Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Die Lust und die Last mit den Großen

Obernkirchen / Straßennamen Die Lust und die Last mit den Großen

Mit den über die Grenzen einer Stadt hinaus bekannten „großen“ Söhnen und Töchtern ist das so eine Sache. Der Besitzerstolz mündet oft in den Wunsch, den oder die Ausgezeichneten dadurch besonders zu ehren, dass eine Straße oder ein Platz nach ihnen benannt wird.

Voriger Artikel
Mozart im Stift
Nächster Artikel
Fettarmes Essen und „nur ganz wenig Wodka“

Admiral Reinhard Scheer – nach ihm haben die Nazis in der Bergstadt eine Straße benannt. Immerhin: Als Seeoffizier war Scheer untadelig.

Quelle: pr.

Obernkirchen. Allerdings: Diese Form der Ehrung kann sich für eine Stadt im Nachhinein als Bumerang erweisen – nämlich, wenn aus der Biografie des Be- und Gerühmten Dinge ans Licht kommen, von denen zuvor nichts bekannt war. Oder wenn eine neue Generation das – vielleicht – Bekannte, aber Verdrängte anders bewertet. Dann stehen die Zeichen auf Bildersturm. Was oft dann passiert, wenn der Mensch, nach dem eine Straße oder ein Platz benannt wurde, in der Zeit des Dritten Reiches gelebt hat. Vorsicht ist also die Mutter der Porzellankiste …

 Das mag sich auch Oliver Schäfer gedacht haben, der das Thema „historische Persönlichkeiten“ kürzlich auf die Tagesordnung der Bildungs- und Kulturpolitiker gesetzt hat. „Als Bürgermeister“, so der Rathauschef, „bekomme ich immer wieder Post von Nachfahren – mit der Frage, ob man denn nicht ,könne’…“ Schäfer erklärt den Fragenden dann immer, dass die Stadt Obernkirchen beim Benennen von Straßen in der Regel auf Flurnamen zurückgreift. Weil Flurnamen nämlich keine Fettnäpfchen sind. Dennoch juckt es dem Rathauschef manchmal in den Fingern, die eine oder andere Anregung aus dem Kreise der Nachfahren aufzugreifen.

 „Warum nicht? Wir sollten dass erst mal sacken lassen, aber wohlwollend behandeln“, befindet Ausschusschefin Beate Krantz (CDU). Ihr Fraktionskollege Horst Sassenberg würde zu gerne wissen, welchen berühmten Sohn oder welche berühmte Tochter der Bürgermeister im Kopf hat; der aber will keine Namen nennen. Und so bleibt Sassenberg dann nichts anders übrig als sich zurückzulehnen: „Warten wir mal ab, was da kommt.“ Der Christdemokrat gibt zwar zu bedenken, dass anderswo „die eine oder andere historische Persönlichkeit inzwischen kritisch gesehen wird“, aber: „Wenn man in Obernkirchen eine Örtlichkeit nach den Schaumburger Märchensängern benennen würde, die ihre Wiege hier haben – dann hätte ich viel dafür übrig.“ Gründerinnen der Märchensänger waren 1949 Edith Möller und Erna Pielsticker.

 Tatsächlich sind in der Bergstadt nur ganz wenige Straßen und Plätze nach „Eigengewächsen“ oder doch zumindest Menschen benannt, die sich um Obernkirchen verdient gemacht haben. Heyestraße und Bornemannplatz sind Paradebeispiele; weitere sind die Baumeister-Krentler-Straße, die Heinrich-Kütemeier-Straße und zuletzt 2006 der nach dem im selben Jahr gestorbenen Bildhauer benannte Jupp-Franke-Platz. (früher: Küsterort).

 Und dann ist da noch der 1863 in Obernkirchen geborene Reinhard Scheer, Admiral im Ersten Weltkrieg. Scheer kommandierte die Deutsche Hochseeflotte 1916 in der Skagerrakschlacht, der größten Seeschlacht der Geschichte. Zum posthumen Glück des Admirals starb er bereits 1928, erlebte das Dritte Reich also nicht mehr. Aber: Die Nazis vereinnahmten den kaiserlichen Heros in den 30er-Jahren für ihre Zwecke – und benannten den früheren Friedhofsweg hinter dem Ochsenbruch kurzerhand in Admiral-Scheer-Straße um. So heißt er noch heute.

 Sicher dürfte sein: Eine Admiral-Scheer-Straße, wenn es sie nicht bereits geben würde, würde heute in Obernkirchen wohl niemand mehr aus der Taufe heben; ebenso wenig wie man vermutlich eines fernen Tages eine Straße nach einem im Afghanistaneinsatz verdienten Bundeswehr-General benennen wird. Spätestens seit der „Soldaten sind Mörder“-Debatte Mitte der 80er-Jahre hat sich die Wahrnehmung des Militärs in der Öffentlichkeit gewandelt, stehen Kriegshelden nicht mehr hoch im Kurs. Admiral Scheer bewegt sich da in einer Art Grauzone.

 Die Vermutung darf gewagt sein: Wäre Obernkirchen Universitätsstadt, hätte Schäfer wohl längst ein Bürgerbegehren auf Umbenennung der Admiral-Scheer-Straße auf dem Tisch. Ähnlich wie bereits 1994 in Hannover der damalige nach dem Kolonialakteur benannte Carl-Peters-Platz (jetzt: Bertha-von-Suttner-Platz) und 2012 in Münster der nach dem Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten benannte Hindenburg-Platz (jetzt: Schlossplatz) – studentisch gesprochen – „in Verschiss“ geraten sind … tw

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Schaumburg