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Als das Nikotin die Nerven beruhigt, fällt die Entscheidung

Krainhagen / Verkostung Als das Nikotin die Nerven beruhigt, fällt die Entscheidung

Die Whisky-Probe in der „Berghütte“ ist seit mehr als zwei Stunden in vollem Gang, zahlreiche Sorten sind verkostet – und der Moment der Wahrheit ist gekommen.

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Dass bloß nichts schiefgeht: Mit größter Vorsicht und viel Fingerspitzengefühl bugsiert Andreas Schmidt Probst (rechts) den Korkenstumpf aus der wertvollen Flasche.

Quelle: wk

Krainhagen (wk). Haben sich unter den 40 Teilnehmern genug Interessenten gefunden, die bereit sind, nun auch noch jeweils 20 Euro lockerzumachen, um dafür zwei Zentiliter des seltenen „Rommel-Whiskys“ probieren zu dürfen?

 Andreas Schmidt Probst, der ausrichtende Inhaber des in Obernkirchen ansässigen Internet-Shops „House of Whisky“, nimmt die ausliegende Liste zur Hand: Vier Namen stehen dort. Von zwei weiteren Gästen weiß er, dass sie ebenfalls mitmachen wollen. Das macht unterm Strich sechs. Zuwenig, um die kostbare Flasche zu öffnen, die aus einer riesigen Whisky-Lieferung stammt, die das von dem – auch als „Wüstenfuchs“ betitelten – Feldmarschall Erwin Rommel geführte Deutsche Afrikakorps am 20. Juni 1942 bei der Eroberung von Tobruk (Libyen) der britischen Armee abgenommen hatte, die mit dem Stoff (geschätzte Menge: 1,9 Millionen Liter) an sich ihre eigenen Truppen versorgen wollte. Als Kriegsbeute wurden die Fässer nach Italien verschifft, wo sie am 22. Juni 1944 in die Hände der Amerikaner fielen, die den Inhalt aus den Eichenfässern in italienische Weinflaschen zu je einem Liter umfüllten und in einem Weinkeller im österreichischen Linz einlagerten. Zwei Jahre nach Kriegsende verkaufte der Staat Österreich das, was von dem Whisky übrig war, nach und nach in größeren Chargen. Die letzten 40296 Flaschen kamen am 7. Mai 1979 in Frankfurt bei einer Versteigerung unter den Hammer.

 Und eine der sieben von ihm erstandenen Flaschen „Rommel-Whisky“ wollte Schmidt Probst eigentlich als krönenden Höhepunkt der Whisky-Probe köpfen – wenn sich mindestens 20 Zahlungswillige finden, wohlgemerkt.

 Sechs Mann, oder anders betrachtet: gerade mal 120 Euro? Nein, mit solch einer Zaghaftigkeit hat er nicht gerechnet. Was jetzt? Schmidt Probst muss erst mal nach draußen, eine Zigarette rauchen. Das Nikotin beruhigt seine Nerven. Dann die Entscheidung: „Scheiß ’was auf die Kohle – man darf nicht immer kaufmännisch rechnen!“ Mit festen Schritten geht er wieder in den Saal, um seinen Gästen zu verkünden, dass die Flasche geöffnet wird. Und diejenigen sechs, die nicht auf ihren Portemonnaies sitzen, dürfen ebenfalls ein Gläschen mit einem Fingerbreit nippen. Wobei der 49-Jährige keinen Hehl daraus macht, dass er sich „ziemlich sicher“ ist, dass der „Rommel“ nicht schmecken wird: „Das war, als es produziert wurde, billige Marketenderware, um die Soldaten bei Laune zu halten. Das Zeug ist im Lauf der Jahre in den Flaschen nicht besser geworden.“

 Dennoch geht Schmidt Probst mit einer großen Portion Feingefühl an die Aufgabe heran, den tief im Flaschenhals sitzenden, leicht angegammelten Korkenstumpf herauszuholen. Bei einem Weinhändler seines Vertrauens hat er sich im Vorfeld Rat geholt, wie bei dieser Operation am besten vorzugehen ist. Jetzt, da es an ihm liegt, hat er den Korkenrest mit einem Schraubenzieher schräg aufgespießt und versucht, hoch konzentriert das mürbe gewordene Material mit einem schmalen Taschenmesser vorsichtig herauszuhebeln. Ein paar Versuche braucht er, dann ist es geschafft: „Leute, da hatte ich Angst vor, dass da ’was passiert“, macht der Korken-Chirurg seiner Erleichterung Luft. Dem Einschenken der ersten 20 Zentiliter in eines der Whiskygläser folgt Erstaunen: „Wow, der hat ja sogar Farbe, damit habe ich ja gar nicht gerechnet.“ Als die anderen Gläser gefüllt und verteilt sind, bringt Schmidt Probst („Diese theatralischen Züge sind mir ja fremd, aber dass muss jetzt sein“) einen Toast auf all jene Soldaten aus, die im Zweiten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Er setzt das Glas an den Mund, der „Rommel“ umspielt die Zunge, rinnt die Kehle hinunter: „Ich hab ihn mir schlimmer vorgestellt“, zeigt sich der Experte überrascht. Der Geschmack erinnere an Karamell und Nougat. Zudem komme der Whisky leicht rauchig und etwas medizinisch ’rüber. Eine deutliche Alkoholnote („der kribbelt vorne an der Zungenspitze“) macht er ebenfalls aus – und ist schließlich regelrecht begeistert: Für einen Blend, also eine Mischung aus Single-Malt-Whiskys und einem Grain-Whisky, sei der Geschmack sogar „sehr gut“. Und auch wenn der „Rommel-Whisky“ in den vergangenen Dekaden eine Menge Aroma und Alkohol verloren haben wird, dürfte er damals „richtig gut“ gewesen sein.

 Hoch zufrieden sind auch zwei Gäste aus Bernsen, die in der Krainhäger „Berghütte“ ebenfalls in den Genuss dieser Rarität kommen: „Man lebt nur einmal“ habe er sich gedacht und daher die 20 Euro riskiert, berichtet der 19-jährige Dennis Holstein. Belohnt werde er nun durch einen Whisky, dem er noch das Testat „durchgängig mild, auch im Abgang“, verleihen könne. Und Ben Weiser (30) ist sich sicher, mit dem „Rommel“ auch ein Stück Geschichte zu trinken.

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