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Das neue Feindbild der Krawallmacher

Gedenken an Reichspogromnacht Das neue Feindbild der Krawallmacher

„El male rahamin“: Über 80 Obernkirchener haben am Sonntag den Opfern der Reichspogromnacht am 9. November 1938 gedacht. Am Standort der ehemaligen jüdischen Synagoge (Strullstraße, Ecke Bornemannstraße) erinnerte Wilfried Bartels an das „unfassbare Leid, das während der Nazizeit in Deutschland generell, aber auch in Obernkirchen der jüdischen Bevölkerung zugefügt wurde“.

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Die Konfirmanden Justin Knirsch (von links) Mark Holz, Mika Swoboda und Eric Scheibe entzünden Kerzen vor dem Mahnmal.

Quelle: mig

Obernkirchen. Dunkel ist es an der Strullstraße, kaum dass man seine eigene Hand sieht. Dann wird es hell. Ein Lichtmast der Stadt sorgt für gute Sicht. Nach und nach füllt sich der Platz, junge Leute, alte Leute, über 80 sind es bestimmt, die an die Reichspogromnacht erinnern wollen. Hier, am Standort der ehemaligen Synagoge, wollen sie singen und beten. „Ich möchte mit meinem Erscheinen dafür eintreten, dass so etwas nie wieder von Deutschland ausgehen darf“, sagt Helmut Lange, der neben seiner Frau steht. „Gerade im Hinblick auf die Mörder der NSU und antisemitische Umtriebe ist das heute wichtiger denn je.“

 Der MGV Obernkirchen singt ein Lied, dann heißt Pastor Herbert Schwiegk die Teilnehmer im Namen der Kirche willkommen. Es gelte wachsam zu bleiben, sagt er. Die Gedanken, die zu diesen Verbrechen geführt hätten, seien immer noch da. „Wir müssen warnen und mahnen, damit so etwas nicht wieder passiert“, gibt Schwiegk zu verstehen.

 Als Mahnung ist auch die Rede von Wilfried Bartels zu verstehen, der einen wichtigen Aspekt des Erinnerns an die Pogrome darin sieht, „vergleichbare Zivilisationsbrüche für die Zukunft vermeiden zu helfen.“ In diesem Zusammenhang kommt Bartels auf die Gewaltdemo in Köln zu sprechen, bei der gewaltbereite Hooligans, vereint mit Neonazis, gegen den Islam mobil gemacht hatten. Besorgnis erregend, findet Bartels, denn: „Das Feindbild der Krawallmacher von Köln sind nach meiner festen Überzeugung nicht nur fanatische Salafisten und sonstige extreme Islamisten, sondern ,der Islam’ schlechthin.“ Diese generelle Islamfeindlichkeit, zumindest aber ein Unbehagen gegenüber dem Islam, sei leider weitverbreitet und längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bartels weiter: „Diese generelle Islamfeindlichkeit macht mir Sorge. Sie erinnert mich in fataler Weise an die Hetzkampagnen gegen die Juden und den offen zur Schau getragenen Judenhass bereits in den 1920er Jahren, der sich dann ab 1933 brutal entladen hat.“ Und: „Will man etwa mit den Anfeindungen die Moslems, die hier zum Teil seit Generationen leben, zur Ausreise zwingen, wie damals die Juden? Auf jeden Fall sind die Anfeindungen ein schwerer Schlag gegen die Integrationsbemühungen und ein friedliches Miteinander. Daher kann ich nur aufrufen: ‚Wehret den Anfängen!’“

 Im zweiten Teil seiner Rede erinnerte Bartels an den Empfang einer Besuchergruppe von Obernkirchner Juden 1989. Damals im Rathaussaal habe Ernst Lion die nachdenklichen Worte gesprochen: „Die Wunden sind verheilt, doch die Narben bleiben.“ Lion bezog sich dabei auf die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in denen es auch in Obernkirchen zu organisierten Pogromen gekommen war. In Obernkirchen, so Bartels, habe in jener Nacht ein SS-Trupp aus Hameln sein Unwesen getrieben. „Die Freveltaten begannen in der Synagoge. Dort fuhr kurz nach Mitternacht der SS-Trupp vor, drang in das Gemeindehaus ein, demolierte Scheiben und Türen und verbrannte im Betsaal kontrolliert das Gestühl der Frauenempore. Das Synagogengebäude wurde nur deshalb nicht niedergebrannt, weil die Gefahr bestand, dass dabei die Flammen in der eng bebauten Strullstraße auf andere Häuser übergreifen könnten.“

 Ziel der nächsten Attacke sei das Kaufhaus von Paul Adler, Lange Straße 9, gewesen. Dort habe man beide Schaufensterscheiben zertrümmert. Die gesamte Auslage, Mäntel, Hosen, Krawatten – auch Schaufensterpuppen – sei auf die Straße geworfen worden. Danach zertrümmerte der Trupp am Kaufhaus von Elias und Leopold Lion an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße ein Schaufenster.

 Am nächsten Morgen, so Bartels, sei dann eine weitere Ungeheuerlichkeit geschehen. „Überraschend und willkürlich wurde ein Teil der Obernkirchner männlichen Juden in ihren Wohnungen verhaftet, ihr Bargeld beschlagnahmt. Von dem beschlagnahmten Geld wurden die Pogromkosten beglichen.“ Bartels nennt das „eine dreiste Verdrehung des Rechts: Nicht die Täter wurden verhaftet, sondern die Opfer, nicht die Opfer wurden entschädigt, sondern die Täter.“

 Es folgten erzwungene Ausreisen und Deportationen, die Bartels anhand der Schicksale der Brüder Leopold und Elias Lion und ihrer Familien nachzeichnete. Schlussendlich überlebte nur eine der deportierten Obernkirchner Juden den Holocaust – die 16-jährige Hannelore Stern, die Deutschland für immer den Rücken kehrte und nach Amerika auswanderte.

 Den Schlusspunkt des Gedenkens setzen die Konfirmanden Eric Scheibe, Mika Swoboda, Mark Holz und Justin Knirsch. Sie zündeten vor dem Mahnmal Kerzen an. Gemeindereferentin Sabine Kalkmann las aus dem jüdischen Gebet „El male rahamin“, ein Gebet für die Opfer der Shoah: „Gott voller Erbarmen, in den Himmelshöhen thronend, es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart, in den Höhen der Gerechten und Heiligen, strahlend wie der Glanz des Himmels, all die Seelen der sechs Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa, ermordet, geschlachtet, verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens; durch die Hände der deutschen Mörder und ihrer Helfer aus den weiteren Völkern, in Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Mauthausen und anderen Vernichtungslagern in Europa.“ mig

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