Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Glasbläser – die Arbeiter-Elite

Obernkirchen Glasbläser – die Arbeiter-Elite

Innerhalb der Arbeiterschicht waren die Glasbläser indes „die Elite“, so Schneider. Denn um die „hochkomplexe, schwierige Aufgabe“ des Glasblasens zu beherrschen, brauchte es sehr viel Erfahrung und ein gehöriges Maß an „Fingerspitzengefühl im Mund“.

Voriger Artikel
Noch größer, noch besser
Nächster Artikel
„Schöner als die Landesschau“

In seinem kurzweiligen Vortrag im Obernkirchener Museum für Bergbau und Stadtgeschichte gibt der Historiker Prof. Dr. Karl H. Schneider einen Einblick in die Entwicklung der Arbeiterbewegung.

Quelle: wk

Obernkirchen. Das weiß Professor Karl Schneider. Aus Anlass des 110-jährigen Bestehens des SPD-Ortsvereins Obernkirchen hat der an der Leibniz Universität Hannover lehrende Historiker in einem Vortrag an die „spannende Geschichte“ der damaligen Arbeiterbewegung erinnert, aus der heraus der 1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die 1869 aus der Taufe gehobene Sozialdemokratische Arbeiterpartei gegründet worden waren. Zwei Parteien, die sich 1875 zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands vereinigten, die wiederum sich 1890 den Namen „Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)“ gab.

„Obernkirchen ist im Grund eine Arbeiterstadt gewesen“, berichtete Schneider. „Rein optisch“ präge zwar die imposante Stiftskirche das Stadtbild, aber allein schon die flächenmäßige Ausdehnung der damaligen Heye-Glashütte sei fast genauso groß gewesen wie die Stadt selbst. Wobei es um das Jahr 1840 herum insgesamt zwei Glashütten in Obernkirchen gegeben habe, die neben dem Bergbau und den örtlichen Handwerksbetrieben zu den wichtigsten Arbeitgebern gehört hätten. Allerdings sei die Stadt insofern „gespalten“ gewesen, als dass nicht mal die Hälfte der Einwohner Arbeiter gewesen waren, was sich auch noch heute in der Kultur Obernkirchens widerspiegele.

Wohl wissend um den Wert ihrer Arbeit, waren nicht zuletzt die Glasbläser damals mobil, indem sie eben einfach weiterzogen, wenn ihnen irgendwo eine bessere Arbeit angeboten wurde.

Anders dagegen sei die Situation im Bergbau gewesen, für den es um das Jahr 1850 herum vielerorts nur noch eine staatliche Oberaufsicht gegeben habe, die die privatwirtschaftlichen Bergbau-Unternehmen jedoch nicht daran gehindert habe, die Arbeiter „auszubeuten“, führte der Historiker weiter aus. In Obernkirchen, wo der Steinkohlebergbau auch nach der Teilung des Landkreises in staatlicher Hand geblieben war, seien die Arbeiter zwar besser behandelt worden, dennoch seien deren Lebensbedingungen allein schon aufgrund der schlechten Bezahlung „nicht wesentlich besser“ gewesen.

In der Folge habe es 1872 einen überregionalen Streik der Bergleute gegeben, mit dem diese für mehr Lohn kämpften. Die Bergbau-Unternehmen indes seien nicht bereit gewesen, hier irgendwelche Zugeständnisse zu machen, da sie der Auffassung waren, dass hinter dem kollektiven Aufbegehren nur irgendwelche Agitatoren steckten. Zudem habe es damals genug Menschen gegeben, die die Arbeit der Streikenden machen wollten.

Erst das Jahr 1889 brachte laut Schneider dann „die Wende in der gewerkschaftlichen Entwicklung der Bergleute“, indem ein großer Streik im Ruhrgebiet „die Not der Bergleute“ verdeutlicht hatte, woraufhin es auch ein paar Reformen gegeben hatte. Um die Position der „Kumpel“ jedoch weiter zu stärken, waren die drei damaligen Streikführer in der Folgezeit im ganzen Land unterwegs gewesen, um im Rahmen von Infoveranstaltungen mehr Arbeiter gewerkschaftlich zu organisieren. In Obernkirchen etwa hatten an solch einer Versammlung rund 180 Leute teilgenommen. Dies vor dem Hintergrund, dass Arbeiter, die sich gewerkschaftlich stark engagierten, seinerzeit damit rechnen mussten, ihre Arbeit zu verlieren.

Im Jahr 1900 wurde dann ein großer Glasmacher-Streik in Obernkirchen ausgerufen, der dadurch eskaliert war, dass die Arbeiter externe Funktionäre als Unterstützer hinzu holen wollten, worauf sich das hiesige Unternehmen aber nicht einlassen wollte, erzählte Schneider. Fast ein Jahr lang habe dieser Streik, der im Frühjahr 1901 sogar zu einem reichsweiten Streik ausartete, gedauert. Wobei „Streik“ damals bedeutet habe, dass die Arbeiter ihren Vertrag von sich aus mit 14-tägiger Frist offiziell kündigten. Als Reaktion darauf hätten die bestreikten Unternehmen „schwarze Listen“ mit den Namen der Streikenden an andere Unternehmen verschickt, um die Streikenden so zu diskreditieren und ihnen die Aufnahme einer anderen Arbeit zu erschweren.

Unter dem Eindruck dieses langen Glasmacher-Streiks investierten die Eigentümer großer Glashütten in die Anschaffung von kurz zuvor in den USA patentierten Automaten zur Glasbehälterherstellung, durch die die starke Abhängigkeit von den hoch spezialisierten Glasbläsern aufgehoben wurde: Der Streik leitete einen „massiven technologischen Wandel“ ein, dem auch kleine Glashütten zum Opfer fielen, die diese teuren Investitionen nicht leisten konnten, so der Historiker. „Und damit wurde ein Prozess eingeleitet, der bis heute gilt!“ bus

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg