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Die Demokratie war ein Schutzschild

Obernkirchen Die Demokratie war ein Schutzschild

Es war die Nacht vom 1. auf den 2. Oktober 1943, als die Gestapo und die deutsche Wehrmacht in ganz Dänemark von Juden bewohnte Häuser aufsuchten, um die rund 8000 Juden in dem von Deutschland besetzten Land in Konzentrationslager zu deportieren. Doch anders als erwartet fanden sie an jenem Tag, an dem an sich das jüdische Neujahrsfest gefeiert wurde, nur wenige Juden zu Hause vor. Was war passiert?

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Im Anschluss an den Vortrag sehen sich die Besucher auch noch die im Stift eröffnete Ausstellung an.

Quelle: wk

Obernkirchen. Rückblende: Als Dänemark 1940 von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde, sprach man dort noch von einer „Friedensbesatzung“, berichtet der Historiker Professor Therkel Straede (Universität Odense, Dänemark), den der Verein „Treff im Stift“ als Referent für einen mit „Die dänischen Juden – Rettung vor der Vernichtung“ betitelten Vortrag engagiert hat. Zudem kollaborierte die dänische Regierung seinerzeit noch mit den Besatzern, um Kriegsschäden zu vermeiden.

 1943 änderte sich die ruhige Situation, es kam zu ersten Widerständen gegen die deutsche Wehrmacht. Im August 1943 „schwappte dann eine Welle des Generalstreiks über das ganze Land“ – gerichtet gegen die Besatzer, aber auch gegen die Kollaboration der eigenen Regierung und Gewerkschaften. Als wesentlichen Grund für diesen Stimmungswandel nannte Straede den durch Bombardements der Alliierten verursachten „Feuersturm in Hamburg“, bei dem die Hansestadt in Schutt und Asche gelegt wurde. „Es entstand so eine Endzeitstimmung.“ Sprich: Ein Ende des Zweiten Weltkrieges rückte in greifbare Nähe, was in Dänemark den Mut zum Widerstand stärkte.

 Als durchsickerte, dass die Besatzer die dänischen Juden deportieren wollten, wurde der Plan zu deren Rettung entwickelt und rechtzeitig, bevor die Gestapo und Wehrmachtssoldaten an den Häusern und Wohnungen der Juden klopften, waren die meisten bereits mithilfe der dänischen Bevölkerung untergetaucht.

 „Alle Bevölkerungsschichten haben daran teilgenommen“, betont Straede. Blitzschnell hatten sich damals Netzwerke gebildet, die rund 7300 Juden versteckten, sie dann in den folgenden Wochen durch die Wegsperren der Besatzer schleusten und ihnen schließlich mit Unterstützung dänischer Fischer die Flucht über die Ostsee ins sichere Schweden ermöglichten. Lediglich 470 Juden wurden von den Deutschen am 2. Oktober 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo 53 von ihnen starben. Insgesamt kamen in Dänemark 116 Juden durch den Nazi-Terror zu Tode, so der Historiker.

 Unterm Strich hatten den Juden 30000 bis 40000 Menschen bei der Flucht geholfen, wobei die Zahl derer, die davon gewusst, aber geschwiegen hatten, noch weit größer gewesen war, sagt Straede. Die dänischen Fischer allerdings – das soll nicht unerwähnt bleiben – hatten sich für die lebensrettenden Bootsüberfahrten nach Schweden von den Flüchtlingen „kräftig bezahlen lassen“.

 Warum die Dänen die Juden gerettet haben? Die Demokratie in Dänemark habe „wie ein Schutzschild zwischen den Deutschen und der jüdischen Minorität“ funktioniert, erklärt der Experte. Zudem hätten sich die vier Millionen Dänen den Juden nicht unterlegen gefühlt, warum sollten sie sich also an deren Verfolgung beteiligen.

 Hinzu kommt, dass die dänische Regierung den deutschen Besatzern gegenüber zwar „sehr nachgiebig“ gewesen sei, in drei Punkten aber eine absolute „Unbeugsamkeit“ gezeigt habe. Die Maximen waren, dass keine dänischen Streitkräfte auf deutscher Seite kämpfen sowie keine Todesstrafen und keine Rassengesetze verhängt respektive erlassen werden durften.

 Begünstigende Faktoren seien ferner die Nähe zur schwedischen Küste nebst der offenen Seegrenze und eben die Kollaboration des dänischen Establishments gewesen. Ein „entscheidender Faktor“ war laut Straede indes der kulturelle: so etwa ein hoher Respekt vor den Menschenrechten, eine demokratische Gesinnung und die Einstellung, dass „Freiheit nicht auf Kosten von Gleichheit und Brüderlichkeit“ gehen dürfe.

 Weitere Informationen zu diesem Thema bietet eine noch bis zum 12. November 2014 im Stift Obernkirchen gezeigte Ausstellung des „Königlich dänischen Ministeriums des Äußeren und des Museums des Dänischen Widerstandes Kopenhagen“. Eine Besichtigung ist dienstags bis samstags von 15 bis 17 Uhr möglich, für Gruppen können unter Telefon (05724) 8450 individuelle Termine vereinbart werden. Der Eintritt ist frei! wk

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