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Chance auf ein selbstbestimmtes Leben

Landfrauenschule Chance auf ein selbstbestimmtes Leben

Schon mit 13 Jahren hat Käthe Delius in Wilmersdorf, damals ein Vorort von Berlin, genaue Vorstellungen von ihrem zukünftigen Beruf: Sie will in die ländliche Hauswirtschaft. Mutter und Vater, ein hoch angesehener Jurist, sind überrascht.

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Die Postkartenidylle täuscht: Wer in der Maidenschule ausgebildet wurde, der konnte mehr als nur die Aufsicht über eine Badeanstalt für Enten führen.

Quelle: pr.

Obernkirchen. Mit der Landwirtschaft hat man keinerlei Berührungspunkte, kommt man doch aus dem guten Bürgertum, die Familien wurden durch Segeltuch- und Leinengeschäfte sowie Plüschweberei wohlhabend. Die 13-Jährige verweist auf einen Prospekt, mit dem die erst vor fünf Jahren gegründete Wirtschaftliche Frauenschule für die berufliche Ausbildung von Frauen in der wirtschaftlichen Arbeit wirbt: Da will sie hin, das ist ihr Weg. Es dauert dann weitere sechs Jahre, bis Käthe Delius im April 1912 endlich in die Wirtschaftliche Frauenschule in der Bergstadt, ab 1936 Landfrauenschule Obernkirchen genannt, aufgenommen wird.

 In sieben Jahrzehnten, von 1901 bis 1970, haben dort rund 8000 Mädchen ihre Ausbildung absolviert. „8000 Lebensgeschichten“, erklärt Historikerin Ortrud Wörner-Heil in ihrem Vortrag beim Treff im Stift, „8000 Mädchen, die diese Ausbildungserfahrungen mit in ein selbstbestimmtes Leben nehmen durften.“

Zahlreiche Ausbildungen

 In den 70 Jahren ihres Bestehens wurden zahlreiche Ausbildungen angeboten, vom „Maidenjahr“ bis zur Hauswirtschaftsleiterin. Kernstück bis 1935 war die Ausbildung zur Lehrerin für ländliche Haushaltungskunde. Die Schule war auch Lehrbetrieb für Gartenbau und Geflügelzucht, in der hochmodernen Molkerei wurde zeitweise die gesamte Milch für die Stadt Obernkirchen verarbeitet.

 Eine Ausbildung in der Landfrauenschule bedeutete vor allem in den Anfangsjahren eine seltene Chance auf ein selbstbestimmtes Leben; ein Leben, das Frauen ökonomisch unabhängig machen konnte. Denn sehr viele berufliche Möglichkeiten gab es für Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts nicht. Wörner-Heil weist noch auf einen anderen Aspekt hin, der oft übersehen werde: Zwar wirkte in den Städten die Industrialisierung, aber noch immer lebte zu jener Zeit mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern: Das bot qualifiziertem Personal auf dem Land eine große Vielzahl beruflicher Möglichkeiten, denn die schnell wachsenden Städte mussten mit Lebensmitteln versorgt werden.

 Die Schule in Obernkirchen war dabei ein Motor bei der Ausformung eines modernen neuzeitlichen Berufskonzeptes für die weibliche Jugend und brachte Frauen aus gehobenen Schichten eine beträchtliche Erweiterung ihrer beruflichen Möglichkeiten. Die tradierte Qualifizierung der Mädchen in der Familie wurde abgelöst; an ihre Stelle trat eine institutionalisierte schulische Ausbildung. Lebensformen änderten sich: Die Ehe war für eine Frau nicht mehr der einzige Lebensweg. Wer heute bei der Landfrauenschule Obernkirchen an Maiden in der Waschküche oder der Gartenarbeit denkt, der vergisst die Rolle der Schule als innovative Schrittmacherin für soziale Veränderungen.

 „Von der Wirtschaftlichen Frauenschule Obernkirchen zur Bundesforschungsanstalt für Hauswirtschaft“ heißt der Vortrag von Wörner-Heil. Er widmet sich vor allem Käthe Delius, die in der Frauenschule Obernkirchen zur Lehrerin der landwirtschaftlichen Haushaltungskunde ausgebildet wurde. 1923 wurde sie Referentin im Preußischen Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten. Die erst 30-Jährige war damit die erste Frau in einem Landwirtschaftsministerium in Deutschland. „Dies war eine kleine Revolution“, urteilt die Referentin Wörner-Heil.

Delius baut ländliche Frauenbildung auf

 Delius sollte die ländliche Frauenbildung aufbauen. Mit großem Erfolg meisterte die ehemalige Maid diese Aufgabe: 22 Jahre war sie maßgeblich an der Schaffung von Bildungsstrukturen für Frauen durch die Einrichtung zahlreicher Schulformen im ländlich-hauswirtschaftlichen Bereich beteiligt.

 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die auch im Nationalsozialismus als Oberregierungsrätin in einem Reichsministerium tätig gewesene Delius von den sowjetischen Besatzungstruppen im November 1945 verhaftet und fünf Jahre ohne Anklage in dem sowjetischen Internierungslager Nr. 7, später Nr. 1, in Sachsenhausen inhaftiert, das im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen untergebracht worden war.

 Nach ihrer Entlassung 1950 wurde sie in der Bundesrepublik von 1951 bis 1955 Direktorin der Bundesforschungsanstalt für Hauswirtschaft, zu der zwei Institute gehörten. Ihre Forschungseinrichtungen forschten über und prüften haushaltstechnische Geräte, griffen Verbraucherinteressen auf, untersuchten die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen auf dem Land.

  Nach Meinung von Wörner-Heil bleibt die Befassung mit der Hauswirtschaft in Geschichte und Gegenwart eine notwendige Aufgabe. Sie stellt die Frage, wie die private Hauswirtschaft sowie die Hauswirtschaft als Beruf in Zukunft aussehen müssten. Und sie stellt heraus, dass Frauen und Männer gleichberechtigt eine Sorgeverantwortung für das Leben tragen sollten: Die Zuweisung der Haus- und Sorgearbeit an die Frauen müsste von einer partnerschaftlichen Teilung der notwendigen Arbeiten in den Privathaushalten abgelöst werden. Da hauswirtschaftlichen Berufen eine gute Zukunft attestiert wird, wären dabei vor allem Lohngerechtigkeit und eine angemessenere Bezahlung vonnöten.

Von Frank Westermann

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