Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Nach 400 Jahren: Alles wird gut

Festakt in Obernkirchen Nach 400 Jahren: Alles wird gut

Die Kuh ist vom Eis – endlich. Den Freunden aus La Flèche (Frankreich) ist es zu verdanken, dass Obernkirchen, exakt 400 Jahre nach Verleihung der Stadtrechte, am Montagabend, eine steinalte Bringschuld abtragen konnte.

Voriger Artikel
„Wir laufen übers Eis“
Nächster Artikel
Das Freibad wird umgebaut

Liebesgabe aus Gallien: La Flèches Bürgermeister Guy-Michel Chauveau (rechts) und Michel Ducreux, Chef des Patenschaftskomitees (links), übergeben Rathauschef Oliver Schäfer eine Kiste Rebensaft – Grundstock für den von Graf Ernst vor 400 Jahren angemahnten Ratskeller mit Rheinwein.

Quelle: tw

Obernkirchen. Denn mit den neuen Privilegien für die Stadt hatte Graf Ernst zu Holstein Schaumburg am 26. Januar 1615 auch Pflichten verknüpft. Professor Karl Schneider hat die Checkliste ausgegraben. Ersten – Rathaus verbessern: „Erledigt“, hakt der Historiker (Leibniz Universität Hannover) ab. Zweitens – Straßen pflastern: „Getan.“ Drittens – die Mistgruben vor den Häusern auffüllen: „Ebenfalls erledigt.“ Viertens – die Stroh- durch Ziegeldächer ersetzen: „Ist geschehen.“ Fünftens – die Häuser von außen anstreichen: „Auch gemacht.“

 „Wie aber“, fragt Schneider, „sieht’s mit der sechsten und letzten der Obernkirchener Stadtpflichten aus – einen Weinkeller anlegen?“ Schlecht, zumal ein Keller mit Schaumburger Bier nicht zählt. Doch der Grundstock ist gelegt, das letzte gräfliche Gebot dank einer Gabe der Gallier der Erfüllung nahe, denn: Bürgermeister Guy-Michel Chauveau und Michel Ducreux, Chef des Patenschaftskomitees, haben Bürgermeister Oliver Schäfer jetzt eine Riesenkiste mit Wein übergeben; zwar keinen Rheinwein, wie von Ernst gefordert, dafür aber eine „Cuvée 400 ans“ – was keineswegs schlechter ist.

 Ereignet hat sich das beim Festakt, „400 Jahre Stadtrechte“, eine nicht öffentliche Ratssitzung, zu der außer den Freunden aus La Flèche und den Rathauschefs der Schaumburger Kommunen zahlreiche Ehrengäste geladen waren – summa summarum 66 Menschen. Sie labten sich im eingedeckten Ratssaal, dem Stand der Stadtkasse angemessen, an Kaltgetränken und Schnittchen.

 Allem voran aber waren sie Montagabend aufs Beste unterhaltene Gäste einer Zeitreise, wie sie kundiger und kurzweiliger nicht sein konnte. Schneider selbst ist Ex-Krainhäger und damit „einer von hier“. Als Historiker hat er es über viele Jahre erforscht und weiß: „Obernkirchen hatte mehr Auf und Abs als manche andere Stadt; Aufschwünge, Brüche, Abschwünge und Aufbrüche wechselten sich in Obernkirchen in kurzer Folge ab.“

