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Der große Frust

Gelldorf Der große Frust

Die Botschaft der Verwaltung an die Ortsräte, die sich auf einen Antrag der Grünen stützt, könnte deutlicher nicht sein: Ihr seid uns zu teuer und ihr macht uns zu viel Arbeit. Deshalb tut uns einen Gefallen und lasst euch abschaffen.

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Sie kosten Geld, sie kosten Zeit der Verwaltungsmitarbeiter, also hat das Rathaus einen Vorschlag für die Ortsräte: Wir schaffen euch ab und ihr stimmt zu. Das Team Gelldorf lässt daher dem Frust und Ärger freie Bahn, Kämmerer Jasper (Zweiter von rechts) gehen schnell die Argumente aus.

Quelle: rnk

Gelldorf. 40000 Euro, so rechnet Stadtkämmerer Andreas Jasper dem Gremium in Gelldorf vor, würden an Kosten pro Jahr für die drei Ortsräte in Gelldorf, Vehlen und Krainhagen anfallen, davon wäre die Hälfte als Verwaltungsaufwand zu betrachten, schließlich würden die Gremien „qualitativ hochwertig“ (Jasper) betreut und dazu gehörten Vor-und Nacharbeiten im Rathaus, dazu komme noch das Protokoll und wenn wie an diesem Abend zwei Experten des Ingenieurbüros Kirchner hier zur Hochwasserproblematik referieren würden, „dann machen die das leider nicht umsonst“, sagt der Herr des Geldes.

 Das ist dann der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen lässt. Dazu muss man die Vorgeschichte kennen, und sie erzählt viel über das Selbstverständnis, mit dem sich der Ortsrat selbst betrachtet. Sehr viele Jahre hat man in Gelldorf um Regenrückhaltebecken gekämpft, hat sich vom Widerstand nicht entmutigen lassen und sich schlussendlich durchgesetzt. Viel Geld wurde dafür in die Hand genommen, zuletzt für das Regenrückhaltebecken an der B65.

 Und dann hat es am 13. Juli geregnet, oberhalb von Gelldorf wurde heftiger Starkregen verzeichnet. Und das Wasser ist dann nicht wie geplant geflossen, in den beiden oberen Rückhaltebecken konnte man mit Gummistiefeln locker durchgehen, erzählt Achim Pohl vom Team Gelldorf, dafür stand das Wasser auf seinem Hof – und der liegt an der Dorfstraße, also weit weg vom Ort des Geschehens. Für die Ortsrats-Mitglieder ist das natürlich richtig blöd: Man bekommt viel Geld für Rückhaltebecken – und dann funktionieren sie nicht. Wie erklärt man das dem Bürger?

 Nun, man befragt die Experten.

 Doch die beiden Vertreter des zuständigen Ingenieurbüros haben zwar viele Pläne mitgebracht, aber was sie nicht haben, ist eine Lösung. Sie haben sich, wie sich im Lauf der Sitzung herausstellt, keine Fotos angesehen, und auch den Film, den ein Ortsbewohner während der örtlichen Überflutung gemacht hat, kennen sie nicht, und den Besuch vor Ort haben sie anscheinend vergessen. Aber sie haben nach 60 Minuten einen prima Vorschlag, bevor sie gehen: Man könne mit dem Leiter der städtischen Bauabteilung einen Ortstermin ausmachen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, schönen Abend noch.

