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Jeden Schüler stärken, jedes Jahr aufs Neue

Emotionaler Abschied Jeden Schüler stärken, jedes Jahr aufs Neue

Wäre es nach dem Willen der Mutter gegangen, dann wäre nach dem Realschulabschluss für ihre Tochter Hanne die Schullaufbahn beendet gewesen. „Mehr braucht man nicht“, argumentierte die Mama, denn Töchter heiraten doch sowieso, da reicht die Realschule doch locker aus.

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Insgesamt 44 Jahre im Dienst, die meiste Zeit in Obernkirchen und an diesem Platz: Hanne Piel geht jetzt in den Ruhe-stand.

Quelle: rnk

Obernkirchen. So hat man noch vielfach gedacht, Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Doch dann hat die Lehrerin bei den Eltern vorgesprochen: „Versündigen Sie sich nicht an der Zukunft Ihrer Tochter.“ Das half: Das Abitur, ein pädagogisches Studium in Hannover und eine bittere Erkenntnis folgten: Auf eine neue Lehrerin hatte die Berufswelt damals nicht händeringend gewartet, im Gegenteil: Deutschland diskutierte über die Lehrerschwemme, und sie schrieb Bewerbungen. „Etwa 50 sind es gewesen“, erinnert sich Piel, ehe es aus Obernkirchen 1975 eine Zusage gab.

Aber nicht etwa für ein Referendariat, sondern als Angestellte, 19 Stunden die Woche. Eine Einleitung in der neuen Schule und im neuen Job gab es nicht, „ich wurde einfach ins kalte Wasser geworfen“, sagt Piel. „Aber das ging damals Etlichen so.“ Immerhin: In Stadthagen wurde ein Vor-Seminar eingerichtet, bei dem man sich als schulischer Berufsneuling Rat und Tat und wohl auch viel Zuspruch holen konnten. So gelangte Piel doch noch recht schnell ins Referendariat.

Deutsch, Englisch und Biologie hat die Hauptschullehrerin studiert, und dazu oftmals noch Musik und Religion unterrichtet. Jetzt wurde sie mit 63 Jahren in den Ruhestand entlassen, und zu sagen, es war ein emotionaler Abschied, wäre eine schlichte Untertreibung.

"Deine Ideen haben uns reich gemacht"

Nach den Reden und Wünschen und Geschenken stand das Kollegium geschlossen auf und sang der scheidenden Lehrerin ein Lied: „Bleib doch, wir sagen Dir, bleib doch“, hieß es im Refrain, und mit „Deine Ideen haben uns reich gemacht“ begann eine Strophe. Und Hanne Piel? Saß auf der Bühne, freute sich über die große Wertschätzung und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Piel begann auf einer Haupt- und Realschule mit Orientierungsstufe. 2004 wurde die Orientierungsstufe in Niedersachsen abgeschafft, sodass die Schullaufbahnempfehlung nach der vierten Klasse entschieden wurde. Es entstand die Haupt- und Realschule Obernkirchen. 2009 startete die IGS, die Haupt- und Realschule lief aus. Und Piel? „Ist ihrer Schule 41 Jahre lang treu geblieben, ist ihr loyal gegenüber gestanden“, formuliert es Schuldirektorin Dörte Korn bei der Verabschiedung: Piels „Herzensangelegenheit“ sei die Stärkung eines jeden einzelnen Kindes ihrer Klassen gewesen. „Dafür hast du mehr als nur das Nötigste getan und dich sehr engagiert.“ Und das nicht nur ein Jahr, rechnet Kohn vor: Im April 1973 habe Piel ihre erste, im Januar 1975 ihre zweite Lehrerprüfung abgeschlossen: „Das bedeutet, du bist im 44. Dienstjahr – wow!“

Wenn Piel heute auf mehr als vier Jahrzehnte im Schulleben zurückblickt, sieht sie Klassen, deren Größe sich nicht verändert hat, und Schüler, die sich geändert haben: „Früher hatte man in jeder Klasse zwei, drei, oder vier Schüler, mit denen man es nicht einfach hatte.“ Die Schüler seien ruhiger gewesen, „aber sie waren auch konzentrierter und intelligenter“, so Piel. „Das Niveau hat sich in all den Jahren nicht gesteigert.“

Engagement gegen Gewalt

Was an der Schule bleiben wird von Hanne Piel, das sind außer der Erinnerung an ihr Engagement in vielen Bereichen vor allem ihre Bemühungen um Gewaltprävention. Piel sei nicht müde geworden, sich in diesem fortzubilden, sei es auf Fachtagungen, in Workshops oder bei anderen Veranstaltungen, unterstrich Direktorin Korn: „Die Streitschlichter waren deins.“

Ein weiterer Schwerpunkt war das soziale Lernen. Sie habe sich immer stark gemacht für eine neue Klasse, so Piel: „Der Klassenraum wird gemeinsam verschönert, es wird aufgeräumt, es bleibt sauber, denn viele Schüler kamen aus Familien mit instabilen Strukturen. Und Ordnung gibt einem jungen Leben durchaus Struktur.“ Die Liebe vom Lehrer gibt es gratis dazu. Und ihre Schützlinge haben durchaus gewusst, was sie an ihrer Lehrerin haben. Eine Schülerin der letzten Hauptschulklasse hat es ihr mal so gesagt: „Meine Klasse war wie eine Familie, jeder war für den anderen da.“

Egal, wie viele Whiteboards in den Klassenzimmern hängen oder wie viele Schüler auf ihren PC oder ihr Tablet schauen, „so muss man auch künftig auf jeden Schüler einzeln achten, man muss sich fragen, was braucht er, im Sozialen und im Emotionalen“, betont Piel.

Bleibt die Frage nach dem Ruhestand, der gefüllt werden will. Also: Womit? „Singen“, sagt Piel. Sie ist Mitglied der Kantorei Bückeburg, „und ich bin glücklich dort“. Und sonst? „Ich kann einfach gucken, was ich jetzt machen möchte.“ rnk

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