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Obernkirchen Ortsteile Schlechte Behandlung in Notaufnahme?
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21:21 01.06.2018
„Es kann nicht sein, dass man auf einer Notaufnahme nur Hilfe bekommt, wenn man einen Aufstand macht“, sagt Heike Biermann, Tochter der 87-Jährigen, die auf der Intensivstation des Klinikums Schaumburg verstarb. Symbol Quelle: Pixabay
Vehlen

Zusammen mit ihrer Schwester Heike Biermann hat sich die Bückeburgerin in unserer Redaktion eingefunden, nicht unbedingt, um darüber zu sprechen, dass ihre Mutter starb – sondern wie.

Ihre Mutter, eine Rintelnerin, die selbstbestimmt lebte, hatte schon vor Tagen über Erkältungssymptome und Erbrechen berichtet. Am 9. Februar war sie dann so geschwächt, dass der Pflegedienst den Notarzt rief. Dieser ließ die Seniorin mit Verdacht auf Lungenentzündung per Rettungswagen ins Klinikum Schaumburg bringen. Den Bericht der Sanitäter mit Blutwerten und verabreichten Medikamenten gibt es noch.

Um 10.27 Uhr, erzählen sie, traf die Seniorin im Klinikum ein. Als Winnacker um 13 Uhr dort ankam, habe sie feststellen müssen: Erst jetzt war eine Ärztin bei ihrer Mutter, knapp zweieinhalb Stunden nach Einlieferung. Als Winnacker zu ihrer Mutter aufs Zimmer konnte, habe die sich „in einem erbärmlichen Zustand“ befunden. Die Ärztin hingegen habe an einem Computer gesessen und laut Winnacker nicht mit ihrer Mutter gesprochen. Auch eine Untersuchung habe noch nicht stattgefunden. Erst, als sie von Winnacker darauf angesprochen worden sei, habe die Ärztin Informationen zu Vorerkrankungen eingeholt. Die Seniorin war Marcumar-Patientin wegen einer Bypass- und Herzklappen-OP.

Danach passierte laut Winnacker erst einmal – nichts. Ihre Mutter sei noch an den Tropf mit Kochsalzlösung angeschlossen gewesen, den sie im Rettungswagen bekommen habe. Dieser war jedoch inzwischen leer, und ihre Mutter klagte über Durst. Als Winnacker dies auf dem Flur Schwestern mitteilte, habe sie ein „Ja, wir kümmern uns“ zu hören bekommen – doch auch dann sei nichts passiert. Erst beim zweiten Bitten wurde ihr eine Flasche Wasser „in die Hand gedrückt“.

Gegen 15 Uhr ging es der Seniorin schlechter, sie musste sich erbrechen. Auch dann kam niemand. Einen Notrufknopf habe es auf dem Zimmer nicht gegeben. Heike Biermann sowie Winnackers Sohn waren nun eingetroffen.

Nicht nur beklagen Winnacker und Biermann, dass niemand von sich aus nach ihrer Mutter gesehen habe – auch sei der Ton derjenigen, die angesprochen wurden, ruppig oder lustlos gewesen. Auf die Not ihrer Mutter angesprochen, habe eine Ärztin geantwortet: „Dafür bin ich nicht zuständig, das machen die Schwestern in Blau.“

Gegen 16 Uhr habe sich der Zustand der Seniorin verschlechtert, die Atemnot verschlimmerte sich. „Ich musste lautstark auf mich aufmerksam machen“, erzählt Winnacker. Nur zwei Ärzte habe sie auf dem Flur gesehen. Der Leitende Oberarzt sei schließlich aufmerksam geworden. Dann sei plötzlich alles sehr schnell gegangen: Die Mutter wurde in den Schockraum gebracht. Die Familie wurde in die Wartezone geschickt. Der Oberarzt habe schließlich erklärt, was passiert war: Die Seniorin habe eine schwere Lungenentzündung, Erbrochenes war in die Lunge geraten. Es sei gut gewesen, dass sie „Alarm“ geschlagen hätten, habe der Oberarzt gesagt. Nun wurde die Seniorin medikamentös behandelt und künstlich beatmet.

