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Gefahr durch Wölfe? Mehr Sachlichkeit

Der Wolf ist zurück, und er hat ein großes Image-Problem. Sensations-Medien rechnen weit mehr gerissene Tiere auf sein Konto, als wahrscheinlich ist.

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Der Wolf ist zurück in den Wäldern. Für den Landkreis Schaumburg gibt es aber noch keine Nachweise darüber.

Quelle: DPA

Obernkirchen. Bei seinem Vortrag im Stiftssaal zeigt Florian Brandes ein Dia, auf dem die Bild-Zeitung in riesigen Buchstaben auf der Titelseite herausschreit, was einem Chihuahua-Halter beim Gassi-Gehen passierte: „Wölfe haben mein Hündchen gerissen.“ Wenige Tage später stellte sich heraus, dass es drei Hunde waren, die „Krümel“ totgebissen hatten.

„Wenn heute irgendwo ein Schaf tot in der Gegend liegt oder ein Kalb, heißt es sofort: ,Der Wolf hat wieder zugeschlagen‘.“ Denn mit den geschürten Ängsten der Bevölkerung lassen sich Nachrichten verkaufen und Clicks in den sozialen Medien generieren. Wenn sich später herausstelle, dass es doch nicht der Wolf gewesen sei, „dann interessiert das keinen Menschen mehr“. Das Gerücht fliegt mit Schallgeschwindigkeit durch das Netz, die Wahrheit kriecht später im Schneckentempo hinterher.

Menschen glauben an marodierende Wolfsrudel

In den Köpfen, so Brandes, „bleibt zurück, dass da wieder was war mit dem Wolf“. Das alles führe zu einem Bild: Der Wolf ist zurück – und er ist eine Bedrohung. „Und die Menschen denken, da laufen Rudel von 20 bis 30 Tieren marodierend durch die Gegend und reißen alles, was ihnen vors Maul kommt.“

Brandes ist seit 2014 gemeinsam mit Jürgen Müller Wolfsberater das Landkreises Schaumburg, und er ist durchaus ein Freund des Tieres, wie er vor 67 Zuhörern offen eingesteht. „Aber ein Kuscheltier ist der Wolf eben auch nicht.“ Der Vortrag war dritter Teil einer Veranstaltungsreihe zum Thema „Wölfe“, die der Kneipp-Verein der Bergstadt und das Obernkirchen-Projekt Strull & Schluke ausgearbeitet haben.

Im Jahr 2000 hat sich in der Lausitz das erste Wolfsrudel gebildet. Zwölf Jahre später wurde das erste Rudel in Niedersachsen gesichtet, vier Jahre später sind dort neun Rudel mit rund 80 Tieren notiert. Für den Landkreis Schaumburg gibt es drei unbestätigte Hinweise.

A2, B65 und Mittellandkanal sind dem Wolf im Weg

Der Wolf habe es im Schaumburger Land wohl auch schwer, weil ihm die vorhandenen Strukturen nicht gefielen, so Brandes. Als da wären: die A2, die B65 und der Mittellandkanal. „Er will bei der Jagd nicht täglich schwimmen“, sagt Brandes, erzählt aber auch offen, dass es am 27. Juni einen Vorfall in Uchtdorf gegeben hat: Gefunden wurde ein totes Reh mit einer großen Wunde in der Kehle. „Noch sind die Untersuchungen nicht abgeschlossen“, sagt Brandes, aber Hunde könne man wohl ausschließen, „denn die beißen bei der Jagd anders“. Ob es wirklich ein Wolf war oder etwa ein Luchs, das müssten die genetischen Untersuchungen zeigen. Sicher sei nur, dass der Jäger ein sehr großer Beutegreifer war. Ein Rudel besteht imDurchschnitt aus acht Tieren676 Quadratkilometer ist der Landkreis groß; 200 bis 300 davon würde ein Wolfsrudel als Territorium beanspruchen – für ein zweites Rudel wäre in einem solchen Territorium kein Platz mehr. Ein Rudel, das sind die beiden Elterntiere, die Jungtiere aus dem letzten Jahr und die neuen Welpen. „Ein Rudel besteht im Durchschnitt aus acht Tieren.“ Ob sie sich im Landkreis niederlassen werden, weiß er nicht. „Die Wölfe werden uns zeigen, was ein für sie geeigneter Lebensraum ist.“

In Niedersachsen sorgten zwei Wölfe für Schlagzeilen: Der sogenannte Wanderwolf, der 2014 in kürzester Zeit durch das ganze Bundesland stromerte, bis hoch zur Nordsee, ehe er auf der A7 überfahren wurde, und „MT6“, den die sozialen Medien gleich „Kurti“ tauften, was Brandes nicht gefiel: „Das ist eine gefährliche Verniedlichung, denn es handelt sich nicht um einen harmlosen Haushund, sondern um einen gefährlichen Wolf.“ „MT6“ wurde erschossen, weil er laut Naturschutzbund Niedersachsen „durch sein auffälliges Verhalten ein nicht mehr zu kalkulierendes Risiko für Menschen dargestellt hat“.

"Auffällige Wölfe dürfen nicht Akzeptanz der ganzen Art gefährden"

Die dauerhafte Rückkehr des Wolfs nach Deutschland sei nur mit der breiten Akzeptanz der Bevölkerung möglich: „Es muss daher vermieden werden, dass einzelne auffällige Wölfe die Akzeptanz der ganzen Art gefährden“, so Brandes.

Natürlich gibt es bei der Rückkehr Konfliktfelder, erklärt der Wolfsberater, aber sie finden sich weniger in der Jagd, wo die Jäger befürchten, dass der Wolf ganze Wildarten ausrotten könnte. Auch Tollwut würden Wölfe nicht übertragen. Sorgen müssten sich dagegen Nutztierhalter machen. Zwar gibt es Ausgleichszahlungen des Landes nach einem bestätigten Wolfübergriff, aber die seien gedeckelt: höchstens 5000 Euro pro Tier und nicht mehr als 15000 Euro innerhalb von drei Jahren pro Halter. Brandes sprach sich für Schutzzäune und Herdenschutzhunde aus: „Es kommt Arbeit auf die Herdenhalter zu.“ rnk

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