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„Café international“: Flüchtlinge und Obernkirchener im Dialog

Kulturschock „Café international“: Flüchtlinge und Obernkirchener im Dialog

 Eine Anlaufstelle, ein Raum für Kommunikation – all das und noch mehr ist das „Café international“, das jetzt in den Räumen des Jugendzentrums erstmals seine Pforten öffnete. „Wir wollen den Flüchtlingen Hilfe zur Selbsthilfe leisten“, sagt Andreas Hofmann, Gründer des Netzwerkes „Obernkirchen hilft“. Ein wichtiges Ziel sei, offizielle Stellen in ihrer Arbeit zu entlasten.

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Helferin Rita Lange und Dolmetscher Kamali wissen, das Familie Rassim ihr Heimatland vermisst.

Quelle: mig

Obernkirchen (mig). Kinderlachen – das ist das Erste, was Besucher des Jugendzentrums an diesem Nachmittag hören. Das Lachen kommt von drei Kindern, die im Foyer des Hauses mit dem Kicker spielen. „Tor“, jubelt Mohammed. Nach eineinhalb Monaten Flucht ist er heute das erste Mal ganz unbeschwert.

 Eine Treppe höher werden Lebkuchenhäuser gebastelt. „Lebkuchen? Was ist denn das?“ fragt die kleine Leila, probiert ein Stück und ist begeistert. „Hmmh, lecker.“ Die Süßigkeiten – eine Spende des örtlichen Lebensmittelhändlers (Edeka Künnecke) – kommen gut an. „Ein Teil landet im Magen, der Rest am Lebkuchenhaus“, sagt eine Helferin schmunzelnd. Das Haus essen kommt für das Mädchen gar nicht in Frage. „Das bringe ich den Eltern als Geschenk mit.“ Die hätten so etwas noch nie gesehen.

 Auch im Erdgeschoss herrscht am Eröffnungstag des „Cafés international“ viel Trubel. Rund 70 Menschen haben sich dort eingefunden – essen vom Netzwerk gespendeten Kuchen, trinken Kaffee und Tee. Und kommen miteinander ins Gespräch, wie Lena und Leila (Name geändert). „Wir haben uns gerade darüber ausgetauscht, was in Afghanistan an Pop gehört wird“, sagt Lena. Die Verständigung sei zwar nicht ganz leicht, „aber zur Not hat man ja seine Hände.“ Fest steht jedenfalls jetzt schon: Madonna und Adele sind in Afghanistan ähnlich bekannt wie in Deutschland.

 Sich verständigen, miteinander ins Gespräch kommen – das ist ein wichtiger Baustein des neuen Cafés. „Die Menschen sollen einander kennenlernen, auch um Vorurteile und Ängste abzubauen“, sagt Netzwerkgründer Hofmann. Anwohner und Flüchtlinge könnten hier zwanglos miteinander sprechen. „Dann merkt jeder schnell: Das sind Menschen wie du und ich.“

 Ein anderes Ziel des neuen Angebotes: „Wir wollen den Menschen Orientierung bieten“, so Hofmann. „Sonst laufen diese Menschen ins Leere.“ Und das ganz buchstäblich, wie Hofmann weiß: „Die Leute kommen aus Afghanistan und sind mit dem Alltag in Deutschland überhaupt nicht vertraut. Die wissen nicht, wie eine Behörde aufgebaut ist und welche Abläufe einzuhalten sind, da brauchen sie unbedingt unsere Hilfe.“

 An diesem Punkt setzt das Netzwerk „Oberkirchen hilft“ an, das den Flüchtlingen mit Rat und Tat zur Seite stehen will. Das reicht von der Begleitung bei Arztbesuchen bis hin zu Behördengängen, vom Deutschunterricht bis zum Dolmetschen – aktuell hat das Netzwerk mehr als 20 Helfer. „Wir wollen die offiziellen Stellen etwas entlasten und den Flüchtlingen im Alltag als Ansprechpartner dienen“, sagt Hofmann. Das Café im Jugendzentrum wird übrigens auch im nächsten Jahr stattfinden – jeden 1. Montag im Monat um 15 Uhr.

 Einen Tisch weiter sitzen Helferin Sabine Gallus-Vogt und Familie Rassimi (Name geändert) bei Kaffee und Kuchen zusammen. Die Rassimis kommen aus Afghanistan – und sind seit rund eineinhalb Monaten in Deutschland. Warum? „Weil sie in Afghanistan immer Angst haben mussten, weil es dort keine Sicherheit gibt“, übersetzt Dolmetscher Kamali. Als Schiiten hätten Herr Rassimi, seine Frau und seine Tochter immer um ihre Sicherheit fürchten müssen. „Sein Bruder ist sogar bei einem Anschlag ums Leben gekommen.“

 Die Diskussion, afghanische Flüchtlinge in sogenannte sichere Zonen zurückzuschicken, hält Kamali für nicht realistisch. „Diese sicheren Zonen gibt es in Afghanistan einfach nicht“, sagt der Helfer. Selbst in der Hauptstadt Kabul würden immer wieder Anschläge verübt. „Diese Menschen würden gerne zu Hause bleiben und in ihrem Land leben, aber gerade die Tatsache, dass sie diese lange Flucht auf sich nehmen, zeigt, wie schlimm es dort aussieht“, sagt der Dolmetscher. Für Kamali steht fest, dass die Probleme in Afghanistan oder Syrien nur dann zu lösen sind, wenn man die Finanzierung des Terrors etwa durch Saudi-Arabien unterbindet.

 Ebenfalls im Netzwerk engagiert ist Gallus-Vogt, die bei den Sprachkursen hilft. Dabei gehe es gar nicht um sogenanntes „Gutmenschentum“ oder „Dankbarkeit“ – „die Arbeit mit den Flüchtlingen macht viel Spaß, da bekommt man eine Menge zurück.“ Es sei wichtig anzupacken und da einzuspringen, wo staatlicherseits nicht so schnell reagiert werden könne. „Es geht um gesellschaftliches Engagement, wo jeder etwas einbringen kann.“ Gallus-Vogt fühlt sich in ihrer Arbeit auch an die eigene Familiengeschichte erinnert. Ein Teil der Familie musste aus Schlesien flüchten. „Als die hier ankamen, hatten sie eine ganz schlechte Stellung und sie hatten sehr zu kämpfen.“ Deutschland käme ihr manchmal vor wie ein „Wolkenkuckucksheim“: „Dadurch, dass wir so lange Frieden hatten, können wir uns gar nicht vorstellen, wie es ist, mit Krieg zu leben und immer Angst haben zu müssen.“ Dolmetscher Kamali sieht das ähnlich: „Für viele Flüchtlinge ist Deutschland ein Kulturschock: Sie haben gelernt, immer Angst zu haben, keinem zu vertrauen und auf einmal sind überall freundliche Gesichter und man will ihnen helfen – das kennen sie gar nicht.“

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