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Erst eine Kuh kaufen, später eine Schule bauen

Obernkirchen / Hilfsprojekt Erst eine Kuh kaufen, später eine Schule bauen

Es hat vor einem Dutzend Jahren mit 200 Mark begonnen, die Maurice Allarabaye Daja beim ersten Schulbesuch von den Schülern erhalten hat. Von dem Geld kaufte er eine Kuh, einen Pflug und ein Stück Land mitten in seinem Heimatland Tschad.

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 Maurice Allarabaye Daja rechnet in Obernkirchen den Schülern vor, wie viel Hilfe ein Euro ist.

Quelle: rnk

Obernkirchen. Der Ertrag der Ernte sollte dazu genutzt werden, um einen Lehrer in der Stadt ausbilden zu lassen, alle anderen Erträge würden dann für den Aufbau einer Schule eingesetzt.

 Auch der Bau der Schule im Dorf ist auf engste mit der Schule in Obernkirchen verbunden, weil die Schüler vor sieben Jahren 8000 Euro sammelten – eine Summe, wie Maurice Daja sagt, mit der er im Dorf ankam und die sofort eine Entscheidung verlangte: Wollt Ihr die Schule bauen? Hier und jetzt?

 Die Menschen wollten. Lebten damals 200 Kinder in der näheren und weiteren Umgebung, die in dieser Schule den ersten Zugang zu Wissen und Bildung finden würden, so sind es heute 700 Kinder. Eine Stadtflucht habe eingesetzt, erklärt Maurice Daja, zurück aus der Stadt, in die viele Menschen wegen der mangelhaften Zukunftsperspektiven geflüchtet seien, zurück ins Dorf, wo jetzt eine Schule stehe. Wobei Dorf ein relativer Begriff ist: Das Projekt betrifft zurzeit 15 umliegende Dörfer mit rund 15000 Einwohnern, Tendenz steigend.

 Ziele dieses Projektes sind außer der Sicherung der Grundbildung auch interreligiöse Erziehung zu Toleranz und Wertschätzung unterschiedlicher Religionen, die Schaffung von Perspektiven für Schulabgänger; Ernährung und Ackerbau, Frauenförderung und Gesundheit, Umweltschutz und nicht zuletzt die Stärkung der zivilen Gesellschaft für eine demokratieorientierte lokale Entwicklung.

 Für Maurice Daja, der seit 1990 in Münster lebte, erfüllte sich ein Lebenstraum. In Paris und Lyon hatte er Kommunikationswissenschaft und Journalismus studiert. Als Reporter und Redakteur war er in vielen verschiedenen afrikanischen Ländern unterwegs, saß in Gefängnisse, weil er Meinungsfreiheit forderte, flüchtete nach Deutschland.

 Die Ursprünge des Projektes gehen bis vor das Jahr 2000 zurück. Daja reiste privat in seine Heimat in den Tschad. Dort baten ihn die Menschen um Hilfe. Es begannen Gespräche mit den Dorfbewohnern in Koumaye. Die Hauptprobleme waren die Unterrichtbedingungen für die Kinder, die schlechte Versorgung mit Trinkwasser sowie die schlechten Bodenbedingungen und der daraus folgende Mangel an Nahrung.

 Im Jahr 2005 wurde das erste Schulgebäude in Koumaye gebaut, im Jahr 2006 wurde zudem eine Solaranlage auf dem Dach der Schule errichtet. Wegen ihrer guten Struktur und erfolgreichen Entwicklung hat die Schule in der Zwischenzeit viel Lob und eine offizielle Anerkennung der staatlichen Schulbehörde bekommen: Die bisherige Grundschule, die die erste bis sechste Klasse umfasst, ist bis zur zehnten Klasse erweitert worden. Im Umkreis der beteiligten Dörfer hat diese Schule als einzige ein festes Gebäude, in dem die Schüler ab der 4. Klasse unterrichtet werden.

 In Koumaye, dem Dorf, in dem die Schule gebaut wurde, war das Abenteuer Zukunft damit nicht beendet. Es wurde ein Förderverein gegründet, der Masra heißt und übersetzt bedeutet: „Ich kann.“ Und dieser Förderverein ist durchaus mächtig, wenn es um die gute Sache geht, erzählt Daja. So hat jedes Dorf einen Anteil an der Ernte für die Schule zurückzulegen, weil aus dem Erlös die Lehrer bezahlt werden können oder neues Inventar angekauft werden kann.

 Für Daja hat sich das Leben noch einmal vor zwei Jahren geändert. Denn der Arbeitslose, der fast zwei Jahrzehnte quer durch Deutschland reiste und in Bayern und Berlin, München und Hamburg, Obernkirchen und Frankfurt über den Tschad informierte und für sein Projekt warb, stieß immer an ein Hindernis, wenn er offizielle deutsche Hilfe für die Entwicklung in seinem Heimatland in Anspruch nehmen wollte; das scheiterte, „weil ich ja Ausländer war.“ War, denn seit zwei Jahren besitzt Maurice Daja die deutsche Staatsangehörigkeit und ist mittlerweile als Entwicklungshelfer angestellt und kann auf Kooperationspartner zurückgreifen.

 Die Aussichten in Koumaye sind gut: Sobald die ersten Schüler die zehnte Klasse absolviert haben, können die Besten von ihnen in Goundi, Koumra oder Sarh Gymnasien besuchen, um das Abitur zu machen. Einige könnten eventuell künftige Lehrer in Koumaye werden. Die anderen Schulabgänger sollen vor Ort ausgebildet werden, sie sollen moderne Bauern zu werden, denn das mit traditionellen Methoden angebaute Getreide deckt im günstigsten Fall gerade mal den Eigenbedarf. Durch das Erlernen des Gemüseanbaus zur Selbstversorgung und zum Verkauf wird zudem eine neue Berufsperspektive entstehen. Bis jetzt ist der Beruf des Gemüsebauern in der Region unbekannt. Durch die Arbeit an einem neuen Bewässerungssystem bekommt dieser Beruf eine Perspektive. Zudem ist angestrebt, das Modell „Koumaye“ auch anderen Dörfern in der weiteren Umgebung näher zu bringen und die Menschen zur Eigeninitiative zu ermutigen.

 Es ist ein weiter Weg, denn das Vorhaben müssen die betroffenen Menschen erst verstehen und damit einverstanden sein. Es sind Leute, die den ganzen Tag auf Feldern ackern und nur abends erreichbar sind. Sie zu mobilisieren, bedeutet, viel Aufklärungsarbeit zu leisten und dabei Rücksicht zu nehmen auf ihre Bedürfnisse und ihr Tempo zu respektieren.

 Eine öffentliche Sensibilisierung in 15 unterschiedlichen Dörfern benötigt Zeit und Kontaktpflege, sagt Maurice Daja: „Mit Druck kann man dort gar nichts erreichen.“

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