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Den Menschen Zeit geben

Podiumsgespräch mit Flüchtlingen in Obernkirchen Den Menschen Zeit geben

„Was wir uns wünschen? Angenommen zu werden, wenn wir hier ankommen, mit Verständnis und Zuneigung.“ So umschreibt Parwana Mir das, was sich die Menschen aus Afghanistan und anderen Kriegsländern erhoffen, wenn sie auf Deutsche treffen. Vor allem auf solche Deutsche, die in den Beratungsstellen für Flüchtlinge und Migranten tätig und auf die sie besonders angewiesen sind.

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Wie leben Frauen in Syrien und dem Iran, in Eritrea und Afghanistan? Fünf Migrantinnen erzählen in der Roten Schule im Gespräch mit Moderatorin Dagmar Sever.

Quelle: cok

OBERNKIRCHEN. Um den entsprechenden Mitarbeiterinnen möglichst viele unterschiedliche Einblicke vor allem in typische Frauenleben zu ermöglichen, lud die Arbeiterwohlfahrt kürzlich fünf Frauen zu einem Podiumsgespräch in die „Rote Schule“ ein, Frauen, die ursprünglich aus Syrien und dem Iran, aus Eritrea und Afghanistan stammen. Vier von ihnen leben und arbeiten schon lange in Deutschland, haben aber sehr wohl die Situation und Grundbefindlichkeit in ihren ursprünglichen Heimatländern vor Augen. Die fünfte, Shazia Rasuli, Menschenrechtlerin aus Afghanistan, kam vor einem Jahr, und konnte hautnah davon berichten, wie sehr ihr Land unter dem langen Krieg leidet und wie sich das auf die Menschen dort auswirkt.

Brzaf Kahsay aus Eritrea erzählte zum Beispiel, warum die eritreischen Mädchen und Frauen meistens sehr zurückhaltend und still sind. „Das bedeutet nicht Desinteresse oder Unverständnis“, sagte sie. „Zurückhaltung gilt bei ihnen als Höflichkeit, einem Mädchen, das viel redet, sagt man: ‚Schäm dich!“ Außerdem hieße es allgemein: „Die Alten haben immer Recht“, auch wenn man wisse, dass sie unrecht haben. Frauen stellen deshalb eher selten offen kritische Fragen, erwarten und fordern weniger. Deshalb sei es wichtig, geduldig nachzufragen und nicht gleich zu denken, es sei wirklich alles in Ordnung, nur weil von Problemen nicht gesprochen wird.

In Deutschland selbstbewusster

Das bestätigten auch die anderen Rednerinnen, abgesehen von Gitti Fakhrian aus dem Iran. Die gelernte Hebamme kam schon wenige Jahre nach dem Fall des Schahs nach Deutschland. „Unter dem Schah unterschied sich der Iran nicht sehr von europäischen Ländern“, meint sie. „Und das prägt die Menschen bis heute.“ Zwar unterdrücke die Religionspolizei alles irgendwie westliche Verhalten. Doch unter der Hand habe niemand ein schlechtes Gewissen, heimlich zu feiern, sich zu schminken oder vorehelichen Sex zu haben. Daher seien viele Frauen aus dem Iran auch hier in Deutschland selbstbewusster.

Die afghanischen Frauen dagegen, so schildern es Parwana Mir und Shazia Rasuli, würden vor allem darunter leiden, dass ihnen ihre Bildungsmöglichkeiten entzogen wurden. „Vor dem Krieg war Afghanistan durchaus ein modernes Land“, so Parwana Mir, „doch das haben die Taliban auf Dauer zerstört. Auch jetzt noch gibt es kaum Arbeit für Frauen, gehen die Mädchen nicht in öffentliche Schulen, ist die Burka ein Muss. „Die Frauen sind rechtlos und nichts wert.“ Gerade deshalb hungerten die allermeisten Frauen nach Bildung, wenn sie in Deutschland seien, und litten sehr, dass sie, seit Afghanistan zu einem „sicheren Land“ erklärt wurde, kaum noch Chancen auf einen Integrationskurs hätten.

„Zeit, gebt den geflüchteten Menschen Zeit, hier anzukommen!“

Lobnah Maimary-Junglas, die vor 17 Jahren nach Deutschland migrierte, denkt an ein Syrien zurück, in dem unterschiedliche Religionen keine problematische Rolle spielten. In Damaskus, der „ältesten Metropole der Welt“, wie sie sagt, gab es keine interreligiösen Probleme. Dafür aber existierte auch vor dem Krieg kaum eine Gleichberechtigung der Frauen. „Viele Mädchen werden regelrecht als Braut verkauft“, sagt sie. „Sie werden verheiratet, auch wenn sie unter sechszehn, unter achtzehn Jahre alt sind. Das wird als eine Art Schutz vor anderen Männern angesehen.“

All diese Hintergründe, verbunden mit dem inneren Chaos, das Krieg, Flucht und Grausamkeiten auf dem langen Weg nach Deutschland in den Seelen verursachte, sollten den Berufstätigen in sozialen, mit Flüchtlingshilfe verbundenen Berufen vor Augen stehen. Gerade Menschen aus Eritrea und anderen innerafrikanischen Staaten schleppten regelrechte Fluchttraumata mit sich herum. Und brauchten eigentlich eine Therapie. „Zeit, gebt den geflüchteten Menschen Zeit, hier anzukommen!“ – das war der Tenor aller fünf Frauen auf dem Podium. cok

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