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„Gibt’s da Schlangen und Skorpione?“

Aus dem Tschad in die Bergstadt „Gibt’s da Schlangen und Skorpione?“

„Wie heiß ist es denn bei dir in Afrika?“ – „Aktuell so um die 50 Grad Celsius.“ – „Gibt’s da Schlangen und Skorpione?“ – „Ja, ich bin selbst schon fünfmal gebissen worden; aber nur das letzte Mal war’s schlimm.

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Die Fünftklässler wollen von Maurice Daja viel wissen. Der Mann aus dem Tschad gibt geduldig Antwort.

Quelle: tw

Obernkirchen (tw). “ – „Wie ist das so, wenn man in einer kleinen Hütte leben muss?“ – „Das solltet ihr am besten selbst heraus finden.“ Mit Fragen wie diesen haben vier fünfte Klassen der IGS Obernkirchen jetzt Maurice Daja gelöchert. Der 63-Jährige aus dem Tschad hat sie den Zehn- bis Zwölfjaährigen alle beantwortet. Wenngleich: Wie alt Daja tatsächlich ist, weiß er nicht genau: „63 steht nur in meinem Pass“, verrät er.

 Doch wie auch immer: Einmal mehr ist „Maurice“, wie ihn am Ochsenbruch fast alle nennen, jetzt zu Gast an der Schule gewesen – eine Schule, zu der sein Dorf Koumaye seit zwölf Jahren eine Partnerschaft unterhält; es verdankt ihr viel. „Ich selbst kenne Maurice bereits seit etwa 20 Jahren. Er besucht uns so gut wie jedes Jahr, berichtet vom Fortgang der Projekte in Koumaye“, sagt Karoline Tietjen, Didaktische Leiterin der IGS. Außer zu der Einrichtung in Obernkirchen unterhält der Ehrenamtliche noch Kontakte zu einem Gymnasium im nordrhein-westfälischen Gevelsberg sowie zu zwei Grundschulen. Doch nur zur Bergstadt-IGS kommt Maurice – wie gesagt – jedes Jahr.

 Der Mann, der in Paris und Lyon Kommunikationswissenschaft und Journalismus studiert hat, als Reporter und Redakteur in vielen afrikanischen Ländern unterwegs war und in Gefängnissen saß, weil er Meinungsfreiheit forderte, ist gern in Obernkirchen.

 Alles hat vor einem Dutzend Jahren mit 200 Mark begonnen, die Maurice beim ersten Besuch in der Bergstadt von den Schülern bekommen hat. Von dem Geld kaufte er eine Kuh, einen Pflug und ein Stück Land. Nur wenige Jahre später hatte der „Ochsenbruch“ 8000 Euro für Maurice gesammelt – der damit in Koumaye mit dem Bau einer Schule beginnen konnte; 2005 war der Steinbau fertig.

 Derweil gedeihen besagte Projekte offenbar prächtig – wie es überhaupt mit dem Tschad voran zu gehen scheint. „Vor 15 Jahren lebten in Koumaye nur etwa 350 Menschen; heute sind es um die 3000“, erzählt Maurice, der in seinem eigenen Dorf sechs Jahre als Entwicklungshelfer gearbeitet hat. „Sogar einen Wochenmarkt haben wir dort jetzt.“ Brauchte Maurice für die 800 Kilometer vom Dorf zum Flugplatz mit dem Auto noch vor Kurzem vier Tage, schafft er diese Strecke jetzt in nur 15 Stunden; die Straßen sind nämlich besser geworden. Der Mann aus dem Tschad ist Weltbürger, hat außer seiner Wohnung in Afrika auch eine in Münster.

 Dennoch gibt es in Koumaye, wo „Komfort“ ein Fremdwort ist, noch viel zu tun: „Ich sage meinen Landsleuten immer: Wir können unmöglich so weiter machen wie unsere Vorfahren“, betont Maurice, als er den Fünftklässlern einen kurzen Film über den Alltag in seinem Dorf zeigt. Dort leben viele Menschen noch immer zu fünft oder sechst in kleinen Rundhütten mit Schilfdach. Sie lernen erst allmählich, feste Häuser aus Ziegeln zu bauen und das Trinkwasser sauber und keimfrei zu halten. Und noch immer werden im Tschad fast jeder zweiten Frau die Genitalen beschnitten. „Das ist menschenverachtend“, rügt Maurice.

 Doch wie empfindet ein Mann aus Afrika das Leben in Deutschland, sechs Flugstunden von seinem Geburtsort entfernt? „Seit den achtziger Jahren hat sich in Deutschland vieles zum Guten verändert“, lobt Maurice – und meint: „Die Leute sind Menschen wie mir gegenüber viel offener und unbefangener geworden.“ Das gelte selbst für die Behörden.

 Besonders schön für Maurice und Koumaye: Der Wahlpflichtkursus „Streitschlichter“ an der IGS hat ihm eine ansehnliche Summe mit auf den Weg gegeben, die Schülerinnen beim Muffin-Verkauf während des Sozialpraktikums „Sich für andere einsetzen“ gesammelt haben. Mit dem Geld wird der Mann aus dem Tschad in seiner ersten Heimat abermals Gutes tun. „Bislang“, sagt er zum Abschied, „ist von dem Geld, was ihr uns gegeben habt, noch nie auch nur ein Cent verloren gegangen.“

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