dafür nicht viel mehr benötigt als einen Laptop und einen wachen Kopf mit frischen Ideen, halten sich auch die Kosten in engem Rahmen. Das Problem dabei: Um in der Masse aufzufallen, muss man Besonderes bieten.

Geräusche wie Atmen, Husten und Stühleknarren finden sich in der Musik wieder

Bei „Pølaroit“ ist dies vor allem die Verbindung von High-Tech, wie sie in Computern steckt, mit einem altmodischen Instrument − dem Klavier. Im Sommer haben sie auf dem „Glow“-Fest in Stadthagen erstmals öffentlich gespielt. Marius und Jonas tüfteln gern, testen die Grenzen der Technik. „Ich habe zum Beispiel Tempotaschentücher ins Innere des Klaviers gehängt, zwischen Hammer und Saite“, erklärt Jonas. Der so gedämpfte Ton wird dann weiter verarbeitet. Marius hat sich einen uralten Kassettenrekorder besorgt. „Wenn ich dort Musik abspiele, nehme ich das Rauschen und das Gerumpel auf und verfremde es“, sagt er. In „Pølaroits“ Musik finden sich aber auch Geräusche wie Atmen, Husten und Stühleknarren, die während der Aufnahme entstehen.

„Viele tolle Geräusche haben wir auch dem alten Waggon abgelauscht, der hier auf dem Alcatel-Gelände steht“, sagt Marius. Ob die Hipster im Berliner „Ritter Butzke“ ahnen, dass sich die Musik, zu der sie am 26. Januar tanzen, zu einem Teil der altehrwürdigen Dampfeisenbahn Weserbergland verdankt?

Von Arne Boecker