 Auch wenn man es derzeit mit Blick auf die Leerstände im Zentrum kaum glauben mag: Vor der Kulisse von 400 Jahren Geschichte hat die Stadt derzeit eine Glücksphase. „Knapp 350 Jahre hat sich Obernkirchen nämlich nicht so entwickeln können wie gewünscht“, erinnert Schäfer. Schuld sei die Randlage der Stadt ab 1640 gewesen, als der letzte Graf starb und Obernkirchen der hessischen Grafschaft Schaumburg zugeschlagen wurde. „Ringsum“, so Schäfer, „war ,Ausland‘. Die Grenze zu ,Hessisch-Sibirien‘ verlief 50 Meter unterhalb des Rathauses.“ Schneider drückt das so aus: „Den schaumburg-lippischen Grafen lag nicht viel an der Entwicklung des Ortes – und für den hessischen Teil scheint es nicht viel anders gewesen zu sein.“ Ja, Obernkirchen sei in einen mehr als 100 Jahre währenden Schlaf verfallen, aus dem die Stadt erst um 1800 herum erwachte. Der Bergbau war’s, gefolgt von der Glasindustrie, die Obernkirchen für einige Jahrzehnte sogar zum „Zentrum der Industrialisierung“ in Schaumburg machten, so der Historiker.

Glücklich waren die Bürger damit, heute unbegreiflich, aber nicht. Sie klagten über die Zuwanderer, die die Bergbaustadt magisch anzog. Das seien „aus anderen Ländern zugezogene Menschen, größtenteils ungeschlachte, unmoralische und liederliche Subjekte, denen wahre Bürgertugenden, gute Sitten, Ordnung, Fleiß, Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Häuslichkeit unbedeutend sind“. Ein Thema, das heute noch aktuell ist wie eh und je.

 Das mit der Rand- und Grenzlage der Stadt, die so viele Probleme bescherte, sollte sich erst ändern, als Beeke und Rösehöfe (1954) sowie Krainhagen, Röhrkasten, Gelldorf und Vehlen (1974) zu Obernkirchen kamen und 1977 die bis dahin noch westlich der Stadt verlaufende Kreisgrenze zwischen Schaumburg-Lippe und der Grafschaft Schaumburg aufgehoben wurde. „Obernkirchen liegt jetzt im Landkreis Schaumburg, so wie in der alten Grafschaft, in der Mitte des Territoriums“, bilanziert Schneider – und da liegt es endlich wieder gut.

 Natürlich ist manches auch heute noch immer wie einst: „Wenn Firmen wie Bornemann oder Heye niesten, hatte man im Rathaus sofort einen Schnupfen“, wie es Jörg Farr formuliert; Schaumburgs Landrat hatte seine ersten sechs Lebensjahre in der Bergstadt verbracht. Auch Heiger Scholz weiß um die Probleme, die es mit sich bringen kann, dass „eine Bergstadt wie Obernkirchen immer auch Standort der Schwerindustrie ist („Das prägt das Bewusstsein“). Gehe es dieser Industrie nicht gut, so der Hauptgeschäftsführer des Niedersächsischen Städtetages, habe die Stadt eine „Depression“. Mit dieser aber lasse sich Zukunft nicht gestalten.

Besagte Depression aber, da sind sich Landrat und Städtetagschef einig, hat Obernkirchen überwunden: dadurch, dass die Bürger in wirtschaftlich schweren Zeiten Gemeinsinn bewiesen und in zahlreichen Ehrenämtern an wichtigen Schaltstellen Selbstverantwortung übernommen haben. Der wirtschaftlichen Depression wirke aber auch der Neubau des Klinikums in der Feldmark entgegen, von dem die Bergstadt als Wohnstandort profitieren werde; auch das als eine späte Frucht der vor fast 40 Jahren zurückgewonnenen Schaumburger Mittellage.

 Das letzte Wort hat der Historiker. Schneider kann zwar nicht in die Zukunft sehen, aber: „Der Rückblick auf 400 Jahre Stadtgeschichte soll auch denen Mut geben, die heute Entscheidungen treffen müssen – und dabei vielleicht manchmal etwas ratlos sind.“ Prost!

 Professor Karl Schneider wird seinen Festvortrag – ähnlich – noch einmal halten: anlässlich des Festaktes „450 Jahre Fleckenrechte“ in der Liethhalle am Dienstag, 10. Februar, ab 19 Uhr. Anmeldungen von interessierten Bürgern sind unter Telefon (05724) 39534 und via E-Mail an info@obernkirchen.de möglich. tw

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg