Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Wie in alten Zeiten

Luther-Mahl in Vehlen Wie in alten Zeiten

Rund 90 Gäste haben beim „Luther-Mahl“ der Kirchengemeinde Vehlen eine Zeitreise ins Mittelalter angetreten. Außer Ragout und Bier gab es gute Gespräche und viele schauspielerische Einlagen. Der Duft von Gebratenem und Gesottenen ist schon aus einiger Entfernung zu bemerken.

Voriger Artikel
Jeder Ton hilft
Nächster Artikel
Aufstrebendes Gartengemüse

Berühmtes Trio: Luther (Jörg Dettmer), Katharina von Bora (Miriam Wegener) und Melanchthon (Martin Wegener).

Quelle: mig

Vehlen. Immer wenn sich die Tür zum Gemeindehaus öffnet, dringt der Geruch in Schwaden heraus und lässt den Neuankömmlingen das Wasser im Mund zusammenlaufen. So also riecht mittelalterliche Küche? So hat Katharina von Bora, die Ehefrau Martin Luthers, gekocht? Na ja, etwas anders wird es schon noch gewesen sein. Im Gemeindehaus gibt es schließlich weder einen Dreifuß noch eine offene Feuerstelle.

Die Rezepte, an denen sich die Köche an diesem Abend orientieren, sind jedoch im Grunde aus dem Mittelalter. „Es gab damals viel Gemüse, aber auch Fleisch und viel Brot. Schließlich gab es die Kartoffel damals noch nicht“, sagt Simone Schmidt, die an einem der Töpfe steht. Die Küche sei trotzdem ziemlich vielseitig gewesen.

Im Garten der Luthers tummelten sich zehn Schweine, drei Ferkel, fünf Kühe, neun Kälber, eine Ziege und einige Pferde – nebst Hühnern, Gänsen, Enten und Tauben. Daneben wuchsen Kohl, Rüben, Bohnen oder Wildkräuter wie Sauerampfer. „Man wusste sich zu helfen“, meint Schmidt.

Dass Luthers gut zu leben wussten, zeigt auch ein Blick auf das Angebot, dass das „Luther-Mahl“ für die Gäste bereithält. Es gibt Hirsebrei, marinierte Pilze, Puffbohnen in Rahmsoße sowie Schweinefleisch- und Rinderragout. Für jeden ist etwas dabei, „wir wissen gar nicht, womit wir anfangen sollen“, meint ein Paar am Büfett. Die Auswahl sei riesig.

Gebraut wie im 15. Jahrhundert

Beim Bier ist das etwas anders. Hier wird nur eine Sorte angeboten, ein dunkles Bier aus der Meierhöfer-Brauerei ein paar Häuser weiter. „Mehr braucht es auch nicht – dieses Bier ist ohnehin das beste“, sind sich alle einig. Es sei ein „Bier mit Charakter“, also eines, das so oder so ähnlich auch im 15. Jahrhundert hätte gebraut werden können. Luther hätte dieses besondere Bier sicher geschmeckt, ist doch von ihm folgender Ausspruch überliefert: „Wer kein Bier hat, hat nichts zu trinken.“ Aber auch: „Trinken ohne Durst, Studieren ohne Lust, Beten ohne Innigkeit – sind verlorene Arebeyt.“ Außer Luther tranken auch seine Zeitgenossen viel Bier, was vor allem daran lag, dass Wasser nur als Quellwasser unbedenklich war, also krank machen konnte.

Nicht unerwähnt soll auch bleiben, dass sowohl Martin Luther (alias Jörg Dettmer), seine Frau Katharina (Miriam Wegener) und sogar Philipp Melanchthon (Martin Wegener) beim „Luther-Mahl“ anwesend waren. Die drei saßen an der Spitze der Tafel, diskutierten mit ihren Sitznachbarn – und ließen sich die Gerichte schmecken.

Schön, dass die Vehlener Organisatoren nicht nur Luther und Gattin würdigten, sondern auch den im gewaltigen Schatten des Reformators gern übersehenen Melanchthon.

Die Beziehung der beiden war stets von großer Intensität geprägt. Schon früh war aus der gemeinsamen Arbeit an der Universität eine innige Freundschaft geworden. Wie eng diese Beziehung gewesen ist, verdeutlicht ein Ausspruch Melanchthons über seinen Freund Luther: „Ich würde lieber sterben, als von diesem Manne getrennt zu sein.“ Luther hatte Melanchthon von der Sache der Reformation schnell überzeugen können. Sie ergänzten sich perfekt: Melanchthon konnte sich mit seiner Intelligenz und seiner Neugier meistens viel besser als der oft ignorante Luther in gegensätzliche Positionen hineindenken – und diese dann auch würdigen.

Ein ganz besonderes Zwischenspiel

Zurück nach Vehlen, zurück zum „Luther-Mahl“. Mit dem Essen war der Reformator mehr als zufrieden: „Das ist einfach ausgezeichnet. Es schmeckt großartig, ich werde mir gleich noch einen Nachschlag holen.“ Essen halte schließlich Leib und Seele zusammen, so Luther weiter. Allerdings dürfe man das rechte Maß nicht verlieren. In einem kurzen Zwischenspiel forderte „Luther“ die Gäste auf, zu rülpsen und zu furzen: „Oder hat es euch nicht geschmecket?“ Die Gäste kamen dieser Aufforderung zwar nicht nach, aber es gab viel Beifall für das gesamte Küchenteam.

Überhaupt war es viel zu manierlich für ein Mahl wie zu Luthers Zeiten. Wie heißt es so schön im zeitgenössischen Grobianus (1549): „Was du im Mund hast, leg nicht aufs Geschirr zurück, wirf keine Abfälle unter den Tisch, spuck nicht über den Tisch.“

Zufrieden zeigten sich auch Karlheinz Bruns, Dieter Weihmann, Jörg Dettmer und Martin Wegener, die Ideengeber des Mahles. Gespräche und Vorträge zum Lutherjahr gebe es schließlich genug, man habe deshalb einen unmittelbareren Zugang wählen wollen. Die Hauptsorge der vier war, ob es gelingen würde, 90 Gäste zu verköstigen. Das war an diesem Abend aber wirklich kein Problem. Den Gästen hat das etwas andere Mahl jedenfalls gut gefallen. Von allen Seiten gab es viel Lob für die Organisatoren und Pastor Günter Fischer, der es sich nicht nehmen ließ, Geflügel zu schneiden und Soße zu verteilen.

Kurzum: Eine wirklich gelungene Veranstaltung, die Luthers Bild eine neue Facette hinzugefügt hat. Luther mal nicht als unerbittlicher Thesenschläger, sondern als Mensch wie du und ich. mig

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Eine gute Tradition findet regelmäßig ihre Fortsetzung – die „Aktion Weihnachtshilfe“. In der Vorweihnachtszeit rufen die Schaumburger Nachrichten unter dem Motto „Schaumburger helfen Schaumburgern“ jedes Jahr zu Spenden für bedürftige Menschen im Landkreis auf. mehr

Schaumburg