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Obernkirchen Stadt Keine Ferienkinder aus Weißrussland mehr
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Keine Ferienkinder aus Weißrussland mehr
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22:27 09.12.2010
Zwei Jahrzehnte wurden Kinder aus Weißrussland in Obernkirchen vier Wochen lang aufgenommen. Jetzt endet diese Tradition. Quelle: pr.

Der Chefarzt des Rintelner Krankenhauses war Mitglied im evangelischen Kirchenvorstand der Bergstadt .Jetzt endet diese Hilfe: Alle Helfer und Gasteltern seien inzwischen in die Jahre gekommen, deshalb müsse man jetzt einen Schlusspunkt setzen, erklärte Gudrun Bügge, die für ihren Einsatz aus den Händen der Sozialministerin die Verdienstmedaille des Landes Niedersachsen erhielt.
Gudrun Bügge erinnert sich gut: Ihre Familie zählte zu jenen Gastgebern, die sich an dem Geburtstagsgeschenk von Helmut Kohl an Gorbatschow beteiligten. Das bestand nämlich aus der Zusage des Bundeskanzlers, in den großen Ferien 5000 russische Kinder aufzunehmen. Zur Familie Bügge kam ein Mädchen aus Turkmenistan und ein weiteres aus der Nähe von St. Petersburg.
Martin. Bügge war 1991 bereits in Weißrussland. Später begleitete er zusammen mit seiner Frau Konvois von niedersächsischen Ärzten und Zahnärzten. Sie besuchten Krankenhäuser und brachten ihnen fehlende, aber notwendige Medikamente mit. Gudrun Bügge: „Es war zuweilen erschreckend, was man zu sehen bekam, vor allem in den Zahnstationen, die den Krankenhäusern angegliedert waren.“ Ab 1992 kamen dann durch den Einsatz der niedersächsischen Landeskirche und der ihr angeschlossenen Kirchengemeinden alljährlich weißrussische Ferienkinder auch nach Obernkirchen. In den ersten Jahren konnte sie jeweils 20 Jungen und Mädchen unterbringen. 2010 waren es immerhin noch elf, weil eine Familie sogar drei Kinder im Alter zwischen zehn und zwölf Jahren aufnahm.
Das Ende, es ist bedauerlich, erklärt Lars-Torsten Nolte, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft „Hilfe für Tschernobyl-Kinder“ in der hannoverschen Landeskirche. Unerwartet kommt es nicht, denn „diese Grundproblematik gibt es überall, wo geholfen wird“. Nolte spricht von „verschiedenen Problemlagen“. Zwar sei am 26. April der 25. Jahrestag der Atomkatastrophe, aber damit sei sie eben auch schon 25 Jahre her: Das Angebot, Kinder aufzunehmen, ist deutlich geringer geworden, wie die Zahlen belegen. Waren es Ende der neunziger Jahre noch gut 1300 bis 1500 Kinder und Betreuer, die nach Niedersachsen kamen, so ist die Zahl mittlerweile auf rund 750 pro Jahr gesunken. Von einer „stetig und klar absinkenden Reihe“ spricht Nolte, zumal sich Weißrussland aus der Finanzierung der Flugkosten zurückgezogen habe. Es ist aber immer noch die bundesweit größte Ferien- und Erholungsaktion dieser Art: Kinder, Mütter und Dolmetscherinnen können sich jeweils für vier Wochen erholen und in einer unbelasteten Umwelt bei guter Ernährung ihr Immunsystem stärken. „Seit Bestehen sind mehr als 22 500 Kinder und Begleiter gekommen“, erzählt Nolte.
Dabei ist die Hilfe nach wie vor nötig, vielleicht nötiger als je zuvor. Nolte spricht von mehr als 1,3 Millionen Menschen in den von der Katastrophe betroffenen Gebieten, unter ihnen fast 500 000 Kinder. Viele Menschen sind an den Folgen der Radioaktivität bereits gestorben, berichtet er: „Besonders betroffen sind Säuglinge und Kinder. Es gibt vermehrt Missbildungen und Totgeburten. Und die Zahl der Erkrankungen steigt weiter an.“
„Es ist ein bundesweiter Trend“, sagt Nolte, aber in allen Hilfs-Bereichen, in denen auf die kirchliche Struktur zurückgegriffen werden könne, „da stehen wir noch gut da.“
Oftmals bleibe der helfende Nachwuchs aus, weil die Vorbilder zu groß sind, erklärt Nolte. Wer nachrücken könnte, überlege sich dann, was sein Vorgänger alles geschultert habe – und sagt dann ab. Dabei könnte die Hilfe auf viele Schultern verteilt werden, meint Nolte, dann ginge es besser.
Und natürlich hätten sich auch die Kinder, die heute kommen würden, im Vergleich zu denen, die vor 20 Jahren Niedersachsen besuchten, deutlich verändert: „Sie sind anspruchsvoller geworden.“ Auch Russland habe sich in zwei Jahrzehnten deutlich gewandelt, zudem hätten die Kinder, die vom Besuch zurückkamen, mit ihren Erzählungen manches Anspruchsverhalten vergrößert. Nolte: „Man muss abwägen, was man macht und welche Folgen das hat.“
Aufgeben will die Landeskirche nicht. Deshalb soll die Hilfe durch Initiativen in Ländern wie Deutschland, Italien, Kanada und den USA weiterlaufen – auch wenn es durch den Generationenwechsel schwieriger wird, Gastfamilien zu finden.
Künftig sei ein weiterer Schwerpunkt in der Hospizarbeit denkbar, blickt Nolte voraus.