 Sehr viel später, bei der Diskussion über die Zukunft der Ortsräte, kommt Dirk Rodenbeck vom Team Gelldorf auf diesen Auftritt zurück: Man habe hier in diesem Gremium viel Arbeit in das Projekt investiert, das Planungsbüro habe viel Geld erhalten, dann funktioniere das alles nicht und nach zwei Monaten Bettelei würden die Fachleute hier endlich mal antanzen – und hätten nicht mal eine Lösung? Sollte heißen: Er hat eine Familie, er ist Landwirt und hat gerade im Sommer viel Arbeit, denn Ernte, das ist Rock`n Roll, stattdessen sitzt er im Ortsrat, wird von zwei Experten locker abgespeist und darf darüber nachdenken, ob nicht ein Ortsvorsteher die bessere Alternative sei: „Wie soll denn ein Ortsvorsteher allein eine Adventsfeier organisieren? Das ist doch zeitlich gar nicht zu schaffen. Und wer sollte das denn überhaupt sein?“, stellt Rodenbeck fest, ehe sein Blick auf seinen Nebenmann fällt. „Der Achim Pohl, der könnte das“, meint Rodenbeck: „Aber natürlich müsste er vorher seinen Beruf als Landwirt aufgeben.“

 Pohl verweist auf einen anderen Aspekt, den Kämmerer Jasper hervorgehoben hatte: Im Rathaus würden immer mehr Aufgaben auf immer weniger Mitarbeiter verteilt, auch das sei ein Grund, über die Streichung der Ortsräte zu sprechen. Pohl hat ein Beispiel aus der landwirtschaftlichen Praxis dabei, und es erzählt davon, wie umständlich und auch praxisfern im Rathaus gearbeitet und entschieden werde: „Es gibt Leute in der Verwaltung, die verwalten sich zu Tode.“ Er habe Ländereien in einem Nachbarort, sagt Pohl: Wenn dort der Graben dicht sei, dann greife der dortige Bürgermeister in die Tasche, hole das Handy heraus – „und 14 Tage später ist das erledigt.“

 Burckhard Molthahn, Pohl, Ute Stahlhut, Andreas Hofmann und Rodenbeck vom Team Gelldorf nehmen sich Stück für Stück die Argumente vor und zerpflücken sie alle. Der Ortsvorsteher wird von der Partei ernannte, die die meisten Stimmen erhält? Gut möglich, dass der Ort einen Ortsvorsteher erhält, den der Ort gar nicht will. Bei einem Ortsvorsteher fehlt die Erfahrung des Gremiums, das sich mit Menschen aus völlig unterschiedlichen Lebenswelten zusammensetzt, es fehlt dann die Schwarmintelligenz, könnte man sagen. Ein Ortsvorsteher als Ansprechpartner für den Rat und die Verwaltung? Beschäftigt die Mitarbeiter im Rathaus mit seinen Anliegen doch ebenso stark wie der Ortsrat.

 Und die SPD? Bleibt weitgehend stumm. Klaus Leinemann verweist einmal darauf, dass viele Themen auch in den Fachausschüssen diskutiert würden, Kirsten Battaglia erklärt, man habe im Stadtrat den Überblick. Beide werden sich später enthalten.

 Etwas fehlt in der Vorlage, meint Ortsbürgermeister Hofmann: Eine Auflistung der Werte, die Ortsräte schaffen. Die Ortschaften haben sich entwickelt, „aber die Leistungen, die erbracht wurden, stehen mit keinem Euro in den Vorlagen.“ Und: „Wir haben die Verwaltung erheblich entlastet, wir haben den Spielplatz selbst geplant, den Tempo-30-Bereich im Vogelbusch, das Regenrückhaltebecken: So pauschal zu sagen, die Ortsräte verursachen Kosten und das könnten wir sparen – so ist das nicht.“

 Hofmann verwies auf den Vogelbusch: Dort habe der Ortsrat den Tempo-30-Bereich geplant und alles mit den Behörden geklärt. „Und dann kommt der Fachausschuss und sagt, wir haben hier die Hoheit, wir beschließen das. Es war nicht der Ortsrat, der hier Kosten verursacht hat.“ Hofmann hat dazu eine Frage: „Es war eine rein örtliche Geschichte – warum dürfen wir sie dann nicht entscheiden?“

 Mit leichter Resigantion wurde empfohlen, die Ortsräte zu behalten und sie auf fünf Mitglieder zu reduzieren.rnk

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