Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -6 ° heiter

Navigation:
Ein Fenster in die Vergangenheit

Historische Dokumente bei Stiftssanierung gefunden Ein Fenster in die Vergangenheit

Hohe Kräne, schweres Gerät und meterlange Absperrungen prägen seit Monaten den Kirchplatz der Bergstadt Der Grund: Die Ostseite der jahrhundertealten St.-Marien-Kirche ist abgesackt, sie muss stabilisiert werden.

Voriger Artikel
Mit Eskorte der Polizei in die Waschanlage
Nächster Artikel
Schüler aus La Flèche zu Gast an der IGS

Die Kugel auf dem Glockenturm enthält spannende Dokumente.

Quelle: wk

Obernkirchen. Im Zuge der Sanierung hat jüngst der Glockenturm des Stifts besondere Beachtung gefunden: In Bleikästchen fanden Arbeiter höchst interessante Dokumente. „Für uns hat sich ein Fenster aufgetan, durch das wir Jahrhunderte zurückblicken können“, sagt Äbtissin Susanne Wöbbeking.

Der Glockenturm des Stifts, der in seiner heutigen Form aus dem Jahr 1755 stammt, versteckt sich ein wenig hinter der wuchtigen St.-Marien-Kirche. „Die Glocke wird bei freudigen und bei traurigen Anlässen geläutet“, erklärt Äbtissin Wöbbeking, „also wenn eine Äbtissin oder eine Stiftsdame ins Amt eingeführt wird – oder wenn sie stirbt.“ Sie selbst erinnert sich daran, dass es sie sehr berührt hat, als vor fünf Jahren die Glocke zu Ehren der verstorbenen Stiftsdame Elke van Klaveren erklang.

102 Kilogramm schwer

Die Bronzeglocke, die derzeit im Stiftsturm hängt, ist noch nicht sehr alt. 1985 wurde sie installiert, nachdem der Turm über Jahrzehnte glockenlos geblieben war. Hintergrund: Zum Ende des Ersten Weltkriegs hatte das Deutsche Reich alles zu Kanonen umgeschmiedet, was aus Eisen war – so im Februar 1918 auch die Obernkirchener Stiftsglocke.

Im Archiv finden sich Dokumente über die Herstellung der 1985er Glocke, die aus der Glockengießerei Gebrüder Rincker stammt. Gut 54 Zentimeter misst sie im Umfang, 102 Kilogramm ist sie schwer. Sie trägt eine Inschrift, die die Äbtissin Theda von Brucken-Fock in Auftrag gegeben hatte: „Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten!“ Die feierliche Weihe war am 1. September 1985.

Der Glockensachverständige der Landeskirche Hannover notierte damals, dass die „Klanganalyse ein ausgezeichnetes Ergebnis“ ergeben habe. Auch die „Abstimmung auf das Geläut“ der Stiftskirche sei „gut gelungen“.

Weisheiten aus vergangener Zeit

Bei Arbeiten am Glockenturm wurde kürzlich die Kugel geöffnet, die unterhab des Wetterhahns installiert ist. Darin fanden sich drei Bleikästchen. Sie enthalten Dokumente aus den Jahren 1755, 1836, 1893 und 1956, nebst Geldmünzen. Jeweils waren Arbeiten am Glockenturm Anlass gewesen, neue Dokumente hinzuzufügen, so musste 1956 das Dach neu gedeckt werden.

Aus dem Jahr 1755 erfahren wir unter anderem: „Der Zimmermeister so diesen Thurm gebaut, heißt Groß, wohnhaft zu Bückeburg.“

Aus dem Jahr 1836 lernen wir: „Der Hinten Weitzen kostet 1 1/6 Gulden. Der Hinten Roggen 24 Marien-Groschen. Der Hinten Gerste 20 MGr der Hinten Hafer 12 Mgr. 1 Pfd. Butter 7 MGr. und 1 Pfd. Rindfleisch 2 1/2 Mgr.“

1893 stellt sich zunächst der Klempnermeister vor: „Im Jahre 1893 im November, habe ich den Stiftsturm mit Blei neu gedeckt. Der Klempnermeister Georg Heinrich König aus Obernkirchen Haus 42/43, 49 Jahre alt, geb. 2. Juli 1844, Frau Auguste König geb. Deinerberg 45 Jahre alt, Sohn Heinrich König, Unteroffizier im 2 ten Westfälischen Inf. Reg. Nr. 15, Minden 20 Jahre alt. Sohn Carl König Klempnergeselle, 18 Jahre alt, Tochter Auguste König, 15 Jahre alt. Tochter Laura König, 14 Jahre alt, Tochter Dorothe König, 4 1/2 Jahre alt.“

Äbtissin Carola von Stamford erlaubt in ihrem Text einen etwas genaueren Einblick, hier ein Auszug: „Das Jahr 1956 hat der Bundesrepublik Deutschland eine reiche, wirtschaftliche Blüte gebracht, nur noch keine Wiedervereinigung mit der Deutschen Demokratischen Republik, der von den Sowjets beherrschten Ostzone, jenseits der Elbe. Wir werden regiert von Bundespräsident Prof. Heuss und Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer. Die Verhältnisse im Stift haben sich seit 1893 sehr geändert, da im Jahre 1901 der ‚Reifensteiner Verband für wirtschaftliche Frauenbildung auf dem Lande‘ nach und nach den größten Teil der Stiftsgebäude und Gärten pachtete und eine Landfrauenschule mit jetzt 100 Maiden – Schülerinnen und 14 Lehr- und Verwaltungskräften – darin einrichtete. Die Verbindung von Stift und Schule ist eine sehr glückliche.“

Für die Nachwelt

Äbtissin Wöbbeking und die Stiftsdamen haben in den vergangenen Wochen gründlich darüber nachgedacht, was sie in ihrer Depesche der Nachwelt übermitteln wollen. Im Mittelpunkt stand die Frage: Was hat sich seit 1956 verändert? „1970 musste die Landfrauenschule des Reifensteiner Verbandes geschlossen werden. Von 1991 bis 1993 wurde der Westflügel mit Mitteln der Klosterkammer Hannover umfangreich saniert und dann seit Februar 1994 als Tagungsstätte an die Geistliche Gemeinde-Erneuerung vermietet.“ Der Westflügel müsse ab 2017 neu vermietet werden. Weitere wichtige Veränderungen: Der La-Flèche-Park und das heutige Gelände des Seniorenzentrums „Sonnenhof“ befanden 1956 noch im Besitz des Stifts Obernkirchen. Stolz verweisen die Autorinnen auf die kulturellen Aktivitäten, die inzwischen fest zu Obernkirchen gehören, wie die Vortragsreihe „Treff im Stift“, die internationalen Klavierkonzerte und die Ausstellung über Reifensteiner-Verband und Landfrauenschule.

Die Stadt habe in der Zwischenzeit viele Arbeitsplätze verloren, weil die Glasfabrik Heye und die Pumpenfabrik Bornemann nicht mehr in Familienbesitz seien, heißt es weiter. Die Stadt präge jedoch „ein großer Zusammenhalt in kulturellen Fragen, wobei die wesentlichen Aufgaben ehrenamtlich erfüllt werden“. Mit dem Hinweis auf das 850-jährige Bestehen des Stifts, das 2017 gefeiert wird, endet das Schreiben.

Gut möglich, dass es erst in mehr als einem halben Jahrhundert jemand liest.  ab

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg