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Obernkirchen Stadt "ChangeWriters" für Schüler
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt "ChangeWriters" für Schüler
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00:23 28.03.2018
Ein Sozialpädagoge, der seine Schüler erst nur ruhig stellen wollte und ihnen dann einen Vorschlag machte: Jörg Knüfken bietet Workshops und Seminare an. Quelle: rnk
OBERNKIRCHEN

Der Sozialpädagoge hat die Eindrücke damals in seinem Projekttagebuch festgehalten und kann sie heute, acht Jahre später, noch immer nachlesen.  Knüfken hatte ein Lernprojekt im Programm, eine Kooperationsübung, die der Teamentwicklung dienen soll. Anstatt die Aufgabe zu lösen, wurde jedoch wild herumgeschrien, „mit dem Erfolg, dass sich die Schüler die Spielinstrumente um die Ohren gehauen haben“, hielt Knüfken damals schriftlich fest. Die Schüler waren destruktiv, aggressiv, ablehnend, und man kann seine Frustration noch heute herauslesen.

Aufbewahrung im Nachmittagsunterricht

Aber so ganz unerwartet war das Negativ-Erlebnis nicht, schließlich sollten die insgesamt 16 Jungen und Mädchen aus zwei achten Klassen im Nachmittagsunterricht „aufbewahrt“ werden, vor allem, um den Unterricht für die anderen Schüler einigermaßen ungestört abwickeln zu können. Denn „beschulbar“ im klassischen Sinne verhielt sich diese Gruppe bereits im Vormittagsunterricht nur selten. Resignierend fasste Knüfken einen Entschluss: Er würde nur noch Filme zeigen, Hollywood-Schinken. „Ich habe meine Ruhe – und sie auch.“

 Mit seinem Workshop im jbf-Centrum will er mit Seminaren Pädagogen Entlastung und Schülern Sicherheit geben, will neue Erfahrungen im Klassenraum anregen und so die Bildungschancen von benachteiligten Jugendlichen erhöhen. Dass Knüfken auf dem Bückeberg referiert, liegt an einem amerikanischen Film: „Freedom Writers“, der die wahre Geschichte der Lehrerin Erin Gruwell erzählt, die 1994 in Kalifornien auf 150 „nicht erziehbare Risiko-Schüler“ trifft. Gruwell löst sich von den Lehrplänen, gibt den Schülern Tagebücher – und hat Erfolg. Gruwell und ihre Schüler veröffentlichen ein Buch, es ist ein Querschnitt aus den eigenen Tagebüchern. Das Buch der „Freedom Writers“ wird zum Bestseller. Im Film wird Erin Gruwell später von der zweifachen Oscar-Preisträgerin Hillary Swank verkörpert.

 Knüfken sah den Film und bot den Schülern ein Spiel an: Er würde ihnen Aufgaben stellen, und wenn sie alle lösen, würde er sie zu einer Amsterdam-Fahrt einladen. Die Schüler waren einverstanden. Und die erste Aufgabe lag auf der Hand: Die Schüler mussten sich den Film „Freedom Writers“ ansehen. Als Nächstes sollten sie ihr eigenes Tagebuch schreiben. Die Absprache lautete: Diese Bücher werden nicht nach Hause mitgenommen, sie bleiben in der Schule. Ob Knüfken sie lesen darf, entscheiden die Schüler.

 Knüfken entdeckte hinter den aggressiven, mobbenden, störenden und gelangweilten Schülern die jungen Menschen und ihre Schicksale: Kinder, die geschlagen werden, deren Eltern Trinker sind, deren Geschwister getrennt in Heimen leben. Er lernte Jugendliche kennen, von denen niemand mehr etwas erwartete und die oft das Gefühl beschlich, dass sie in der Schule am falschen Ort seien. Die Schüler, erzählt Knüfken später, hätten „offen und ehrlich“ geschrieben und dabei preisgegeben, was sie bewegte. So kam man ins Gespräch. Knüfken fragte seine Schüler nach mehr als nur dem Unterrichtsstoff, und auch für die Schüler war es eine ganz neue Erfahrung.

Schüler sollen sich selbst entdecken

 Es ist eine Methode, die dazu führt, „dass die Schüler sich selbst entdecken“, sagt Knüfken in einer Seminarpause. Diese Methode führe zur Lebenslust und eben nicht zu Lebensfrust. „Die Schule“, sagt der Sozialpädagoge, „ist nicht lebensweltorientiert.“ Dort werde zu viel unnötiges Wissen gelehrt und abgefragt. Knüfken nennt dies kurz „Bullshit-Wissen“: Kenntnisse, die man nicht brauche.

 Vor fünf Jahren hat sich Knüfken in den USA bei der Freedom Writers Foundation in Kalifornien ausbilden lassen und gründete danach in Dorsten den Verein „ChangeWriters“. Und er hat mit 20 Schülern ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben: „Das Wunder bleibt aus“.

Übungen zum Vertrauensaufbau

 Weil ein Tagebuch nicht alle Probleme über Nacht löst, bot Knüfken Übungen an, die Vertrauen aufbauen sollten, und er stellte Teamaufgaben. Das Ergebnis: Die Teenager wurden offener, ruhiger und hilfsbereiter – weil sie erkannten, dass sie mit ihren Problemen nicht allein auf dieser Welt waren.

 Knüfken selbst hat in seinem Buch Bilanz gezogen: „Das Wissen um die wirklichen Probleme, Erfahrungen und Lebenswelten der Schüler änderte das Verhältnis völlig. Der Druck, das Misstrauen und viele Negativerfahrungen des Schulalltages blieben vor der Tür unseres Projektraumes.“

 Natürlich gibt es nach den Seminaren und Workshops Rückmeldungen. „Sie sind zu 100 Prozent positiv“, sagt Knüfken, auch wenn sie nicht immer so ausfallen, wie er sich das wünscht: Vor drei Wochen habe ihm eine Teilnehmerin zurückgeschrieben, dass sie seine Methoden nicht übernehmen könne, dafür habe sie nun wahrlich keine Zeit. Aber ihre Haltung gegenüber ihren Schülern, die habe sie geändert. Auch darum geht es Knüfken in seinen Seminaren: Er will „die Selbstwirksamkeit der Lehrer wiederherstellen“ – und ihnen so zeigen, dass sie in den Klassenräumen wirklich etwas tun können. rnk