Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Aus den Augen, aus dem Sinn?

Stolpersteine in Obernkirchen Aus den Augen, aus dem Sinn?

18 Stolpersteine sind in diesem Jahr in Obernkirchen verlegt worden, weitere 15 sollen im September 2016 dazukommen. Während eines Treffens in der Roten Schule hat die „Initiativgruppe“ jetzt Bilanz gezogen.

Voriger Artikel
Flüchtlinge: Stadt kalkuliert 20000 Euro ein
Nächster Artikel
Ehrenbürgerschaft Hitlers längst erloschen

Sophia Hering und ihr Großvater Wilfried Bartels: Die Enkelin möchte über Hannelore Stern recherchieren.

Quelle: mig

Obernkirchen. Sie haben im heimischen Chor gesungen, sie haben Fußball gespielt und sie haben im Ersten Weltkrieg gekämpft: Jahrhunderte lang gehörten die jüdischen Mitbürger zum Stadtbild in Obernkirchen. Mit den Nazis kommt der Bruch. „Die Juden“ werden deportiert, ihre Geschäfte verwüstet, ihre Häuser beschlagnahmt oder weit unter dem eigentlichen Wert verkauft. Ein betagter Teilnehmer der Runde (geboren 1929) kann sich noch gut an diese Zeit erinnern: „Bei uns an der Schule (in Berlin) verschwand ein jüdischer Schüler nach dem anderen, wir haben nicht danach gefragt: Wo sind die geblieben? Und das begleitet einen bis heute.“ Aus den Augen, aus dem Sinn – das galt damals, und das gilt teilweise bis heute. Zwar gab es nach 1945 viele Denkmäler, die an das Unrecht der NS-Diktatur erinnerten, aber über das Unrecht vor der eigenen Haustür ist oft Gras gewachsen.

 Das war zumindest so, bis der Künstler Gunter Demnig im Jahr 1992 mit der Verlegung von Stolpersteinen begann. Seitdem webt er an einem europaweiten Netzwerk, das längst die 50000 erreicht hat. Vom größten dezentralen Mahnmal der Welt ist die Rede, und Obernkirchen gehört seit diesem Jahr dazu.

 Dort hat Demnig, der mit den Steinen an das Schicksal der Menschen erinnern will, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden, unlängst 18 Steine verlegt. Die Opfer sind wieder sichtbar, sie haben eine Heimstatt, einen Ort der Erinnerung. „Hier wohnte...“ – mit diesen Worten beginnt die Aufschrift auf den Plaketten – der letzte freiwillige Wohnort wird so zum Bezugspunkt für weiteres Fragen.

Und die heutigen Bewohner? Waren sämtlich einverstanden mit der Aktion. „Ich erinnere mich noch daran, dass Frau Nix, als wir zu ihr kamen, gesagt hat: Darauf haben wir doch gewartet“, erzählt Christoph von Abendroth den Teilnehmern. Das habe „die Tür ganz weit geöffnet“ und ihn sehr ermutigt. An die Aktion selbst denkt von Abendroth mit großer Dankbarkeit zurück. Viele Bürger und zahlreiche Angehörige hätten die Verlegung begleitet, und Demnig habe lobend erwähnt, dass so viele Teilnehmer bis zum letzten Stein mitgegangen seien.

 Ein Satz von Mark Adler ist von Abendroth dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Adler habe vor dem Haus seines Vaters Folgendes geäußert: „Die übliche Meinung in den USA ist: Die Deutschen verdrängen den Holocaust. Wenn ich jetzt in die Staaten zurückfliege, werde ich ihnen berichten, dass dieses mitnichten so ist.“ Einen Dank richtete von Abendroth an all die, die die Aktion finanziell und als Pate unterstützt haben. Ralf Schönbeck und der evangelischen Kirchengemeinde dankte er für die Einrichtung einer Internetseite und dem Druck von Flyern. Die Flyer – mit detaillierten Lebensläufen der Familien Lion, Adler und Schönfeld – kann man in der Roten Schule sowie in der Info-Galerie bekommen.

 Als Nächster sprach Wilfried Bartels, dessen Familie selbst unter der Naziherrschaft leiden musste. Sein Großvater, der damals der Vorsitzende der SPD Obernkirchen war, sei nach der Machtergreifung in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Moringen gebracht worden. „Er hatte nichts gemacht, aber er war ein politischer Gegner gewesen“, ließ Bartels die Zuhörer wissen. Das sei für die Familie „wie ein Donnerschlag“ gewesen.

 Im September 2016 sollen weitere 15 Stolpersteine verlegt werden: für die Familie des Kaufmanns Bendix Stern mit Ehefrau Luci und Tochter Hannelore; die Eheleute Jakob und Rosa Steinberg; die Familie des Pferdehändlers Moritz Schönfeld mit Ehefrau Recha, den Kindern Irmgard, Erna und Alfred. Ferner für folgende Einzelpersonen: Frommet Lion, Fanny Philippsohn, Betty Adler, Helene Düring und Philipp Adler.

 Beispielhaft für die vielen Opfer soll hier Hannelore Stern stehen, die als einzige Jüdin aus Obernkirchen das Grauen der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte. Das Mädchen wird als 13-Jährige mit ihren Eltern deportiert und am Kriegsende befreit. Ohne Wohnung – der Familienbesitz war zwangsversteigert – wird das zum Skelett abgemagerte Kind von einem Besatzungssoldaten gesund gepflegt. Nach kurzem Aufenthalt in Obernkirchen wanderte sie in die USA aus, heiratete dort und hatte Kinder und Großkinder.

Die Patenschaft für ihren Stolperstein wird die 16-jährige Sophia Hering übernehmen. Das Schicksal von Stern habe sie bei einem Besuch der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen besonders berührt, sagt sie. Ihr sei damals bewusst geworden, dass Stern im gleichen Alter war wie sie, als sie durch die Hölle der Lager gegangen sei. Jetzt möchte Hering mehr über frühere Obernkirchenerin wissen und mithilfe ihres Großvaters Wilfried Bartels versuchen, Kontakt zu ihren Nachfahren aufzunehmen.

 Beim Projekt mithelfen kann jeder: als Forscher, als Spender oder als Pate. Eine Patenschaft kostet 120 Euro pro Stein.

 Was die Forscher zusammengetragen haben, soll unter anderem bei der Verlegung der Steine vorgetragen werden. Ein anderes Thema an diesem Abend: Wie lassen sich die Steine am besten sauber halten? Dazu regte eine Teilnehmerin an, noch mehr als bisher auch Schulen einzubinden. Die Schüler könnten helfen, die Steine immer mal wieder zu polieren. mig

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg