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Insel der Beständigkeit

Stift Obernkirchen Insel der Beständigkeit

In zwei Wochen feiert das Stift Obernkirchen ein großes Fest. Äbtissin Susanne Wöbbeking, Stiftsdamen und Mitarbeiter stecken mitten in den Vorbereitungen für den 850. Geburtstag des Stiftes. Der Festort muss noch herausgeputzt und das Essen mit dem Caterer besprochen werden.

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Anziehungspunkt im Mittelalter: Pilger auf dem Weg zur Obernkirchener Marienstatue, das Stift grüßt schon von Weitem.

Quelle: rnk

Obernkirchen. von Arno Boeker

Im Team will man außerdem allerletzte Details für den einleitenden Gottesdienst besprechen. Erwartet werden etwa 120 Gäste.

Das Stift Obernkirchen gehört zu Schaumburgs prägenden Baudenkmalen. In Obernkirchen selbst überragt der mehr als 30 Meter hohe Doppel-Turm der Kirche St. Marien alles. Im eigentlichen Stift leben und arbeiten fünf Stiftsdamen, mit Äbtissin Wöbbeking an der Spitze. „Wir wollen Tradition, Schönheit und Stille, aber auch Kraft und Lebendigkeit dieses Ortes stärken“, umschreibt sie die Aufgabe. Am 10. Februar werden die Glocken der Stiftskirche vielleicht noch ein bisschen selbstbewusster dröhnen, wenn das Stift seinen 850. Geburtstag feiert.

1167 Chorfrauenstift von Bischof Werner von Minden gegründet

Mitte des 12. Jahrhunderts hatten sich rund um „Overenkerken“ fromme Frauen aus ihren Familien gelöst und zu einer Art Wohngemeinschaft zusammengefunden. Sie lebten von Almosen. Dieses Lebensmodell war für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich. Weil Bischof Werner von Minden die Unordnung jedoch nicht gefiel, gründete er 1167 ein Chorfrauen-Damenstift, das nach den Regeln der Augustiner ausgelegt war. „Chorfrauen“ konnten – im Unterschied zu Nonnen – die Institution wieder verlassen, um zu heiraten; Hab und Gut wurde in diesem Fall nicht eingezogen. Die „Chorfrauen“ rekrutierten sich aus adligen, jungen Frauen, denen ein Klosterleben doch zu karg erschien.

Heutiges Kirchenschiff im 14. Jahrhundert entstanden

Zu dieser Zeit zog man auch die Kirche in die Höhe, wobei Fachleute vermuten, dass es hier vorher schon einen sakralen Bau gegeben hat. Zu diesem romanischen Grundgerüst von St. Marien zählt der Doppel-Turm, wie er auch heute noch im Wind steht. Im 14. Jahrhundert, zur Zeit der Gotik, entstand das heutige Kirchenschiff. Dieser Bauteil konnte finanziert werden, weil fromme Frauen und Männer zu einer Obernkirchener Marienstatue pilgerten, der zugeschrieben wurde, Wunder bewirken zu können.

In den folgenden Jahrhunderten war das Stift eigentlich ununterbrochen bewohnt und belebt – bis auf die vier Jahre nach 1810, als König Jerome von Westfalen, Napoleons Bruder, die Gemeinschaft kurzerhand aus dem Haus trieb. Nach 1945 kam das Stift Obernkirchen zum neu gegründeten Bundesland Niedersachsen, wo es seitdem von der Klosterkammer Hannover betreut wird, die insgesamt 15 Stifte und Klöster stark ist.

Heute zählen fünf Frauen zum Kapitel. Wöbbeking ist darauf bedacht, die Gemeinschaft in Balance zu halten. „Es geht nicht darum, so viele Stiftsdamen wie möglich ins Haus zu holen“ sagt sie, „aber wer hier lebt, muss zueinander passen“.

Eine bauliche Kostbarkeit

Es ist nicht übertrieben, das Stift – neben seiner religiösen Grundierung – als Wirtschaftsbetrieb zu bezeichnen. Das prägt den Alltag der Stiftsdamen und ihrer Mitarbeiter. Um die Größe der Aufgabe zu erkennen, muss man nur durch das Haupttor gehen, um dann nach links über den Wirtschaftshof zu schauen. Am Schafstall, einem seit Jahrzehnten brachliegenden, großen Sandsteingebäude, wird gebuddelt und gebaut. „Wir wollen das Gebäude aus dem 14. Jahrhundert sanieren, damit wieder erkennbar ist, welche bauliche Kostbarkeit es ist“, sagt Äbtissin Wöbbeking. Ohne Unterstützung der Klosterkammer wären derartige Projekte nicht zu stemmen.

Die Beziehungen zwischen Stift und Stadt Obernkirchen sind gut, über Marktplatz und Kirchplatz findet man leicht zueinander. 1565 waren die Overenkerkener aus der klösterlichen Leibeigenschaft entlassen worden, in der sie bis dahin gelebt hatten; 1615 verlieh Fürst-Ernst von Schaumburg-Holstein die Stadtrechte.

Ausstellung über Landfrauenschule

In der Neuzeit prägte die an das Stift angedockte Landfrauenschule das Bild der Stadt, genau gesagt von 1901 bis 1971. Hier wurden junge Frauen in Hauswirtschaft ausgebildet. Ältere Obernkirchener erinnern sich an den Hühnerhof, der heute La-Fleche-Park heißt. Im Stift ist inzwischen eine Ausstellung über diese 70 Jahre Landfrauenschule zu sehen.

Aber muss man sich in diesen Zeiten, in denen rasant wie nie Gewohntes und Bekanntes einstürzt, denn gar keine Sorgen machen um eine Institution wie das Stift Obernkirchen, die achteinhalb Jahrhunderte auf dem Buckel hat? „Darauf deutet nun wirklich nichts hin“, sagt Äbtissin Susanne Wöbbeking. „Im Gegenteil: In der allgemein herrschenden Hektik kann das Stift eine Insel der Beständigkeit sein.“

Noch in diesem Jahr wird das Kapitel eine weitere Stiftsdame aufnehmen. All zu viel will Äbtissin Wöbbeking aber gerade gar nicht über die Zukunft nachdenken: „Jetzt feiern wir erstmal tüchtig Jubiläum.“

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