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Obernkirchen Stadt Nachts um halb vier
Schaumburg Obernkirchen Obernkirchen Stadt Nachts um halb vier
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15:20 02.10.2017
Chefin Lena Achter und der SPD-Landtagsabgeordnete Karsten Becker, der spät in der Nacht sogar Kuchenboden mit Zwetschgen belegen darf. Quelle: ab
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OBERNKIRCHEN

Am Vordereingang in der Langen Straße brennt kein Licht. Der Hintereingang ist zwar hell erleuchtet, aber nur über eine Nebenstraße zu finden, die nicht mal alle Obernkirchener kennen.

Karsten Becker ist trotzdem pünktlich. „Arbeitsbeginn 3 Uhr“ hatte er mit Chefin Lena Achter vereinbart, um fünf vor drei biegt er auf den Parkplatz ein.

Am 15. Oktober wählt Niedersachsen einen neuen Landtag. Seit 2013 vertritt Karsten Becker als Abgeordneter den Wahlkreis 37 (Schaumburg). Jetzt würde er gern wiedergewählt werden. Statt Anzug trägt er heute Jeans, ein blaues T-Shirt und feste Schuhe, auf die auch mal ein Messer fallen kann, ohne dass man gleich ins Krankenhaus muss.

Mitten in der Nacht wird in der Backstube nicht viel geredet. Christian Probst nimmt Teig aus dem Kneter und teilt mit einem Spachtel große Brocken ab. Dann übernimmt Andre Biernacka, er walkt den Teig und formt ihn so, dass man das fertige Brot schon erahnen kann.

Becker wird zunächst an die Waage geschickt. Später in der Nacht darf er Kuchenboden mit Zwetschgen belegen.

Wenig vom Glanz der Fünfziger ist geblieben

Im Strull hatte Lena Achters Großvater 1952 eine Bäckerei aufgemacht. In den ersten Jahrzehnten stand Obernkirchen noch in vollem Glanz.

All zu viel ist davon nicht geblieben, aber Achter behauptet sich. Die Brötchen werden weithin gerühmt. Sonnabends und sonntags ringelt sich die Warteschlange durch den ganzen Laden.

Familiengeführte Bäckereien wie Achter haben es heutzutage nicht leicht. Bundesweit hat sich die Zahl der Bäckereien in den vergangenen 20 Jahren fast halbiert. Handelsketten und Backmultis müssen maximalen Profit aus jedem Produkt pressen. „Hochleistungsteigteilmaschinen“ gönnen dem Brot nicht die Zeit, die es eigentlich braucht, um heranzureifen. Statt den Sauerteig selbst zu machen, verarbeiten die Branchenriesen Achter zufolge Fertigprodukte, die sie mit Zusatzstoffen versetzen müssen. Statistisch isst jeder Deutsche 60 Kilo Backwaren pro Jahr.

Neun Tonnen Weizen im Monat

60 Vollkorn- und 150 Roggenmisch-Brote sind in dieser Nacht bei Achter gebacken worden. „Insgesamt verarbeiten wir im Monat etwa neun Tonnen Weizen und fünf Tonnen Roggen“, sagt Achter.

Politiker Becker sagt: „Ich war für ein paar Stunden hier, aber die Bäcker kommen auf vielleicht 300 Nächte pro Jahr.“ Diesen Lebensrhythmus könne man sich als Außenstehender kaum vorstellen. Becker: „Normalerweise stehe ich als Kunde vor dem Tresen, da ist so ein Wechsel der Perspektive immer aufschlussreich.“

Die Nachfrage am Ende des folgenden Verkaufstages ergibt: Kein einziger Kunde hat sich über ungewohnte Dellen oder Beulen in den Backwaren beschwert. ab

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