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Die Wunden sind verheilt…

Obernkirchen Die Wunden sind verheilt…

Ein leeres Haus – mehr ist vom Bekleidungs-Geschäft „Elias Lion & Co.“ nicht übrig geblieben. Steven Lion, ein Nachfahre der Kaufhausgründer, ist sichtlich bewegt. „Es ist gut, das mit eigenen Augen zu sehen“, sagt der 63-jährige Neuseeländer. Und: „Mein Vater hat sein Land nicht gerne verlassen. Er war traurig, sehr traurig.“

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Keine Stadtführung wie jede andere: Sybille Schlusche (links) und Wilfried Bartels (Zweiter von rechts) zeigen den Gästen den Standort der früheren „Manufactur Elias Lion & Co.“ mig (2)

Obernkirchen.  Von Weitem wirkt die kleine Gruppe, die die Friedrich-Ebert-Straße langgeht, wie eine normale Touristengruppe. Vielleicht eine Stadtführung, mag der eine oder andere denken. Oder Urlauber, die ein Restaurant suchen. Erst nach und nach wird deutlich, dass hier eine besondere Führung stattfindet. Die Teilnehmer scheinen durch die Häuser hindurchzuschauen. Als würden sie nach etwas suchen, dass sie nur aus Erzählungen kennen – die Spuren jüdischen Lebens in Obernkirchen, die Spuren der eigenen Familie.

 Fast 80 Jahre ist es inzwischen her, dass Ernst Lion nach Neuseeland auswandern musste. Als Jude war sein Leben in Gefahr. Sohn Steven Lion ist vor allem aus einem Grund nach Deutschland gekommen: Er will sehen, wo sein Vater gelebt hat. Wo die Synagoge steht, in der er gebetet hat und das frühere Bekleidungsgeschäft, das von seinem Opa, Leopold Lion, und seinem Großonkel, Elias Lion, geführt wurde.

 „Es ist gut, all das, was mein Vater erzählt hat, mit eigenen Augen zu sehen“, sagt Steven Lion. In seiner neuen Heimat Neuseeland, so Steven Lion weiter, sei sein Vater gerne gewesen, „er hatte ein schönes Leben und es ging ihm gut.“ Von Obernkirchen habe er einmal alles erzählt, „und dann nicht mehr so oft.“ Das Thema habe ihn traurig gemacht, „bittersweet“, wie Steven Lion es ausdrückt. Einmal noch war sein Vater Ernst in Obernkirchen zu Besuch – das war 1989, als Teil einer Gruppe ehemaliger jüdischer Einwohner. Damals prägte er den Satz: „Die Wunden sind verheilt, aber die Narben bleiben“, ein Satz, den er in einem Interview (nachzulesen im Buch „Jüdisches Leben in der Provinz“ von Rolf-Bernd de Groot und Günter Schlusche) ausführt. Das Wort Jude werde in Neuseeland in einem anderen Kontext gebraucht als in Deutschland. „Hier hat es immer einen schlechten Klang gehabt“, führt Lion aus, der 1938 emigriert ist. Und: „Ich höre die 14 Jahre noch heute. 14 Jahre: ,Die Juden sind alle daran schuld’, den Goebbels da in seinen Reden. Glauben Sie nicht, dass ich das vergesse. Das gibt’s bei mir nicht. Ich bin viel lieber Engländer.“

 In Obernkirchen hat die Gruppe ein umfangreiches Programm absolviert. Der Tag begann mit einem von Wilfried Bartels angeleiteten Stadtrundgang, der zum ehemaligen Bekleidungsgeschäft „Elias Lion Co.“ und zur Synagoge führte. Es folgten Besuche des jüdischen Friedhofs und der ehemaligen Wohnung von Steven Lions Großeltern, Leopold und Karola Lion, geb. Adler, sowie seinem Vater und seiner Tante Ursula. Im Rathaus trugen sich die Besucher (Steven Lion, Ehefrau Kai Lion und Maricela Daniel, Ehefrau von Michael Alford, einem Sohn von Ursula Alford, geb. Lion) ins Goldene Buch ein. Im Gespräch mit Bürgermeister Oliver Schäfer erläuterte Maricela Daniel, dass ein Teil der Gruppe den Besuch in Obernkirchen wegen des plötzlichen Todes von Ursula Alford hatte absagen müssen, darunter ihre Kinder Michael, John und dessen Frau Lani.

 Im Namen ihres Mannes Michael verlas Maricela folgende Nachricht: „Es ist wunderbar, dass es, obwohl es so lange her ist, eine so enge Verbindung gibt zwischen Obernkirchen und den Lions.“ Herzliche Grüße an die Adresse der Besucher kamen von Johanna Schönfeld, einer Jüdin, die bis heute in Obernkirchen lebt. An Steven Lion gewandt sagte sie: „Ich sehe mir diesen Herrn an und denke an seine Eltern, sie sind ihrem Vater sehr ähnlich.“ Johanna Cläre geborene Gortatowski war lange mit Manfred Schönfeld verheiratet, der 1937 nach Argentinien emigriert ist.

 „Ich bin gerührt, deshalb fällt es mir schwer, Worte zu finden. Heute Nacht habe ich darüber nachgedacht, dass es gut war, in Obernkirchen geblieben zu sein.“ Als ihr Mann 1998 starb, habe sie überlegt, zurück nach Argentinien zu gehen, so Frau Schönfeld. Dass sie sich dagegen entschied, habe damit zu tun, „dass ich das Glück gehabt habe, wertvolle Menschen zu treffen – und Menschen brauchen Menschen.“

 Steven Lion dankte dem Team, das den Besuch vorbereitet hat, mit den Worten: „Danke für ihren schönen Empfang, danke für Ihre Menschlichkeit.“

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