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Hitzköpfe mit italienischen Wurzeln

Obernkirchen / Integration Hitzköpfe mit italienischen Wurzeln

Die fünfziger und sechziger Jahre sind die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders gewesen. Nicht zuletzt aufgrund des erforderlichen Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg brummte die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen aller Art.

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Fühlen sich als Italiener wohl in der Bergstadt, und ihr sportliches Herz hängt an Juventus Obernkirchen: Spartenleiter Michele Massaro (rechts) und Spielertrainer Giuseppe Porcello.

Quelle: wk

Obernkirchen. Um den großen Bedarf an Arbeitskräften – etwa vonseiten der Industrie – zu decken (es herrschte Vollbeschäftigung), wurden damals im großen Stil „Gastarbeiter“ ins Land geholt – darunter zahlreiche Italiener, von denen einige eine Beschäftigung bei der Obernkirchener Glasfabrik fanden. Untergebracht wurden diese italienischen Gastarbeiter seinerzeit in nahe dem Betriebsgelände gelegenen Wohnheimen an der Piepenbreite.

 Ein allgemeiner konjunktureller Abschwung in den Jahren 1966 und 1967 war dann sozusagen der Geburtshelfer für die Gründung der Herren-Fußballmannschaft Juventus Obernkirchen. Denn „nachdem die Krise im zweiten Halbjahr 1966 bei Obernkirchens größtem Arbeitgeber Heye-Glas die Anzahl der dort beschäftigten Italienern halbiert hatte, schob sich die Frage der Freizeitgestaltung immer mehr in den Vordergrund“. So jedenfalls ist es auf der Homepage der Kicker zu lesen, die formal zunächst als „zweite Herrenmannschaft“ des SV Krainhagen gestartet waren, sich kurze Zeit später aber im Sportverein Obernkirchen organisierten (bis 1989), dann als eigenständiger Verein liefen und seit 2000 als Sparte dem MTV Obernkirchen angeschlossen sind.

 Michele Massaro kann sich selbst zwar nicht aus eigener Anschauung an die Anfänge erinnern, da er damals noch nicht einmal geboren war. Von seinem Vater und anderen Gründungsmitgliedern aber hat der seit 1989 als Spartenleiter von Juventus Obernkirchen aktive 43-jährige Außendienst-Mitarbeiter einiges zur Historie erfahren. So hatten sich die italienischen Gastarbeiter damals mit finanzieller Unterstützung von Heye-Glas, der Stadt Obernkirchen und dem in Hannover ansässigen italienischen Konsulat einen ehemaligen Schuttabladeplatz der Glasfabrik als Fußballplatz hergerichtet. Sowohl von den Abmessungen her als auch wegen dessen topografischer „Schieflage“ und den immer wieder zutage tretenden Glasscherben sei dieser Fußballplatz zwar „völlig an jeder Norm vorbei“ gewesen, habe aber immerhin bis 1975 als Trainingsplatz gedient, erzählt Massaro. Erst danach habe sich die Gelegenheit ergeben, im Sportstadion an der Obernkirchener Kreissporthalle zu trainieren, wo zudem Heimspiele ausgetragen wurden.

 Die in Anlehnung an das große Juventus-Vorbild aus Turin benannte und bis in die siebziger Jahre hinein ausschließlich mit Italienern besetzte Mannschaft zeichnete sich jedoch nicht nur durch ihre große Fußball-Leidenschaft aus, sondern auch durch ihr besonderes Temperament: „Emotionen gehören ja beim Fußball dazu, und der Südländer ist halt etwas heißblütiger“, bringt es der Spartenleiter auf den Punkt. Bis in die achtziger Jahre hinein sei Juventus Obernkirchen daher „eine Mannschaft mit Hitzköpfen, die auch durch ihre Disziplinlosigkeit auffiel“, gewesen. Aber: „Wir haben stark an uns gearbeitet, um eine hohe Akzeptanz in der Schaumburger Fußballszene zu erreichen.“ Und von einigen Spielern, die immer wieder negativ aufgefallen waren, habe man sich bewusst getrennt, um dieses Ziel zu erreichen.

 Unverändert ist indes, dass der Fußballsport für die in der Bergstadt lebenden italienischen Migranten eine identitätsstiftende Komponente hat: Früher wie heute stehe Juventus Obernkirchen für „Verbundenheit und Tradition“, sagt Massaro, der – verheiratet mit einer Deutschen und Vater eines gemeinsamen Kindes – gerne in Obernkirchen lebt, sich aber immer noch als Italiener fühlt. Die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen, ist für ihn daher kein Thema, und eine andere Fußballsparte als die von Juventus Obernkirchen zu leiten, kann er sich ebenfalls nicht vorstellen.

 Der „Stolz, in einem italienischen Verein zu spielen“, war übrigens bei Giuseppe Porcello (26, Spielertrainer) der maßgebliche Beweggrund dafür, dass er 2008 vom ungleich erfolgreicheren VfL Bückeburg zu Juventus in die Bergstadt wechselte. Zwar bedeutete dieser Transfer für ihn in sportlicher Hinsicht einen Abstieg von der Niedersachsenliga in die 1. Kreisklasse, letztlich war es aber eben eine echte „Herzensangelegenheit“.

 Ein generelles Problem vieler Migranten indes bleibt: „Wenn wir nach Italien fahren, sind wir dort die Deutschen. Und hier in Obernkirchen sind wir die Italiener“, formuliert es Giuseppe Porcello mit Blick auf seine familiäre Herkunft. Ein Drama ist dies jedoch offenbar weder für den noch jungen Maschinenbautechniker noch für Michele Massaro: „Irgendwann sind wir ja eh alle Europäer“, prognostiziert der 43-Jährige. wk

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