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Klösterliches Leben ohne Kloster

Die Altäre der Stiftskirche Klösterliches Leben ohne Kloster

Zwei ganz unterschiedliche Blickwinkel haben die Referenten Christa Ruschke und Pastor i. R. Hermann Müntinga bei ihrem Vortrag zum Thema „Die Altäre der Stiftskirche und die Devotio moderna“ eingenommen.

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Nähern sich dem Thema von zwei Seiten: Christa Ruschke und Hermann Müntinga.

Quelle: mig

OBERNKIRCHEN. Während Ruschke eine zeitbezogene Erklärung versuchte, ging Müntinga der Frage nach, ob und – wenn ja – was uns diese Altäre heute bedeuten können.

 Die „Devotio moderna“ – eine Bewegung aus der Zeit des 14. Jahrhunderts – ist außerhalb der Universitäten nur noch wenigen Menschen bekannt. Dabei hatte die „Neue Frömmigkeit“ viele Anhänger – zunächst in den Niederlanden, später vor allem in Norddeutschland, wie Ruschke ausführte.

 Als eigenständige Frömmigkeitsbewegung, die einen „dritten Weg“ zwischen weltlichem und klösterlichen Leben suchte, drückte sie nicht nur Kritik an bestehenden Verhältnissen aus, sondern war zugleich Ausdruck eines neuen Geistes und damit ein Wegbereiter weltlicher und kirchlicher Erneuerung. Als sich wenig später die Reformation Bahn brach, schlossen sich ihr viele „Devotio“-Anhänger an.

 Den Ursprung der „Devotio moderna“ sieht man im Wirken von Geert Groote (1340-1384). Groote, der aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammte, stellte sein Geld der neuen Idee zur Verfügung. Für Christa Ruschke steht fest, dass die „Devotio moderna“ Ideen der Bettelorden aufgriff. Äußerlichkeiten sollten vernachlässigt werden – das galt erst recht für Verschwendung in den Klöstern. „Die Betrachtung Christi war das Wichtigste für die ‚Devotio moderna’. Das wichtigste Buch der Bewegung war ‚Die Nachfolge Christi’, das bis in die Neuzeit Wirkung erzielte.“ Für Groote und andere sei entscheidend gewesen, „ein klösterliches Leben ohne das Kloster zu führen“. Anders gesagt: „Es ging um ein gottgeweihtes Leben ohne klösterliche Bindung. Im Mittelpunkt sollte vielmehr die innige Beziehung, die ein Mensch zu Christus haben kann, stehen.“ Das sei den Anhängern sogar wichtiger als das Sakrament gewesen.

 Um eine enge Beziehung zu Christus zu gewinnen, meditierten die Anhänger beispielsweise über seine Passions-Geschichte, immer mit dem Ziel sich „Christus als Vorbild zu nehmen und sich in sein Leiden hineinzuversetzen“, so Ruschke. Für Anfänger sei gerade der Altar in der Stiftskirche ein gutes Hilfsmittel gewesen, sagte die Referentin. Dort sei die Passion „kleinschrittig“ dargestellt worden: „Man konnte sich also in eine Szene hineinversetzen oder Dialoge führen.“ Letztlich habe die Meditation dazu dienen sollen, das eigene Selbst zu überwinden und eine innere Verwandlung zu erreichen.

 Wie groß der Einfluss der „Devotio moderna“ in dieser Zeit war, zeigt sich auch an den baulichen Veränderungen, die das Stift in dieser Zeit betrafen. Ruschke erzählt von Bischof Heinrich von Minden, der „mehr Ordnung im Damenstift Obernkirchen schaffen wollte“. Immer wieder habe es Gerüchte gegeben, dass die Damen es mit der Klausur nicht so ernst nahmen, das sei auch den Anhängern der „Devotio“ nicht recht gewesen. Der Bischof habe deshalb eine strenge Klausur durchgesetzt, die Stiftsdamen hätten fortan wie Nonnen leben müssen. Weil die Damen auch beim Abendmahl „unsichtbar“ bleiben mussten, wurden an den Empore Umbauten vorgenommen. Kunstwerke und die baulichen Maßnahmen deuteten darauf hin, „dass die ,Devotio moderna’ Einfluss genommen hat“, so Ruschkes Fazit.

 Eine ganz andere Perspektive nahm Müntinga ein. Er stellte die Frage, wie der Altar auf Menschen wirkt, die „alles besser wissen und alles besser wissen wollen“. In ihrer Ortsgebundenheit seien Altäre „etwas Ungewöhnliches in einer mobilen Gesellschaft“, so Müntinga. „Man muss sich hinbewegen – ein Foto allein genügt nicht.“ Diese Altäre könnten dabei helfen, manche Dinge anders zu sehen. Ein Altar „darf nicht ablenken, er darf aber auch keine bloße Kulisse sein“. Wenn in der Kirche wieder mal ein „Event“ stattfinde „und die Presse fröhlich berichtet“, „entziehen sich die Altäre dieser Stimmung“. Die Altäre könnten warten, „sie haben schon viele Moden überdauert“. mig

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