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„Ich bin ein Lokalpatriot“

Peter Bügge übergibt Praxis „Ich bin ein Lokalpatriot“

 Peter Bügge ist eine Institution. Jeder kennt ihn hier, fast jeder war einmal in seiner Sprechstunde. Er sei gerne „Arzt auf dem Land“ gewesen, sagt Bügge, der sich selbst als „Lokalpatrioten“ bezeichnet.

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Wenn Dr. Peter Bügge durch Obernkirchen geht, muss er viele Menschen grüßen. Hier ein Nicken, da ein Lächeln – „den Dottore“, wie ihn der Besitzer des Eiscafés am Marktplatz freundlich nennt, kennen hier viele. Was für manche ein Problem wäre, macht Bügge offensichtlich wenig aus.

 „Ich mag die Nähe zu meinen Patienten, sonst wäre ich sicher woanders hingegangen“, sagt der Arzt für Allgemeinmedizin, der seit 38 Jahren in Obernkirchen praktiziert.

 Angst, dass er hier nicht abschalten kann? Die habe er nie gehabt – im Gegenteil: „Ich wollte immer in Obernkirchen bleiben – da bin ich Lokalpatriot“, meint Bügge mit einem Schmunzeln. In die Großstadt oder an ein Klinikum habe es ihn nie gezogen: Er habe immer sein eigener Herr sein wollen, unterstreicht Bügge.

 Sein eigener Herr werden: Das gelang dem heute 73-Jährigen am 1. Januar 1979, als er seine Praxis in Obernkirchen öffnete. Zunächst seien lediglich zwei bis drei Patienten am Tag gekommen, erinnert sich der Pensionär an diese Zeit. Das habe ihm zunächst schon „große Sorgen“ gemacht.

 Wegen der „Ärzte-Schwemme“ habe es einen „gnadenlosen Konkurrenzkampf“ gegeben und viele Praxen hätten damals schließen müssen. Für Bügge ein Horror-Szenario: „Ich hatte damals schließlich eine Familie zu versorgen“, macht er deutlich. Eine eigene Praxis bedeutet eben nicht nur „sein eigener Herr sein“. Es bedeutet auch: unternehmerische Selbstständigkeit.

 Hinzu kamen große Fußstapfen, in die der junge Mediziner treten musste. Sein Vater Gustav hatte über 30 Jahre lang in Obernkirchen gewirkt – er starb sechs Tage, bevor Bügge seine Praxis öffnete.

 Der „Junior“ musste sich bewähren – und er bewährte sich schnell. Fast alle Patienten seines Vaters kamen nach dessen Tod zu seinem Sohn, das Wartezimmer wurde voll und voller. Zuletzt hatte Bügge viele hundert Patienten, die alle sehr traurig waren, als er seinen Rückzug ankündigte.

 „Es gab viele Ältere, die gefragt haben, wo sollen wir denn jetzt hingehen?“, berichtet eine Sprechstundenhilfe. Und weiter: „Der Abschied von Dr. Bügge war schön, aber tränenreich.“

 Dabei hatte es zunächst gar nicht danach ausgesehen, dass Peter Bügge die Laufbahn eines Arztes einschlagen würde. In der Schule war er sitzengeblieben, das Studium ging zunächst in eine ganz andere Richtung. Publizistik, Soziologie und Geschichte in Mainz – zwar „sehr interessant“, aber nichts für ihn, vielleicht auch wegen der 68er, die in den Geisteswissenschaften den Ton angaben. Also etwas ganz anderes.

 Die Bundeswehr, genauer eine Fernspäheinheit in Braunschweig, kam da gerade recht. Die „Fernspäher“ waren eine Eliteeinheit, die im Falle eines Krieges hinter den feindlichen Linien operieren sollte. Bügge lernte die „Psychologie der Kampfführung“ und vieles mehr. Was er von dort mitgenommen hat? „So Einiges“, meint er heute. Etwa, „dass man sich in allem Mühe geben muss. Und: „Dass es auf einen selbst ankommt, wenn man was erreichen will.“

 Nach Bundeswehr und Studium kam es, wie es vielleicht kommen sollte: Der junge Peter Bügge schrieb sich für das Medizinstudium ein. Wie er auf diese Idee gekommen ist? Vor allem wohl, weil er „familiär vorbelastet“ sei, wie er sagt. Vater Arzt, Bruder Arzt, Mutter Ärztin – „da kommt man irgendwann auf die Idee, selbst Arzt zu werden“, meint Bügge und lächelt.

 Das Studium selbst bewältigte Bügge dann mit Bravour. Das Staatsexamen bestand er mit einer Eins, seine Doktorarbeit schrieb er zum Thema „Sklerodermie“. Darauf folgte die praktische Arbeit als „Medizinal-Assistent“, eine Arbeit, die ihm viel Freude gemacht habe, wie er heute sagt.