Am nächsten Morgen habe Winnacker ihre Mutter noch kurz gesehen. Mittlerweile lag sie auf der Intensivstation, „ihr Zustand war besorgniserregend“, so Winnacker. Und er verschlechterte sich weiter: Sie habe eine Blutvergiftung bekommen, außerdem habe sie an die Dialyse gemusst. Am 13. Februar dann der Anruf der Intensivstation, die Schwestern sollten sofort vorbeikommen. Bereits mehrfach habe man die Seniorin wiederbeleben müssen. „Wir entschlossen uns schweren Herzens, unserer Mutter den weiteren Kampf zu ersparen“, so Winnacker.

Angesichts des Alters und der Vorerkrankungen ihrer Mutter bezweifeln weder Winnacker noch Biermann, dass ihre Mutter auch in anderen Krankenhäusern vielleicht nicht überlebt hätte. „Aber dieser Tod war geprägt von Desinteresse und Gleichgültigkeit vonseiten des Personals der Notaufnahme“, so Winnacker. „Den Zustand und die Qual auf der Notaufnahme hätten wir ihr gern erspart.“ Auf der Intensivstation hingegen habe man sich „vorbildlich und rührend“ gekümmert.

Doch „den Weg bis zur Intensivstation“ an der Notaufnahme vorbei, den müsse man erst einmal geschafft haben. Aus ihrer Sicht ist die Notaufnahme schlecht organisiert, Schwestern hätten „planlos und unstrukturiert“ gewirkt, „wie ein Ameisenhaufen“.

Auch Biermann sagt: „Es kann nicht sein, dass man auf einer Notaufnahme nur Hilfe bekommt, wenn man einen Aufstand macht.“ Und dass jemand, der mit Rettungswagen ins Klinikum gebracht wird, sechs Stunden lang keine ärztliche Hilfe bekomme. Aus Stadthagen oder Rinteln kenne sie solche Zustände nicht. Dabei sei das Agaplesion-Klinikum ein evangelisches Krankenhaus, das sich „in der Tradition christlicher Nächstenliebe“ stehen sieht.

Die Sache liegt nun einem Anwalt vor, Strafanzeige wurde gestellt. Der Staatsanwalt hat die Aussichten auf Erfolg allerdings schon getrübt: Er sehe kein Fehlverhalten, berichten die Schwestern. Winnacker und Biermann wollen aber noch lange nicht aufgeben.

Sie hoffen außerdem, dass sich durch die Veröffentlichung ihrer Geschichte andere Menschen melden, die Ähnliches erlebt haben.

„Mit schwersten Fällen überbelegt“

Die Pressestelle des Agaplesion Klinikums Schaumburg antwortet schriftlich auf die Fragen unserer Zeitung. Bei Patienten, die in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) ankommen, gebe es zunächst eine Ersteinschätzung bei jedem Patienten durch „eine speziell geschulte Pflegekraft“, so Pressesprecherin Nina Bernard. Diese erfolge nach dem „Manchester Tirage System“, wobei die Erkrankungszeichen sowie wichtige Werte von Puls, Atmung und Ähnlichem erhoben und danach die Dringlichkeit für die Versorgung des Patienten festgelegt wird. Darüber werde auch im Wartebereich der Notaufnahme informiert. Patienten, die per Rettungswagen eingeliefert werden, „werden in der Regel sofort bei Ankunft gesichtet“, so Bernard. „So schnell wie möglich“ werde ein Arzt hinzugezogen. Danach folgten die ersten diagnostischen Schritte wie Ultraschall, und weitere Fachabteilungen würden hinzugezogen. Für die Notaufnahme seien „immer“ Ärzte aus den Fachabteilungen Unfallchirurgie, Innere Medizin sowie Allgemein- und Viszeralchirurgie eingeteilt. Weitere Ärzte stünden auf Abruf bereit. Zudem gebe es einen Leitenden Oberarzt, einen Oberarzt und einen Chefarzt. Hinzu kämen Pflegekräfte und medizinische Fachangestellte. Das Datum der Einlieferung – der 9. Februar – deute „auf einen schwierigen Tag in der Grippesaison hin“, so Bernard. „Zu dieser Zeit waren wir mit schwersten Fällen von Atemwegserkrankungen überbelegt, bei der wir Patienten nur noch Betten oder Tragen in der ZNA bieten konnten.“ „Alle Kliniken“ seien auf diese Art betroffen gewesen.

mld