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Wenn Plakatwände zur Plage werden

Gelldorf Wenn Plakatwände zur Plage werden

„Ich hätte selbst Gelegenheit, auf meinem Grundstück zwei von diesen Werbetafeln aufzustellen und damit Geld zu verdienen“, sagt Volker Wehmeyer. „Aber“, betont der Bauingenieur, der den Politikern als Sachkundiger zur Seite steht: „Ich leiste mir, es nicht zu tun.“ Wie wohl das Gros der Bergstädter auch, ist Wehmeyer nämlich der Meinung, dass „das Maß voll“ ist, Obernkirchen und insbesondere Gelldorf keine weiteren dieser Tafeln mehr vertragen.

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Werbegroßtafeln wie diese an der Hauptstraße/B65 in Gelldorf sind vielen Bürgern ein Dorn im Auge.

Quelle: tw

Gelldorf. Wenn… ja wenn das von der B65 geteilte Dorf nicht aussehen soll wie eine dieser gesichtslosen Vorstädte von Las Vegas. Stein des Anstoßes sind dabei die als große Bilderrahmen konzipierten und manchmal zu allem Übel auch noch beleuchteten Tafeln, die Fremdwerbung tragen; nicht aber die örtlicher Kaufleute, die direkt an der „Stätte der Leistung“ stehen, wie es im Behördenjargon heißt.

 Doch die Abwehr zu organisieren ist alles andere als einfach. Denn Werber, die sich mit ihren Plakatwänden an den Bundes- und Landesstraßen abgewiesen sehen, ziehen schnell vor Gericht – und da wäre die Bergstadt dann bekanntlich ebenso wie auf See in der sprichwörtlichen „Gotteshand“.

 Den Blick der Stadtentwickler dafür zu schärfen, was an Widerstand dennoch möglich ist, hat sich Matthias Reinold vom gleichnamigen Planungsbüro mit Sitz in Rinteln auf die Fahne geschrieben. Zwar gibt es aktuell „keine Anfragen“, neue Werbetafeln aufzustellen, wie Bürgermeister Oliver Schäfer auf eine Anfrage des Grünen-Fraktionschefs Thomas Stübke erklärt. Doch das Gremium um Ausschusschef Manfred Eßmann will gewappnet sein und nicht urplötzlich kalt erwischt werden. Um die zentrale Aussage Reinolds gleich vorweg zu nehmen: Der Planer warnt vor einer „Satzungseuphorie“ als Lösung des Problems.

 Auch eine von vielen Politikern favorisierte Werbeanlagensatzung könne nämlich „nicht pauschal ausschließen“, dass Werbefirmen weitere Tafeln aufstellen: „Die Satzung müsste die Schutzbedürftigkeit jedes einzelnen Flurstücks parzellenscharf nachweisen“, so Reinold. Außerdem würde eine Satzung Geld kosten. Gut und gerne 3500 Euro, vielleicht aber auch das Doppelte. Das klingt nicht gut in den Ohren der Abgeordneten, die den nackten Boden in der Stadtkasse sehen.

 Daher wollen Eßmann & Co. lieber der Empfehlung des Fachmanns an das Rathaus folgen, die da lautet: „Arbeiten Sie zunächst Handlungsempfehlungen für Obernkirchen, Gelldorf, Vehlen und Röhrkasten aus.“ Viele Gefahrenpunkte ließen sich quasi en passant und mit wenig Aufwand als „Geschäft der laufenden Verwaltung“ entschärfen“, gibt Reinold dem Bürgermeister einen Fingerzeig. Komme dann irgendwann ein weiterer Antrag für eine Tafel auf den Tisch, könnten die Bürgervertreter ihn bis zu einem Jahr zurück stellen – und in dieser Zeit mit einer Satzung immer noch ein schärferes Schwert schmieden.

 Dass in nicht all zu ferner Zeit der eine oder andere Antrag kommen wird, das hält Reinold mit Blick auf den Neubau des Klinikums Schaumburg in der Vehlener Feldmark für sehr wahrscheinlich: „Mit der Zunahme des Verkehrs auf den Zufahrtstraßen werden diese Straßen für Werbefirmen immer interessanter.“

 „Bislang“, so der Rintelner, „haben die Planungsrechtler im Zweifelsfall oft im Sinne der Werbefirmen entschieden.“ Doch das ändere sich gerade. Dabei könnte der aktuelle Strukturwandel auf dem Lande der Stadt in die Karten spielen. Dieser Strukturwandel bedeutet, dass Betriebe aus den Dörfern mehr und mehr verschwinden und dort nicht mehr gearbeitet, sondern nur noch gewohnt wird.

 Was auf der einen Seite bedauerlich ist, bedeutet auf der anderen eine Chance. Denn die Dorflagen würden sich dadurch von Mischgebieten in reine Dorf- respektive Wohngebiete verwandeln – und in denen lassen sich neue Werbegroßtafeln auch ohne Behördenerlass verhindern; die haben da nichts zu suchen. Allerdings: Damit ein Dorf Dorfgebiet bleibt, muss es mindestens noch eine Hofstelle vorweisen können...

 Last, but not least könnte Obernkirchen auch ein Trick wie dieser helfen: „Bei Werbefirmen gefragt sind in der Regel Tafeln von um die sechs Quadratmeter Größe“, weiß der Planer. Statt in einer Satzung Werbetafeln generell zu verbieten, was im Streitfall vor Gericht schlecht ankomme, könnte die Stadt auch „guten Willen“ zeigen – und mit einem spitzbübischen Lächeln drei Quadratmeter genehmigen; womit sich das Begehren der Werber schnell erledigen könne.

 Zur Erinnerung: Ins Gespräch gebracht hatte eine „Werbeanlagensatzung“ bereits vor der Ortsrat Gelldorf in der Gestalt von Andreas Hofmann, als Ortsbürgermeister Hauptbetroffener des Wildwuchses. „Allein an der Hauptstraße sind in den letzten drei Jahren auf weniger als 100 Metern bereits drei Werbetafeln je Fahrtrichtung (!) aufgestellt worden“, hatte der moniert – und sich geärgert, dass die Stadt das Problem nicht aufgegriffen hatte.

 Indes: „Wegen anderer Prioritäten im Bauamt hat sich das Ganze leider verzögert, konnte ich nicht so forsch rangehen, wie ich wollte“, bedauert Mitarbeiter Michael Swoboda. tw

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