Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Obernkirchen Stadt Der Staatsstreich der DDR gegen sich selbst
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Der Staatsstreich der DDR gegen sich selbst
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:52 10.03.2011
„Man muss das Mögliche vordenken, damit es möglich wird“: Dr. Reinhard Höppner war dabei, als in Ost- und Westdeutschland Geschichte geschrieben wurde. © rnk

Obernkirchen (rnk). Beide gehen zum Dom, der zu diesem Zeitpunkt schon völlig überfüllt ist. Zwei Straßen weiter macht sich die Staatsmacht einsatzbereit. Im Magdeburger Dom steht ein junger Mann, geht nach vorn, spricht: Er glaubt nicht an Gott, und was ein Gebet ist, das weiß er auch nicht so genau. Aber er weiß, dass sein Vater zwei Straßen weiter auf einem Lastwagen sitzt, bewaffnet, und auf einen möglichen Einsatz gegen die Demonstranten wartet. Daher, so der junge Mann, betet er jetzt und hier, in diesem Moment, doch mal: dass sein Vater später an diesen Abend nicht auf ihn schießen muss.

Höppner ist zu diesem Zeitpunkt Präses der Synode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen – und steht damit in der allerersten Reihe der Friedensbewegung. Im Stiftssaal spricht er unter dem Motto „Wunder muss man ausprobieren“ über den ostdeutschen Weg zur deutschen Einheit.

Den Ausgangspunkt verortet Höppner bei den Friedensgebeten. Sie wurden 1989 zum Ausgangspunkt der späteren Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Orten. Dass die Wende in der DDR 1989 ohne Todesopfer möglich wurde, wird auch auf die Vorarbeit und Kontinuität von Friedensinitiativen in der DDR zurückgeführt. Drei Strömungen hätten zum Zusammenbruch eines Systems geführt, das aus westlicher Sicht, wie es Werner Hobein in seiner Einführung formulierte, wie ein stabiler Staat angemutet habe.

Zum einen seien es die Ausreiseantragssteller gewesen, die „Ich-will-hier-raus-Fraktion“, die sich im Spätsommer '89 was ganz besonderes ausgedacht hätten, wie Höppner anmerkte: die Besetzung der Botschaften wie etwa in Budapest oder Prag. Geholfen habe ihnen dabei ein anstehender Geburtstag: Am 7. Oktober habe die DDR ihren 40. Geburtstag feiern wollen, Staatschef Erich Honecker wollte sich dazu von den Staatschefs der Welt gratulieren lassen, „da mussten die Störer irgendwie weg“, sagt Höppner und nennt als weitere Zusammenbruchs-Ursache die friedlichen Revolutionäre, die mit ihren Zielen der ersten Fraktion diametral gegenüberstand: „Wir bleiben hier“, also Menschen, die einen neuen demokratischen Staat aufbauen wollten und allen zugerufen hätten, „bleib doch hier. Wenn du weggehst, dann fehlen doch die Menschen, die die Veränderungen durchführen sollen.“

Veränderungen, so bilanziert Höppner, an dieser Stelle, die beginnen immer damit, „dass Menschen nicht vor den Problemen weglaufen, sondern bleiben und sie anpacken“.

Höppner erinnert an dieser Stelle an eine im Westen nahezu vergessene Szene aus Dresden: Während einer Demonstration am 8. Oktober 1989 wird eine Gruppe von Bürgern ernannt und beauftragt, am folgenden Tag mit den örtlichen Behörden in Dresden über ihre politischen Forderungen zu verhandeln: Reise-, Wahl- und Pressefreiheit, das Recht auf friedliche Demonstration, Freilassung der politischen Gefangenen, offener und gewaltfreier Dialog in der Gesellschaft – die „Gruppe der 20“, die die allerersten Gespräche zwischen Staat und Demonstranten führten, „Leipzig war später“, ordnet Höppner ein. Als dritte Ursache sieht Höppner die „Ohnmacht der Resignierten – es gab praktisch keine Widerstände.“

Höppner verweist auf Leipzig, auf die erste Montagsdemonstration nach dem Geburtstag des Staates, auf der 70.000 Demonstranten 7000 Staatsbeamten gegenüberbestehen – und der Einsatzleiter befiehlt, nicht einzugreifen. Der Kirchenmann zieht aus den damaligen Vorgängen eine Lehre für das Leben: Der Mut war plötzlich größer als die Angst, „denn die hatten wir damals überwunden.“

Und es gibt einen Zettel. Am 9. November 1989 verliest Günter Schabowski, Mitglied und Sprecher des Politbüros des Zentralkomitees der SED, auf einer live im DDR-Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die neue Reiseregelung der DDR: Künftig könnten Privatreisen ins Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werden, die Genehmigungen würden kurzfristig erteilt. Auch Visa zur ständigen Ausreise wären zu erteilen, unverzüglich“ erklärte Schabowski. Und noch ein Jahr zuvor, so sieht es Höppner, wären die Menschen in der DDR auf ihrem Sofa geblieben, hätten sich gesagt, diese Regelung wird ja doch wieder zurückgezogen, hätten sich einer vorauseilenden Resignation ergeben, aber jetzt ist es ein anderes Land: Zigtausende machen sich sofort auf den Weg, weil sie glauben, die Mauer sei schon gefallen. Und dieser Irrtum bringt die Mauer dann Stunden später wirklich zum Einsturz, „Wahnsinn“ wird das Wort dieser Nacht, schon bald darauf verstopfen knatternde Trabbis die westdeutschen Straßen.

Von einem „Staatsstreich der DDR gegen sich selbst“ spricht Höppner, der in die SPD eintritt und wenig später bei den ersten freien Wahlen in die Volkskammer gewählt wird. Dort kann er auf ein Netzwerk aus friedlichen Revolutionären zurückgreifen, die sich nach dem Fall der DDR auf die neuen Parteien verteilen.
Natürlich hat man vieles falsch gemacht, damals, sagt Höppner, „wir wussten zu wenig voneinander“, der Osten und der Westen, sie hätten einander besser zuhören sollen, aber: „Wir standen damals alle unter einem ungeheuren Zeitdruck.“

Und die Klagen der Ostdeutschen, die Demokratie sei ihnen einfach übergestülpt worden? Höppner sieht es so: „Zu diesem Zeitpunkt hat es die Mehrheit der Menschen in der DDR genauso gewollt.“ Doch generell sei der Wiedervereinigungsprozess für die Menschen ein großes Glück gewesen: „Ich hätte mir nur gewünscht, wir hätten mehr voneinander gelernt. Es gab ja auch in der DDR mitdenkende Menschen.“