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„In Irland gibt es keine Erziehungsarschlöcher“

Obernkirchen / „Treff im Stift“ „In Irland gibt es keine Erziehungsarschlöcher“

Im Reisejournalismus läuft es meistens so: Für zwei Wochen fährt der Reporter in eine unbekannte Region, anschließend nimmt er eine Handvoll Beobachtungen und ein paar knackige Zitate sowie die eine oder andere Anekdote, vermischt und verrührt alles und fügt abschließend noch die eigene, gerne vergrübelte Sicht auf Menschen und Systeme hinzu.

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René Böll

Quelle: pr.

Obernkirchen (rnk). Heinrich Böll hat so nicht gearbeitet. Als das „Irische Tagebuch“ erschien, hatte er das Land bereits viermal besucht, jeweils für ein Vierteljahr, ehe der spätere Literaturnobelpreisträger seine Eindrücke in eine literarische Form goss.

 Wobei das „Irische Tagebuch“ nicht etwa ein Tag für Tag festhaltendes Werk ist, sondern ein halbdokumentarischer Reisebericht, der auf den „Irland-Impressionen“ beruht, die Böll zuvor in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht hatte.

 Natürlich nimmt Irland im Vortrag von Böll-Sohn René beim „Treff im Stift“ in Obernkirchen den zentralen Platz ein, doch der Nachlassverwalter seines Vaters fächert ein breites Panorama-Bild eines Gastlandes, seiner Familie und der dort und andernorts entstandenen Literatur des deutschen Jahrhundertschriftstellers.

 Böll reist mit seiner Familie erstmals 1954 nach Irland. Es ist ein finanzielles Wagnis, der damals 36-jährige dreifache Familienvater flieht vor dem chaotischen Durcheinander des Hausbaus, für die Reise nach Achill Island, der größten Insel Irlands, muss er einen Kredit aufnehmen, erzählt der Sohn. Vater Böll selbst war die irische Insel kaum bekannt. Er schreibt sie in die Weltliteratur, ihm selbst und seiner Familie wird sie zur zweiten Heimat.

 René Böll stellt deutlich die Rolle seiner Mutter Annemarie heraus, die als Lehrerin und Übersetzerin für die Einnahmen sorgt, denn Heinrich Böll ist zwar ein anerkannter und auch durchaus schon bekannter Schriftsteller, denn „Wo warst du, Adam?“, „Und sagte kein einziges Wort“ und „Haus ohne Hüter“ hatten auf ihn aufmerksam gemacht, doch das Geld fehlt (noch) oft. Ehefrau Annemarie Böll übersetzt Jerome David Salinger, Brendan Behan, Flann O’Brien, George Bernard Shaw, Saul Bellow, O. Henry und Patrick White; das bringt wenig Geld ein, aber es ist erst einmal eine sichere Einnahmequelle.

 Als Böll mit seiner Familie in Irland eintrifft, ist das Land zwar von Schäden durch den Zweiten Weltkrieg völlig verschont geblieben (und Deutsche werden hier nicht als Nazis beschimpft), aber es ist das Armenhaus Europas in isolierter Randlage. René Böll erzählt, dass Menschen in kleinen Häusern leben, die sie sich mit dem Vieh teilen – Zustände, die in anderen europäischen Ländern längst überwunden sind.

 Für ihn und seine beiden Brüder ist Irland das Paradies: Sie werden von der Mutter unterrichtet, und scheint draußen die Sonne, fällt der Unterricht einfach aus. Abends wird gemeinsam erzählt, oder Heinrich Böll liest vor, gerne aus der Bibel, niemals aus den eigenen Werken. Für die Kinder ist die Insel ein großer Abenteuerschauplatz, zudem findet Vater Heinrich hier, was er in Köln vergeblich suchte: Ruhe. Es gibt kein Telefon, selten Post, noch seltener Besuch. Während das „Irische Tagebuch“ weitgehend in Köln entstand, ist Irland der Ort, an dem Böll eines seiner Hauptwerke schreiben wird, wie René Böll erzählt: die „Ansichten eines Clowns“, in denen Böll messerscharf und kalten Blickes den unreflektierten Wertewechsel der Deutschen im Übergang vom Dritten Reich zur Bundesrepublik darstellt: Böll beschreibt darin eine Gesellschaft, die sich durch die fehlende Verarbeitung des Nationalsozialismus auszeichnet, und eine katholische Kirche, die als Institution ihren Anhängern genau diese unreflektierte Anpassung bis hin zu Gehorsam abverlangt.

 Den Unterschied zwischen Irland und Deutschland erklärt Böll-Sohn René so: In Irland fährt er in den Straßengraben, weil er durch das malerische Licht am Himmel abgelenkt war. Ein Priester kommt vorbei, segnet ihn und holt einen Bauern ran, der den Wagen rauszieht. In Köln wirft er mit dem Enkel eine Flaschenpost in den Rhein – und wird als Umweltverschmutzer beschimpft. „Erziehungsarschlöcher“ nennt Böll diese Menschen, die immer und überall andere belehren wollen. Tolles Wort.

 Und das „Irische Tagebuch“? Erzählt von Rückständigkeit, Religiosität und Aderlass durch Auswanderung – und zeichnet ein weitgehend positives Bild von Irland und seinen Bewohnern. Böll schreibt über irische Frömmigkeit, irische Trinkfestigkeit, irischen Zeitüberfluss und irischen Regen – Böll reflektiert seine Sympathie für die Insel und schreibt doch zwischen den Zeilen über die Antipathie zu Nachkriegsdeutschland. Das „Irische Tagebuch“ verkauft sich heute noch blendend. Das schafft kein Reisejournalist, der mal eben zwei Wochen ein anderes Land besucht, das schafft nur ein Literat.

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