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Der Kaiser kommt

Vor 100 Jahren Der Kaiser kommt

So viel vorweihnachtlichen Stress hatte es in Obernkirchen seit Menschengedenken nicht gegeben. Im Dezember 1906, vor ziemlich genau 110 Jahren, weilte Kaiser Wilhelm II. in der Bergstadt.

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Die Stadt bekannter machen

Kaiser Wilhelm II. (in Mantel und mit Hut) am 13. Dezember 1906 bei seinem Besuch in Obernkirchen. Drei Automobile auf einmal – vor 110 Jahren ist das noch ein seltener Anblick.

Quelle: Repro: gp

Obernkirchen. Seit Tagen seien alle eifrig bei der Arbeit, um das Auge seiner Majestät zu erfreuen, kündigten die heimischen Zeitungen das Ereignis an. „Die Bahnhofstraße ist zu beiden Seiten mit hohen, dicht bezweigten Tannen bepflanzt.“ Dazwischen ständen „girlandenumwundene Fahnenmasten, an welchen Fahnen in preußischen, deutschen und schaumburg-lippischen Farben lustig im Winde flattern“. Und vor dem Eingang zum Kirchplatz erhebe sich eine wahrhaft künstlerisch ausgeführte Ehrenpforte, „durch welche sich der Kaiser und sein Gefolge zur Besichtigung der prachtvollen Kirche und des Stifts hinbegeben werden“. Einen so hohen Gast habe die Stadt seit ihrem Bestehen zum ersten Male zu verzeichnen. „Es ist darum auch wohl nicht zu verwundern, wenn sich der Einwohnerschaft jetzt eine freudige Erregung bemächtigt, daß von nichts anderem mehr gesprochen wird als von dem Besuch des deutschen Kaisers.“

Am 13. Dezember war es so weit. Schon am frühen Morgen herrschte in den Straßen trotz des regnerischen Wetters reges Treiben. Auswärtige Kriegervereine zogen Fahnen schwenkend durch die Stadt. Die meisten Fabriken, Glashütten und Produktionsstätten hatten ihren Arbeitern freigegeben. An den Straßenrändern warteten dichte Menschenketten.

Böllerschüsse und Hurra-Rufe

Kurz nach 11 Uhr setzte heftiges Glockengeläut ein. Vom Turm der Stiftskirche aus hatte man eine aus Richtung Bückeburg nahende Fahrzeugkolonne ausgemacht. Böllerschüsse krachten, Hurra- und Hoch-Rufe brandeten auf. „Die Bergleute in ihrer kleidsamen Tracht, die auf der Kurzen Straße Spalier bildeten, schmetterten ihren obersten Bergherren ein kräftiges ‚Glück auf!’ entgegen.“

Kurz darauf fuhr – huldvoll durchs Autofenster winkend – der Kaiser vorbei. Für die meisten der sich am Straßenrand drängenden Leute dürfte der Moment – nicht nur wegen des hohen Gastes – ein ungewohntes Erlebnis gewesen sein. Vehikel, die sich von selbst und ohne Pferdekraft vorwärts bewegten, waren 1906 hierzulande noch selten. Man bekam sie, wenn überhaupt, nur in größeren Städten zu sehen. Die drei Karossen, mit denen Wilhelm II. damals im Schaumburgischen unterwegs war, hatte er zuvor auf Güterwagons aus der Reichshauptstadt nach Bückeburg schaffen lassen. Auch er selbst war samt Dienerschaft, Leibarzt und sonstigem Gefolge im kaiserlichen Sonderzug angereist.

Mit Fürst Georg auf der Jagd

Die meiste Zeit während seines dreitägigen Aufenthalts in der hiesigen Region verbrachte er mit seinem Gastgeber Fürst Georg im Schaumburger Wald. Die Lieblingsbeschäftigung der beiden war das Jagen. Wegen des widrigen Wetters fiel die Ausbeute seiner Majestät nicht ganz so gut aus wie während der zehn Besuche in den Vorjahren. Wilhelm brachte es bei den drei unternommenen Ausflügen „nur“ auf 27 kapitale Hirsche, darunter einen Achtzehnender.

Zum abschließenden Kultur-Trip nach Obernkirchen nahm der hohe Gast auch die Bückeburger Schlossherrschaft mit. Über Markt und Kirchplatz ging es laut Lokalpresse direkt zur Stiftskirche, „woselbst der Kaiser und seine Begleitung den Automobilen entstiegen und die Kirche betraten“. Wie es dann weiterging, beschrieb das Blatt so: „Leises Orgelspiel erklang, während der Kaiser und die fürstlichen Herrschaften die zum Empfang anwesenden Personen begrüßten. Als der Kaiser das Innere der im romanischen Stil erbauten Kirche besichtigte, setzte die Orgel mit vollen Akkorden ein. Der Kirchenchor trug das von Josua Stegmann, der bekanntlich auch Kirchenvisitator der Grafschaft Schaumburg war, gedichtete Lied ‚Ach bleib mit deiner Gnade’ vor. Nach der Besichtigung des Gotteshauses ging es weiter in die Frauenschule, wo die in reizende graue Kleider und weiße Schürzen gekleideten Haushaltungsschülerinnen ein kleines Frühstück servierten.“

Besonders interessiert zeigte sich der Kaiser an Molkerei und Näh-Saal. Sodann begab man sich in den Speisesaal, wo ein Büfett mit den herrlichsten, selbst bereiteten Erzeugnissen der höheren Kochkunst aufgebaut war. Sichtlich angenehm berührt von dem Gesehenen, verließen die allerhöchsten und höchsten Herrschaften die Schule, verfolgt von dem aus jugendfrischen Kehlen gesungenen Lied: „Heil dir im Siegerkranz“.

Sonderzug mit Hirschgeweih

Gut eineinhalb Stunden nach ihrer Ankunft stiegen die Besucher wieder in die im Stiftshof wartenden Autos und fuhren – begleitet von lebhaften Hochrufen der Volksmenge – zum Bahnhof. Dort war der frühmorgens in Bückeburg in Marsch gesetzte und mit den Hirschgeweihen beladene Sonderzug eingetroffen. Der Kaiser stieg ein und dampfte über Rinteln nach Potsdam zurück. Die fürstlichen Herrschaften nutzten zur Heimfahrt die kaiserlichen Kraftfahrzeuge, die anschließend – ebenfalls per Schiene – in Richtung Reichshauptstadt zurücktransportiert wurden.

„Obgleich der Kaisertag mit der Abfahrt des Kaisers offiziell sein Ende erreicht hatte“, machte sich laut Zeitung „auf den Straßen bis zum Abend noch reges Leben bemerkbar. Die Wirtschaften waren überfüllt, aber auch in den Läden der Geschäftsleute machte sich der Einfluss des Kaisertages geltend“. Auf begeisterte Zustimmung stieß der Vorschlag, die Kurze Straße in Kaiserstraße umzutaufen. „Obernkirchen kann man jetzt wohl getrost mit in die Reihe der modernen Städte stellen“, war zu lesen. „Die Stadt hat ja nun alles, selbst einen Kaisertag!“ gp

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