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19 Stolpersteine sollen in Obernkirchen verlegt werden

Aktion als Gedenken 19 Stolpersteine sollen in Obernkirchen verlegt werden

Der Anfang ist gemacht: Am Mittwoch, 1. Juli, sollen – wie berichtet – 19 Stolpersteine für die Opfer des NS-Terrors der Jahre 1933-45 verlegt werden. Wer aber sind die Opfer, die in Obernkirchen Schreckliches erdulden mussten? Während einer Info-Veranstaltung hat Wilfried Bartels die Personen vorgestellt, an die mit dieser Aktion erinnert werden soll.

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Die Mitglieder des Initiativkreises: Wilfried Bartels (von links), Sybille Schlusche, Werner Hobein und Christoph von Abendroth mit Günter Schlusche (Zweiter von links), der den Vortrag über die Stolpersteine gehalten hat.

Quelle: mig

Obernkirchen. 19 Stolpersteine sollen verlegt werden. Ganze Familien sind aus Obernkirchen verschleppt und deportiert worden, Männer, Frauen und Kinder – viele kamen um. Ein schlimmes Schicksal, das auch der Familie von Elias Lion und seiner Ehefrau Anna, geborene Bloch, sowie den zwei Töchtern Ruth und Edith, widerfahren ist. Die Familie wohnte damals im Haus Lange Straße, heute Nr. 22. Elias Lion war wie sein Bruder Leopold, ein hoch angesehener Bürger der Stadt Obernkirchen. Laut Wilfried Bartels nahm er sogar am Ersten Weltkrieg teil (als Freiwilliger) – darüber hinaus war er ehrenamtlich sehr engagiert. Noch 1930 wählte ihn die Mehrheit der Obernkirchner Geschäftsleute zum Vorsitzenden des Handels- und Wirtschaftsvereins.

 Richtig schlimm wurde es dann ab Mitte 1939, als die Stadt, eine „besonders niederträchtige Anordnung“ erließ, die allerdings von „oben“ vorgegeben war, wie Bartels ausführte. Der Erlass sah vor, dass jüdische Menschen, die ihre Ausreise noch nicht konkret nachweisen konnten, ihre Wohnung zugunsten sogenannter arischer Familien räumen mussten. Danach sollten sie in dem – von der Stadt beschlagnahmten – Synagogengebäude (dem sogenannten „Judenhaus“) einquartiert werden. Nachdem Elias mit seiner Familie im März 1942 zur Deportation ins Sammellager Hannover-Ahlem abtransportiert worden war, erlitt er einen Schlaganfall. Der Sterbenskranke wurde zurück nach Obernkirchen transportiert, wo er zwei Tage später, am 1. Juni 1942, starb.

 Die nun verwitwete Anna Lion und ihre beiden Töchter wurden Ende Juni 1942 von Hannover aus mit 400 anderen jüdischen Menschen in das KZ Theresienstadt deportiert. Dort verstarb Anna im Mai 1943 aufgrund katastrophaler hygienischer Verhältnisse an den Folgen einer Typhus-Epidemie.

 Ruth und Edith Lion erging es ähnlich schlimm. Zwar überlebten die Schwestern das KZ Theresienstadt und sogar das Frauenlager Auschwitz-Birkenau, das wegen der nahenden Roten Armee im November 1944 geräumt wurde. „Wer aber gehofft hatte, dass es ihnen im KZ Bergen-Belsen besser erginge, wurde enttäuscht.“ Das Lager sei die „Hölle auf Erden“ gewesen, so Bartels – Ruth und Edith Lion starben an Fleckfieber und Typhus – wenige Wochen, bevor ein britisches Vorauskommando das Lager befreite.

 Am 1. Juli kommt Gunter Demnig nach Obernkirchen, um hier 19 Stolpersteine zu verlegen. Die Steine sollen an das Schicksal folgender Personen erinnern: Familie Leopold und Elias Lion, die an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße 6 – damals Adolf-Hitler-Straße – ein renommiertes Textilkaufhaus besaßen, aber mit ihren Familien zur Miete wohnten – Elias an der Langen Straße, heute Nr. 22, und Leopold am Kirchplatz 2. Insgesamt neun Familienmitglieder.

 Familie Paul Adler, der ebenfalls ein gut gehendes Textilkaufhaus an der Langen Straße, heute Nr. 9, führte, und in diesem Haus mit Frau und Sohn auch wohnte – insgesamt drei Personen.

 Familien Max und Martin Schönfeld, beide Familien wohnhaft heute Sülbecker Weg 22, damals noch die selbstständige schaumburg-lippische Gemeinde Rösehöfe 7, insgesamt sechs Personen.

 Ein weiterer Stolperstein soll vor dem ehemaligen Kaufhaus der Gebrüder Lion an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße verlegt werden. Begründung der Initiativgruppe: Das jüdische Kaufhaus sei ein Symbol für das damals florierende Geschäftsleben in Obernkirchen.

 Einen Dank richtete Wilfried Bartels an Rolf-Bernd de Groot und Günter Schlusche, deren „akribische und ausführliche Aufzeichnungen und Schilderungen“ in dem Buch „Jüdisches Leben in der Provinz“ die notwendigen Informationen für die Stolpersteinaktion geliefert hätten. Schlusche informierte das Publikum dann darüber, dass der Verlegung der 19 Stolpersteine weitere folgen könnten. „Das hier ist ein Netzwerk, dass sich erweitern und weiter gestrickt werden kann. Die Stolpersteine, mit denen jetzt begonnen wird, sind ja längst nicht alle.“ Die „Kernidee“ der Stolpersteinaktion sei es, ein „dezentrales Netzwerk“ zu bilden, in dem an einzelne Menschen erinnert und jedes Opfer in seiner Individualität gewürdigt werde. Das unterscheide die Stolpersteine von anderen Gedenkstätten. „Über die Steine kann im buchstäblichen Sinne des Wortes kein Gras wachsen“, ergänzte Werner Hobein diesen Gedanken.

 Schon zuvor hatte Christoph von Abendroth in seiner Begrüßung das Signal gelobt, das von der Verlegung ausgehe. „Es hat mich bewegt zu sehen, wie viele Menschen sich daran beteiligen wollen“, sagte von Abendroth später in einem Gespräch. Er hoffe, dass der Rahmen jetzt auch mit Leben gefüllt wird. Auf eine Frage aus dem Publikum, ob nicht auch die Täter kenntlich gemacht werden müssten, antwortete Hobein: „Sicher ist da, wo ein Opfer ist, auch ein Täter. Die Frage ist, ob wir das, was in den letzten 70 Jahren nicht aufgearbeitet wurde, jetzt alles en bloc schaffen können.“ mig

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