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Demenz ist für jeden „eine mögliche Zukunft“

Obernkirchen / Pflege Demenz ist für jeden „eine mögliche Zukunft“

Weil der SPD-Bundestagsabgeordnete in seinem Halbtagespraktikum einiges gelernt hat, bringt er eine Decke mit: für eine Vertreterin der schreibenden Zunft, die sich mit ihm über die Situation der Pflege in Allgemeinen und im Sonnenhof im Besonderen unterhalten will. Denn der Stuhl der Journalisten ist normalerweise der Lieblingsplatz der altgedienten Hauskatze, mit Decke bleibt die Kleidung weitgehend von möglichen Katzenhaaren verschont.

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Einmal im Jahr nimmt sich Sebastian Edathy eine Woche Zeit, um jeweils einen Tag eine Einrichtung zu besuchen und mit den dort tätigen Beschäftigten ins Gespräch zu kommen. © rnk

Obernkirchen (rnk). Über vier Stunden hat Sebastian Edathy gestern im Sonnenhof mitgearbeitet, hat in der Küche geholfen, und mit den Heimbewohnern gesprochen. Soweit das möglich ist, denn dort, wo der Nienburger mitangepackt hat, dort liegen die Mitmenschen, die zum Teil schwer pflegebedürftig sind, und sie sind alle dement. Nach vier Stunden Arbeitseinsatz sieht Edathy grundsätzlichen Handlungsbedarf.

Und wird im Pressegespräch unter dem Eindruck der Arbeit zu recht deutlichen Worten greifen. Eine bessere Vergütung, so sieht es der Politiker, muss her: Was die Mitarbeiter hier leisten würden, das stünde in keinem Verhältnis zu der Bezahlung, die sie erhalten würden, und ein „angemessener Stellenplan“ wäre auch wünschenswert: Mehr Personal würde mehr Betreuung bedeuten, mehr Mitarbeiter würden mehr Pausen erlauben: Denn dass die Mitarbeiter bis zu drei Wochen und mehr im Sommer, also während der Urlaubszeit, hier arbeiten würden und keinen Tag Pause hätten, das stärke nun wahrlich nicht die Attraktivität des Pflegeberufes, und es sei auch kein Anreiz, ihn zu erlernen.

Mehr Geld müssten die einzelnen Einrichtungen erhalten, mehr Mittel müssten bereitgestellt werden, und, viertens, müsste die Bürokratie endlich mal abgebaut werden. Edathy kann sich bei diesem Thema (für seine Verhältnisse) in leichte Rage reden. Man müsse doch nicht fünfmal oder mehr am Tag irgendetwas Belangloses in eine Akte schreiben, etwa darüber, dass der Bewohner eine Flüssigkeit zu sich genommen habe, wenn man diese Zeit auch damit verbringen könnte, mit dem älteren Menschen zu sprechen. Edathy argumentiert so: Der medizinische Dienst komme regelmäßig vorbei, der werde doch sehr schnell feststellen, wenn der Zustand eines Bewohners nicht in Ordnung sei. Von einer „unsinnigen Bürokratie“ spricht der Politiker, die zudem noch ganz schnell ausgetrickst werden könne: Wer kontrolliert denn schon, was in den Unterlagen steht? Dafür sei der medizinische Dienst doch da, findet der Abgeordnete: um die schwarzen Schafe im Pflegebereich auszusortieren.

Nun sind die Forderungen, die Edathy an diesem Morgen aufstellt, nicht neu, zudem gab es eine (schon länger zurückliegende) Zeit, in der die SPD einen Teil der Regierungsmehrheit stellte. Was haben denn die Genossen getan, um dem Pflegedienst und den zu Pflegenden zu helfen? „Wir haben die ambulanten Pflegesätze deutlich erhöht“, sagt Edathy, und man habe es ermöglicht, dass Alltagsbegleiter in Pflegeheimen arbeiten könnten. Im Sonnenhof ist das der Fall: Eine Alltagsbegleiterin mit ihrem ausgebildeten Labradoodle „Elvis“ ist vorhanden, für die Dementen eine wunderbare Abwechslung: Viele erinnern sich selbst an ihre Jugend, als sie einen Hund hatten, außerdem können sie heute im Alter noch für „Elvis“ Verantwortung mit übernehmen.

Ein schöner Erfolg, so sieht es auch Edathy, aber es könnte mehr Zeit sein, die die Alltagsbegleiter mit den Menschen hier verbringen könnten. „Es ist gut, dass es sie gibt“, sagt Edathy, „aber es ist nicht hinreichend, dass sie nur zwei oder drei Stunden am Tag in einer Gruppe verbringen können.“ Und: Auch der stationäre Bereich müsste bessere Pflegesätze haben.

Edathy wirft einen langen Blick nach vorn. Die sozialen Fragen würden im nächsten Bundestagswahlkampf bei der SPD eine zentrale Rolle einnehmen. Er selbst war vor gut zwei Wochen in nahezu allen Medien präsent, nachdem er erklärt hatte, dass Peer Steinbrück wohl der SPD-Kanzlerkandidat sein würde, wenn ein Genosse auf diesem Posten hier und jetzt ran müsse. Gab es Reaktionen? „Ja, der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel hat mich angerufen.“ Und? War er sauer, weil der Abgeordnete medial vorgesprescht war? „Nein, war er nicht, es zwar auch ein sehr freundliches Gespräch, wir haben auch gelacht, aber er hat deutlich gemacht, dass die SPD in einer nachrichtenarmen Zeit die Medien nicht mit einer Debatte um die Kanzlerkandidatur bedienen wird.“ Nein? „Nein, wird sie nicht.“

Generell, so zieht Edathy nach einem halben Tag im Sonnenhof die Bilanz, werfe die Arbeit hier die Frage auf, „was uns der Umgang mit Menschen im Alter wert ist“. Sicher ist nur eins: „Sie wird künftig mehr Geld kosten.“ Und natürlich weiß Edathy auch, warum so ungern über Krankheiten wie Demenz und den Aufenthalt in einem Pflegeheim gesprochen und diskutiert wird: Es ist für jeden noch Jungen eine mögliche Zukunft, die sehr viel Unbehagen hervorruft.

Dann bringt Teilzeitpraktikant Edathy die Pressevertreter noch zum Ausgang. Als er sich verabschiedet und die Station verlässt, springt im Hintergrund eine schon etwas ältere Katze entspannt auf einen freien Stuhl.

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