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Abschied von einem Stück Geschichte

Obernkirchen Abschied von einem Stück Geschichte

Der geplante Abriss eines Wohn- und Geschäftshauses an der Friedrich-Ebert-Straße vermittelt Hoffnung und zugleich Wehmut: Hoffnung, dass die gewünschte „Signalwirkung für das Zentrum der Bergstadt“ (Bürgermeister Oliver Schäfer), tatsächlich eintreten wird. Wehmut, weil ein Symbol für florierendes jüdisches Geschäftsleben in Obernkirchen für immer verschwindet.

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So sah das Textilkaufhaus „Elias Lion & Co.“ nach der Modernisierung 1911 aus.pr., tw

Obernkirchen. Von Wilfried Bartels

Das Gebäude, das heute nach mehrjährigem Leerstand einen deprimierenden Eindruck macht, war einst ein renommiertes jüdisches Kaufhaus, das zuletzt Elias und Leopold Lion („Elias Lion & Co.“) führten; „einst“ heißt von 1911 bis 1933.

Gründervater der Familien Lion in Obernkirchen und Stadthagen und Gründer zweier Geschäfte in Obernkirchen war der Großvater der letzten Inhaber des Kaufhauses „Manufactur & Modewaren“, der Brüder Elias und Leopold Lion. Der Großvater wurde 1808 geboren und war 18-jährig aus einem kleinen Ort namens Zünterbach in Hessen nach Nienstädt zugewandert. Sein Name war Elijahu Halevi. Erst in Nienstädt legte er sich den Namen Elias Lion zu. Er fand Arbeit als Schlachtergehilfe bei einem Nienstädter Juden und Viehhändler.

Zehn Jahre später (1836) zog es ihn nach Obernkirchen, wo seine Braut wohnte, die gleichaltrige Tochter Betty des Schlachters Alexander Schönfeld. Dieser verlangte von seinem künftigen Schwiegersohn, seine Zukunft noch vor der Ehe auf eine sicherere Grundlage zu stellen. Dazu gehörten eine abgeschlossene Schlachterlehre mit Gesellenbrief und der Erwerb der „Ortsbürgerschaft“ von Oberkirchen. Nach vielerlei Schwierigkeiten gelang ihm beides. 1838 bestand der nun 30-Jährige die Gesellenprüfung. Die Ortsbürgerschaft erhielt er 1839, nachdem er im Rathaus einem Geldbeutel mit 500 Talern vorgezeigt hatte. Gerade noch früh genug, um seine hochschwangere Verlobte vor der Niederkunft heiraten zu können. Nachdem schon bald nach der Hochzeit sein Schwiegervater starb, führte er dessen Schlachterei weiter, legte auch noch die Meisterprüfung ab.

Elias betrieb die Schlachterei bis zu seinem Tode 1878, hatte aber auf Drängen seiner vier Söhne mehr und mehr auf Handel umgestellt – auf Viehhandel, hauptsächlich aber auf den Handel mit Kolonialwaren, Ziegenfellen und Wolle. In dieser Zeit erwarb er ein weiteres Gebäude, gegenüber dem schon vorhandenen Haus an der damaligen Kurzen Straße, die während der Nazizeit in Adolf-Hitler-Straße umbenannt wurde und seit 1945 Friedrich-Ebert-Straße heißt. Auch dort errichtete er ein Geschäft.

Lion war nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er engagierte sich als Zunftmeister für das Schlachterhandwerk, übernahm Aufgaben und Ehrenämter in der jüdischen Gemeinde und setzte sich für den Bau einer Synagoge ein, die 1839 an der Strullstraße fertig wurde. Mit Philipp Adler wurde er später Gemeindevorsteher.

Nach Elias Tod führte seine Frau Betty, unterstützt von ihren Söhnen, die Geschäfte unter der Firmenbezeichnung „Elias Lion Wwe“ fort. Den Schlachtereibetrieb meldete Betty sechs Jahre nach dem Tod ihres Mannes mit der Begründung ab, die Söhne betrieben inzwischen ein Manufactur- und Produktionsgeschäft.

Nachdem Betty 1885 verstorben war, ging das Manufacturgeschäft auf die Söhne Alexander und Magnus über. Das Geschäft auf der gegenüberliegenden Seite übernahm Sohn Moritz und betrieb dort einen Eiswarenhandel. An der Firmenbezeichnung „Elias Lion Wwe“ änderte sich für beide Geschäfte nichts. Der jüngste Sohn Philipp hatte einen Eisenwarenhandel in Stadthagen.

Das ehemalige Wohn- und Geschäftshaus mit dem Eisenwarenhandel des Sohnes Moritz wurde vor einigen Jahren abgerissen.

Magnus starb bereits 1906. Alexander führte nun das Geschäft allein, wurde von seiner Frau Frommet, genannt Fanny, und den Söhnen Elias und Leopold unterstützt. Nach dem Umbau änderte sich der Firmenname in „Elias Lion & Co.“, aber nach wie vor bezog sich der Name auf den Gründer. Alexander starb 1919. Seine beiden Söhne, Elias und Leopold, führten von nun an gemeinsam das Geschäft.

1925 starb der unverheiratete und kinderlose Eisenwarenhändler Moritz Lion. Er vermachte Haus und Geschäft seiner Schwägerin Fanny. Diese wohnte in diesem Haus und betrieb den Eisenwarenhandel, solange sie dies noch konnte. Dies Geschäft lief weiterhin unter der Firmenbezeichnung „Elias Lion Wwe“.

Die Brüder Elias und Leopold Lion führten das Kaufhaus sehr erfolgreich durch die Wirren der Weimarer Zeit. Mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 und den schon zwei Monate später beginnenden staatlich gelenkten Boykottaufrufen gegen jüdische Geschäfte sowie dem sich ständig verschärfenden Nazi-Terror ging es für dieses Kaufhaus steil bergab. 1938 folgte der Zwangsverkauf zum „Schnäppchenpreis“ an den „arischen“ Kaufmann Karl Stühmeyer.

Die Familie Leopold Lion mit Frau Karola, Sohn Ernst und Tochter Ursula fand danach im fernen Neuseeland Zuflucht und entging so der Deportation. Elias Lion hatte lange gehofft, dass ihm als Freiwilligen des Ersten Weltkrieges dieses Schicksal erspart bleiben würde. Als er den Irrtum einsah, war es zu spät. Der schwer erkrankte Elias starb kurz vor der Deportation. Auch seine Frau Anna und die Töchter Ruth und Edith überlebten die Nazi-Zeit nicht. Die inzwischen 87-jährige und pflegebedürftige Fanny Lion starb ebenfalls, bevor ihre Deportation anstand.

Aus Anlass der Stolpersteinverlegung am 1. Juli 2015 waren sieben Angehörige der Familie Leopold Lion angereist. Sie waren ebenso wie die fünf Angehörigen der Familie Paul Adler zum ersten Mal in der Stadt, in der ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern als angesehene Bürger gelebt hatten, aber – nur weil sie Juden waren – nicht mehr leben durften.

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