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Die Nachtseite des Menschen

"Traum der Zeiten" in Obernkirchen Die Nachtseite des Menschen

Wie ein Gespinst legt sich die Musik von Tora Augestad (Gesang) und der „compagney BERLIN“ über die Zuhörer. Der „Traum der Zeiten“ – eine Veranstaltung im Rahmen der „Niedersächsischen Musiktage“ – folgt Sehnsüchten und Hoffnungen, Phantasien und Visionen, kurz: der Nachtseite des Menschen.

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Zukunftsmusik

Der "Traum der Zeiten" begeistert die Zuhörer.

Quelle: mig

OBERNKIRCHEN. Es ist ein bezaubernder Abend, den Augestad in der Stiftskirche gestaltet. Fast unmerklich zieht sie den Zuhörer in ihren Bann; erst durch ihre beeindruckende Stimme, später durch Gestik und Mimik.

Im Mittelpunkt der Musik steht der Mensch: der Träumer, der Phantast. Mal als ständig vom Tod bedrohtes Wesen, mal als ein Wesen, das von den verschiedensten Empfindungen „heimgesucht“ wird. Der Traum – mal ist er eitel, mal schön.

Auf jeden Fall aber eine menschliche Konstante, die sich quer durch die Jahrhunderte verfolgen lässt. Spätestens seit der Renaissance haben Komponisten wie John Dowland melancholische Stimmungen, bizarre Traumerfahrungen und heimliche Sehnsüchte in ihrem Werk eingefangen. Als geeignetste Form für derartige „Launen“ erwies sich das Lied, das Madrigal. Schon bei Claudio Monteverdi steht nicht mehr der Text im Mittelpunkt, sondern der Empfindende und seine Erregung. Person und Stimme fallen zusammen, bilden eine Identität.

Hoher Grad der Erfüllung

Augestad spürt dieser „conditio humana“ durch die Zeiten hindurch nach. Begleitet von der „compagney BERLIN“, die als eines der renommiertesten, kreativsten deutschen Barockensembles gelten, gelingt ihr ein hoher Grad der Einfühlung. Augestad verkörpert die Figur, die durch das Lied spricht. Sie bittet und fleht, trauert und klagt. Sie lacht und ist fröhlich.

Ist das Schauspielkunst? Oder kommt hier eine Stimme zum Leben, die jedes Lied idealerweise in sich trägt? Sicher ist: Augestad weiß um die Wirkung ihrer Gesten. Da ist kein Zuviel, keine Übertreibung. Wenn sie Friedrich Dedekinds „Der führt ein totes Leben und stirbt in Traurigkeit“ (in: „Wandel der Zeit“) vorträgt, ist ihr Gesicht wie erloschen.

Bei Dowlands „Stay Time awhile thy flying“ (mit der Zeile: „Denn Freund und Glück haben mich beraubt“) krümmt sich ihr Rücken. Das ist Verzweiflung – ohne großes Tamtam. Wunderbar auch: das „Lamento della Ninfa“ von Monteverdi mit dem berühmten „Lamento-Bass“.

Große Wandlungsfähigkeit

Überhaupt: Was für eine Wandlungsfähigkeit zeichnet diese Sängerin aus. Eben noch singt sie das fast fröhliche „Lachen und Weinen“ von Franz Schubert – fünf Lieder weiter klagt sie und jammert, dass Einem das Herz wehtut.

Zum Schluss ein Wort zu Augestads unglaublicher Stimme. Hell und klar, volumenreich und kraftvoll, gibt es wohl kaum eine Partie, die sie nicht singen könnte. Bis ins leise Pianissimo deutlich artikulierend gibt sie den Liedern einen ganz eigenen Schwung. Thomas Campions „Silly boy, ’tis full moon yet“ oder Henry Purcells „From silent shades“ kommen da fast mondsüchtig daher.

 Das gilt auch für Franz Schuberts „Lindenbaum“ oder Kriegers „Freyheit ist die beste Lust“. „Wenn Verliebte als Betrübte, sich in ihren Banden quälen, lacht ein freies Herz darzu“, deklamiert Augestad untermalt vom Trommeln und Pfeifen der „compagney“. Dass Letztere einen Gutteil zum Gelingen des vorzüglichen Konzertes beigetragen hat, muss hier wohl nicht extra betont werden. Das historisch genaue Spiel, die lebhafte „Canzone“ von Francesco Cavalli – all das erschuf einen „Traum“ früherer Zeiten und Empfindungen. mig

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