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Der nächste Schritt heißt Gemeinschaftsstraße

Obernkirchen / Zukunftsmodell Der nächste Schritt heißt Gemeinschaftsstraße

Experiment geglückt: Die Fußgängerzone Friedrich-Ebert-Straße bleibt auch nach dem Ende des Feldversuchs am 31. Dezember für den Fahrzeugverkehr in beiden Richtungen bei Schrittgeschwindigkeit geöffnet.

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Die Zukunft für die Friedrich-Ebert-Straße: In einer Gemeinschaftsstraße (Share Space) schlagen die Herzen in gleicher Weise für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger. Das Foto zeigt ein Hinweiszeichen eines Shared-Space-Bereichs mit den Logos der Partner d

Obernkirchen (tw). Das hat der Stadtrat unter Regie von Werner Harder (SPD) bei seiner letzten Zusammenkunft im alten Jahr einvernehmlich beschlossen; es war zugleich die erste Sitzung im sanierten Ratssaal. Tenor im Plenum: „Unterm Strich haben alle gewonnen.“ Autofahrer, Geschäftsleute, Kunden – und am Ende die Stadt selbst. Nun sollen die Hochbeete mit rot-weißen Warnbaken (à la Pommes „Schranke“) versehen werden, was nicht viel kostet.

 Allerdings: Geht es nach dem Willen von Thomas Stübke (Bündnis 90/Die Grünen), der zumindest beim jüngsten Treffen des Stadtrats unwidersprochen bleibt, ist das Beibehalten der Öffnung nur der erste Schritt: „Der zweite Schritt muss es sein, der Empfehlung des ,Planungsbüros Verkehr‘ (PGV) von Rainer Dargel zu folgen und aus der Straße eine gleichberechtigte Begegnungszone oder Gemeinschaftsstraße (englisch: Shared Space) zu machen.“

 Diese Gemeinschaftsstraße soll eingerichtet werden, sobald sich die jetzige Situation gefestigt hat. Dort könnten dann maximal 20 km/h gefahren werden. Auch im VA und im Rathaus wird laut darüber nachgedacht. Zwar ist die spezifisch Obernkirchener Form noch nicht ausgearbeitet worden, aber anhand ihrer Charakteristika lässt sich unschwer erkennen, dass – nicht nur – die Friedrich-Ebert-Straße so gut wie alle Voraussetzungen dafür mitbringt.

 Der Grundgedanke dieser Gemeinschaftsstraßen sieht vor, den öffentlichen Raum für den Menschen aufzuwerten. Die Überlegungen gehen davon aus, dass der Verkehrsraum überreguliert ist, was sich etwa in Überbeschilderung ausdrückt. In einer Gemeinschaftsstraße sollen nicht Autos dominant sein; vielmehr soll der gesamte Verkehr mit dem sozialen Leben und der Kultur und Geschichte des Raums im Gleichgewicht stehen. Durch Entfernen der „Kanalwirkung“ der Straßen sollen die Orte wieder ein Gesicht erhalten.

 Um diese Ziele zu erreichen, verzichtet eine Gemeinschaftsstraße auf Bordsteine und Abgrenzungen und setzt stattdessen auf eine orientierende Unterteilung des Straßenraums. Des Weiteren sind keine Ampeln und Schilder vorgesehen. Die Straßenverkehrsordnung wird auf „gegenseitiges Rücksichtnehmen“ und das Rechts-vor-Links-Gebot reduziert. So wird eine gewollte Unsicherheit erzeugt, die die Menschen zwingt, den Raum situationsbedingt durch Blickkontakt mit anderen einzuschätzen. Das Modell gilt als mit der Situation auf einer Eisbahn vergleichbar: Auf einer abgegrenzten, einheitlichen Fläche bewegen sich Eisläufer ohne Reglementierungen. Erfahrene, schnelle Läufer müssen sich mit unerfahrenen, langsamen Läufern arrangieren und ihre Fahrweise der Situation anpassen. Kollisionen sind selten, weil jeder auf sein eigenes Wohl bedacht ist und Gefahren mittels Blickkontakt rechtzeitig einschätzen kann.

 Soweit die Zukunftsmusik. „Tempomessungen im Frühjahr und Herbst belegen, dass auf der Friedrich-Ebert-Straße immer noch langsamer gefahren wird als auf der Langen Straße und auf dem Marktplatz“, resümiert Oliver Schäfer. Der Bürgermeister: „Auch der Gewerbeverein in Gestalt von Joachim Gotthardt hat sich für ein Beibehalten der Öffnung ausgesprochen. Er spricht im Verein mit den neuen Kurzzeitparkplätzen von einer ,bis dahin nicht erreichten Kundenfrequenz’“. Die Polizei wiederum habe in der einjährigen Testphase nicht einen einzigen Unfall registriert.

 „Wir haben jahrelang diskutiert: Machen wir’s, oder machen wir’s nicht?“, erinnert Martin Schulze-Elvert. „Wir haben“, so der CDU-Fraktionschef, „die Bürger live und online befragt“. 50 Prozent der Befragten seien damals für, 50 Prozent gegen eine Öffnung gewesen. „Würden wir die Bürger heute, nach einem Jahr Testphase, noch einmal fragen, wäre das Ergebnis pro Öffnung deutlich höher“, ist Schulze-Elvert überzeugt. Auch der Christdemokrat redet einem „gleichberechtigten Begegnungsverkehr“, eben jenem „Shared Space“, das Wort.

 „Wir haben lange, aber dafür gründlich beraten und wir haben die Bürger mit einbezogen. Das war das Wichtigste“, kommentiert Wilhelm Mevert (SPD). Befürchtungen, die sich noch aus der Zeit nährten, als die Friedrich-Ebert-Straße noch keine Fußgängerzone war, hätten sich „nicht bewahrheitet“. Diese Befürchtungen besagten, wie damals könne die Straße auch jetzt von Autofahrern lediglich als Abkürzung genutzt werden. Doch die Erfahrungen der Geschäftsleute mit der Kundenfrequenz sprächen eine andere Sprache. „Für die Sicherheit, aber auch für die Wohlfühlqualität wichtig ist es nun“, so Mevert, „dass die Hochbeete bleiben“. Bleibt nachzutragen:

 Kritik am jüngsten Obernkirchener Ratsentscheid kommt gleichwohl von einer Anwohnerin der Friedrich-Ebert-Straße. Die Frau moniert, dass der Bürgermeister, aber auch die Politiker versprochen hätten, vor einer Entscheidung über die Zukunft der Friedrich-Ebert-Straße das Gespräch mit der Öffentlichkeit zu suchen. „Das Gespräch ja, öffentlich auch, aber im Fachausschuss. Das haben wir getan“, rückt Schäfer zurecht.

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