Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -8 ° wolkig

Navigation:
Isegrims Imageproblem

Der gedemütigte Wolf Isegrims Imageproblem

Für Nina Dopheide ist Wilhelm Busch der „Dichter der Dichter“, aber auch beim Wiedensahler Reime-Schmied kommt Isegrim schlecht weg: Der Wolf war mit dem Löwen auf der Jagd, jetzt geht es um die Verteilung der Beute. Entlang des Weges kommt der Fuchs, er soll nun entscheiden, wer welchen Teil erhält.

Voriger Artikel
Schreck in der Abendstunde
Nächster Artikel
Vom Profi lernen

„O, schaurig ist’s, in einer Tür zu steh’n“: Poetry-Slammerin Nina Dopheide liest in der Pause Wolfs-Gedichte aus großer Mühlen-Höhe ab.

Quelle: rnk

Vehlen. Die listige Entscheidung: Der Löwe bekommt den vorderen und der Wolf den hinteren Teil, allerdings trennt der Fuchs das erlegte Tier direkt hinter dem Schweif. Immerhin lässt Busch dem gedemütigten Wolf ein Stück Restwürde: Er verschmäht die Beute und zieht von dannen.

Canis lupus, wie der Wolf mit lateinischen Namen heißt, war in den vergangenen Jahrhunderten vor allem eines: der böse Wolf. Wie man ihn aus Mythen und Märchen kennt. Das scheue Waldtier hat ein gewaltiges Imageproblem.

Das Obernkirchen-Projekt „Strull & Schluke“ widmet sich jedes Jahr einem Tier und sucht sich dafür jeweils einen Partner, 2016 wurde der Wolf ausgewählt. Mit dem Kneipp-Verein gab es zwei Veranstaltungen, eine wird noch folgen. Der Lesung in der Vehlener Wassermühle ging ein Besuch des Wolfcenters in Dörverden voraus, ein Info-Abend wird noch folgen.

Mehr als 60 Zuhörer

Winfried Brempel als Vorsitzender des Vereins der Vehlener Mühle drückte in seiner Begrüßung die Hoffnung aus, dass dieser Veranstaltung der Mühle noch viele weitere folgen würden. Der Wolfsabend jedenfalls war sehr gut besucht: Mehr als 60 Zuhörer kamen, Plätze waren schnell Mangelware. Aber das Ambiente stimmt: Dort lässt sich gut sitzen und zuhören oder -schauen, für kleine Kulturveranstaltungen bietet sich die Mühle geradezu an.

Der literarische Wolfsabend bot in rund 90 Minuten ein knappes Dutzend Vorleser an, und diese stützten sich auf Texte, in denen der Wolf nicht besonders gut wegkam. Ob dies nun die Bibelstelle vom Wolf im Schafspelz ist, die für jemanden gebraucht wird, der schadenbringende Absichten durch ein harmloses Auftreten zu tarnen versucht. Oder ob es das Märchen vom Wolf und den sieben jungen Geißlein ist, in dem sich die Bibelstelle als Metapher findet: In der Literatur ist der Wolf zumeist ein Wesen, vom man sich besser hüten sollte.

Ausnahmen bestätigen die Regel: Etwa im Dschungelbuch von Rudyard Kipling, wo Mowgli von seinen Eltern getrennt und im Dschungel zufällig auf eine Wolfsfamilie stößt, die ihn unter Leitung der Wölfin Rakscha zusammen mit ihrem eigenen Wurf aufzieht.

Und Rakscha stellt sich schützend vor das kleine Baby, als der Tiger es fordert, weil es seine Beute ist. Hier ist der Wolf mutig und charakterstark, und Schir Khan muss sich trollen, nicht ohne den Wölfen noch ein trotziges „Ihr Diebe mit den buschigen Schwänzen“ hinterherzurufen.

Der "Böxenwolf" geht um

Auch die Schaumburger Region hat ihre eigene Wolfserzählung: In alten Volkssagen wird vom „Böxenwolf“ berichtet, eine Art Werwolf, der in der Nacht einsame Wanderer auf dem Bückeberg, aber auch zwischen den umliegenden Dörfern anfällt, ihnen auf den Rücken springt und erst nach einer ganzen Weile wieder abspringt. Vorleserin Heidrun Walzberg kann sogar das Jahr benennen, in dem der „Böxenwolf“ die Region Röhrkasten und Krainhagen verließ: 1925. In jenem Jahr zog der Mann, der verdächtig wurde, das Wolfskostüm anzuziehen und die Menschen zu überfallen, aus der Region weg.

Und die Wirklichkeit, wie sieht sie heute aus? Neun Paare gebe es in Niedersachsen, erläuterte Arne Boecker von Strull & Schluke. Dazu kommen die Jungwölfe, die mit einem, spätestens zwei Jahren auf Wanderschaft gehen, manchmal über hunderte Kilometer. Heute steht der Wolf in Europa unter Artenschutz, und das Ansehen des Tieres ändert sich gerade. Denn von Natur aus gibt es weder „gute“ noch „böse“ Tierarten.

Wichtige Funktion im Ökosystem

Deshalb werden Tiere heute nicht mehr in „nützlich“ und „schädlich“ eingestuft; man gesteht auch Tieren ein Lebensrecht ihrer selbst wegen zu. Nicht zu vergessen: Bevor der Mensch den Wolf nahezu ausrottete, übernahm Letzterer als großer Beutegreifer eine wichtige Funktion im Ökosystem. Nicht zu Unrecht wurde und wird er gern als „Gesundheitspolizei“ des Waldes bezeichnet, da er häufig auch kranke und schwache Tiere frisst und somit den Bestand seiner Beutetiere „gesund“ hält. Denn Beute und Beutegreifer haben sich in der Evolution in einem Wechselspiel entwickelt – und wenn der Wolf fehlt, sind Ökosysteme ein deutliches Stück weniger vollständig. rnk

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg