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Eine Pastoren-Dynastie in Estland

Vortrag in der Reihe „Treff im Stift“ Eine Pastoren-Dynastie in Estland

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ist das evangelische Pfarrhaus ein seelisch-geistiger Fixpunkt der deutschen Geschichte gewesen. Von ihm ging eine ungeheure Wirkung aus, die der Journalist Cord Aschenbrenner in seinem Vortrag in der Reihe „Treff im Stift“ so zusammenfasst: „Aus dem Ideal des für alle offen stehenden, christlichen Hauses mit geistiger Ausstrahlung und kultureller Ansprache erwuchs ein bis heute lebendiger Mythos.“

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Ein kleiner Chor (um Beate Josten und Werner Hobein) singt von Emil Hoerschelmann vertonte Psalmen. Emil Hoerschelmann gilt als Begründer der estnischen Kunstmusik.

Quelle: mig

OBERNKIRCHEN. Es gibt wohl kaum eine Institution, die die deutsche Geistesgeschichte mehr geprägt hat, als das „evangelische Pfarrhaus“. Deutlich wird das schon an Theologensprösslingen wie Gotthold Ephraim Lessing, Friedrich Nietzsche und Albert Schweitzer. Aschenbrenner zitiert, was „auf dem Land“ über „Pfarrerskinder“ gesagt wird: „Entweder er wird was Großes, oder er wird gar nichts.“ Ein Bonmot, das zeigt, wie sehr der „Herr Pastor“ (und seine Familie) unter Beobachtung standen und stehen. Heute würden sich viele wie auf einem Präsentierteller fühlen, hat Aschenbrenner beobachtet. „Man versucht deshalb, immer mehr zwischen Arbeit und Privatleben zu trennen.“ Dass es mittlerweile sogar Ausstellungen zu diesem Thema gibt, sieht Aschenbrenner als „Zeichen, dass das evangelische Pfarrhaus Gefahr läuft, zu verschwinden“. Fest stehe aber auf jedem Fall, dass sich das Pfarrhaus stark verändert habe.

Aschenbrenner folgt der Geschichte des Pfarrhauses am Beispiel der deutsch-baltischen Familie Hoerschelmann. In ihr finden sich gleich neun Generationen von Pfarrern – eine echte „Pastoren-Dynastie“. Drei Jahrhunderte lang verkörpern sie, erst in Thüringen, später in Estland, die Entwicklung einer Institution, ohne die die deutsche Geistesgeschichte anders verlaufen wäre. Aschenbrenner gelingt so ein Spagat zwischen Familiengeschichte und einem Ausflug ins Allgemeine.

Pastorenkinder hatten es nicht leicht

Das dem Vortrag zugrunde liegende Buch bietet Einsichten in den beschwerlichen Alltag einer Theologenfamilie zwischen Privatheit und öffentlichem Auftrag und erkundet überdies das – manchmal durchaus konfliktreiche – Verhältnis von Deutschen und Esten, Adel und Bauern. Aschenbrenner skizziert die besondere Stellung des Pfarrhauses nicht nur geistesgeschichtlich, sondern am besonderen Fall.

Aschenbrenner gelingt es, die Bedeutung des Pfarrhauses in großen Linien nachzuzeichnen und gleichzeitig einen packenden Familienroman abzuliefern. Wie lebt es sich als Pastor mit Familie? Was wird von einem Pastorenkind erwartet? Dass diese Kinder keinen leichten Stand hatten, wird während des Vortrags deutlich. Man habe das Pfarrhaus als Siegel auf die Predigt gesehen, so Aschenbrenner. Erziehung war also „praktische Verkündung“, die „keinen Anlass zur Kritik geben durfte“. Konkret heißt das, dass jede Unbotmäßigkeit des Sohnes die Autorität des Pfarrers beschädigte. Für die Familie habe das vor allem eines bedeutet: „Es gab einen großen Harmoniedruck.“ Von den Kindern habe dieser gefordert, „dass sie immer lieb und freundlich sein sollten“. Wenn der Pastorensohn Äpfel klauen ging, habe das Dorf ein Exempel gefordert. Und heimliche Genugtuung darüber verspürt, dass die Pastorenkinder auch nicht besser sind als andere.

„Seele des Pfarrhauses“

Großen Raum nimmt bei Aschenbrenner die Pastorenfrau ein, die als „Seele des Pfarrhauses“ gegolten habe. Oft hätten die Pastoren die Töchter ihres Ausbilders geheiratet, also Frauen, die wussten, was auf sie zukommt. Sie mussten in vielen Tätigkeiten bewandert sein, mussten sticken und nähen können, mussten die Kinder erziehen und ökonomische Kenntnisse besitzen. Kurz: Sie mussten ihren Gatten das alltägliche „Drumherum“ abnehmen.

Wie fordernd das sein kann, wird am Beispiel von Antoinette Hoerschelmann, der Gattin von Emil August Hoerschelmann, deutlich, die als „Manisch-Depressive“ kaum mit dem einsamen Landleben zurechtkam. Sie galt wohl als Gegenteil des Idealbildes, das Aschenbrenner so beschreibt: „Ihre Pflichten musste sie fröhlich auf sich nehmen. Demütige Hingabe wurde von ihr erwartet.“ Dieses Leben auf dem Präsentierteller habe manche Pfarrersfrau überfordert. „Es gibt viele junge Pastoren-Paare, die das für sich nicht mehr wollen. “mig

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