 „Das war sehr praktisch, ich habe da viel gelernt“, berichtet der Neu-Pensionär. Freude habe ihm die Arbeit aber auch deshalb gemacht, weil Ärzte damals sehr „knapp“ gewesen seien.

 Die Arbeit in einer Klinik sei für ihn nie in Frage gekommen, sagt Bügge. Sein eigener Chef sein, Verantwortung übernehmen – das ist etwas, was Bügge ausmacht. Das würde sich Bügge auch für die neue Ärzte-Generation wünschen, denn: „Viele scheuen die Verantwortung einer eigenen Praxis – sie wollen lieber in einer Klinik unter einer Leitung arbeiten.“ Das sei einerseits absolut verständlich (Stichwort: Überlastung), andererseits würden so auf dem Land immer mehr Ärzte fehlen (Stichwort: Unterversorgung).

 Diese – längst absehbare – Unterversorgung ist es auch, die Bügge aktuell besonders umtreibt. Es sei viel zu wenig getan worden, um die drohende Knappheit abzuwenden, ist er überzeugt. „Jetzt ist es eigentlich schon zu spät.“

 Bügge beruft sich auf eine Schätzung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, nach der bis zu 50000 niedergelassene Ärzte bis 2020 in den Ruhestand gehen: „Das ist eine Zahl, die sich nicht so schnell ersetzen lässt und das wird sicher auch Folgen für Obernkirchen haben.“

 Wie drastisch diese Folgen sein können, zeigt ein Blick auf die Altersstruktur der Ärzte in Obernkirchen und seinen Ortsteilen. Es gebe etliche, die in den 60ern oder älter seien, rechnet der frühere Arzt vor. In einigen Jahren würden zahlreiche Ärzte altersbedingt aufhören –„und wo nehmen wir dann einen Ersatz her?“ Dass er selbst zwei Nachfolger für seine Praxis gefunden habe, sei „pures Glück“ gewesen.

 Für Bügge steht deshalb fest: Damit in Zukunft wieder mehr Ärzte zur Verfügung stehen, muss dringend an einigen Stellschrauben gedreht werden. So könnte man beispielsweise den Numerus Clausus im Medizinstudium absenken („Wir brauchen Ärzte mit Lebenserfahrung und keine intellektuellen Eierköpfe“) und man könnte die Arbeitsbedingungen verbessern („schon jetzt können die Bedürfnisse der Patienten nicht mehr erfüllt werden“). Die Budgetierung mit der Begrenzung von Mitteln pro Patient gehöre abgeschafft.

 Helfe das nicht, sieht Bügge nur zwei Alternativen: „Die jungen Ärzte zwangsweise für zwei Jahre aufs Land zu schicken und hoffen, dass was hängenbleibt. Oder Polikliniken zu gründen, in denen aber kein enges Arzt-Patientenverhältnis entstehen kann.“

 Wie wichtig ein enges Verhältnis zwischen Arzt und Patienten sein kann, zeigt sich besonders an einer Patientengruppe: den Drogensüchtigen. Sie wurden von Bügge mit Methadon therapiert – einem Ersatzstoff, der es ihnen ermöglicht, ein weitgehend „normales“ Leben zu führen.

 „Ich wollte nützlich sein und man hat hier das Gefühl, dass man etwas wirklich Nützliches tut“, sagt er heute. Etliche seiner Patienten seien ganz von der Sucht losgekommen, „und dazu hat eben auch die Substitution beigetragen“. Für Bügge ist die Substitution deshalb „ganz klar eine Erfolgsgeschichte“.

 Problematisch sei allerdings, dass heute immer weniger Ärzte bereit seien, die Substitution in ihrer Praxis anzubieten. „Viele fürchten um ihren Ruf, außerdem steht man immer mit einem Bein im Gefängnis, weil man dem Generalverdacht ausgesetzt wird, dass man nicht nach den vorgeschriebenen Richtlinien substituiert.“ Viele Patienten müssen inzwischen lange Anfahrten auf sich nehmen, um teilweise täglich, nach Obernkirchen zu gelangen.

 „Ich hatte Patienten, die aus Petershagen gekommen sind“, weiß Bügge zu berichten. Wie mit der Substitution staatlicherseits verfahren wird, zeigt auch folgende Aussage: „Obwohl wir hier eine wichtige Aufgabe erfüllen, ist nicht einmal der Drogenbeauftragte vorbeigekommen, um ein Lob auszusprechen oder um sich zu informieren.“

 Bügge hat seine Praxis zum Jahresende an Henrike Wittum und Thomas Eriksen übergeben. Das sei ihm sehr schwergefallen, gibt er zu. „Meine Patienten zurückzulassen und dann ist auf einmal nichts mehr zu tun.“ In Zukunft will der Pensionär noch öfter als bisher seinem Haus in Schweden einen Besuch abstatten. mig

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