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Obernkirchen Ortsteile Keine Fremde mehr im Spiegel
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07:06 14.02.2019
Die Teilnehmerinnen werden von Tanja Scheer (hinten, von links) und Katharina Engelking begleitet. Quelle: mld
Vehlen

„Es passt aber, auch zu deiner Mütze“, erwidert Tanja Scheer und deutet auf Floreans Kopfbedeckung, die so dunkelblau ist wie ihr Brillengestell. Florean trägt eine Mütze, weil ihr die Haare ausgefallen sind. Sie hat Brustkrebs und befindet sich in der dritten Runde ihrer Chemotherapie.

Gemeinsam mit zwei weiteren Frauen nimmt sie an einem Kosmetikseminar teil. Es ist ein besonderes Seminar, das an diesem Nachmittag im Klinikum Schaumburg stattfindet. Natürlich geht es – wie bei anderen Kosmetikkursen auch – darum, wie man Make-up so einsetzen kann, dass der eigene Typ betont wird. Dass die Augen strahlender erscheinen, die Wangen rosiger, die Lippen voller, die Konturen stärker betont werden. Doch vor allem geht es um zwei Dinge: um die gemeinsame Zeit. Und darum, Gefallen an dem Gesicht zu finden, das die Teilnehmerinnen vor sich im Spiegel sehen.

„Der erste Moment ist am schrecklichsten“

„Denn wenn während der Chemotherapie die Haare ausfallen“, erklärt Tanja Scheer, „dann ist das im ersten Moment ein Schock für die Frauen.“ Oft wirke das eigene Spiegelbild dann fremd. „Der erste Moment ist am schrecklichsten“, bestätigt Florean. Im September erhielt sie die Diagnose Brustkrebs, seit November befindet sie sich in Chemotherapie. Sie ist eigens aus der Nähe von Walsrode angereist, um am Seminar teilzunehmen. Die drei Teilnehmerinnen kommen aus unterschiedlichen Ecken Niedersachsens, kannten sich zuvor nicht – doch verstehen sich blendend.

Scheer ist diejenige, die den Kurs heute leitet. Sie stammt aus Nienburg und ist Kosmetikerin. Seit drei Jahren gibt sie diese Seminare, und zwar ehrenamtlich, in ihrer Freizeit. Sie ist dafür in ganz Niedersachsen unterwegs. „In den Seminaren passiert immer wahnsinnig viel, wir haben viel Spaß“, erklärt Scheer ihre Begeisterung. Dass das stimmt, merkt man, sobald man durch die Tür kommt: Die Stimmung ist gelöst, es wird viel gelacht. Wer glaubt, dass es hier traurig zugeht, könnte nicht stärker irren: Das Leben wird gefeiert.

Die Seminare organisiert die DKMS Life, eine gemeinnützige Gesellschaft aus Köln. Sie richten sich an Krebspatientinnen in Therapie und sind kostenlos, finanziert durch Spenden. Beispielsweise bekommt jede Teilnehmerin am Ende des Kurses eine Tasche mit Kosmetikartikeln mit nach Hause, zur Verfügung gestellt von Kosmetikunternehmen. „Ich wünsche mir, dass das Angebot noch bekannter wird“, sagt Scheer.

Hoffnung

Die Krebsdiagnose ist bei Teilnehmerin Petra Langhans noch nicht lange her. Mit der Chemotherapie hat sie gerade erst begonnen. Im Gegensatz zu den anderen beiden Frauen hat sie ihre langen, blonden Haare nicht verloren. Das könnte noch kommen, vielleicht. Doch die Art, wie Viviana Florean und Janina von Harpe mit diesem Verlust umgehen, „gibt mir viel Hoffnung“, erzählt Langhans. Florean beispielsweise erzählt, dass sie sich vor Therapiebeginn die Haare kurz geschnitten hat. Mit einer hautfarbenen Strumpfhose über dem Kopf habe sie außerdem versucht, nachzustellen, wie eine Glatze wohl aussehen könnte. Sie kichert, während sie das erzählt.

An ihren haarlosen Kopf habe sie sich schnell gewöhnt. „Ich freue mich darauf, wenn die Haare wieder wachsen und ich sie kurz tragen kann“, sagt Florean. „Ein paar Tage braucht es schon, bis man sich an das neue Aussehen gewöhnt hat“, erzählt die Schaumburgerin Janina von Harpe. Aber dann könne man ganz normal damit leben.

„Genau darum geht es bei den Kursen“, sagt Scheer: Um das Sich-Beschäftigen mit der Veränderung, die eine Krebstherapie mitbringt – und zwar in positiver Weise. Manche Patientinnen verlieren ihre Haare, manche auch Augenbrauen und Wimpern dazu, bei manchen wird die Haut sehr trocken oder fleckig. Scheer zeigt, wie man damit umgehen kann, was man beispielsweise im Gesicht zu betonen hat, wenn man von der Kopfbedeckung ablenken will. Dazu gehört auch Mut, erzählt Scheer. Manche Frauen hätten sich noch nie geschminkt, bevor sie zu ihr ins Seminar gekommen seien. Und die meisten seien anfangs zaghaft, wenn es um kräftige und frische Farben gehe.

Die drei Frauen jedenfalls sind nach Ende der zwei Stunden begeistert. Durch die Chemotherapie habe sich für sie viel verändert, erzählt Janina von Harpe. Hier habe sie wertvolle Tipps bekommen. Viviana Florean lacht: „Wer hätte gedacht, dass wir noch so viel aus uns herausholen können.“

Weitere Infos gibt es unter www.dkms-life.de.

Von Marieluise Denecke