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Nicht in Klischees denken

Fachtung der Awo für Flüchtlinge Nicht in Klischees denken

Um Fragen zum Thema „Sexualität, Schwangerschaft und Elternschaft in anderen Kulturen“ging es in einer Fachtagung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in der „Roten Schule“.

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Meral Renz

OBERNKIRCHEN. Was ist, wenn ein muslimischer Mann den Handschlag bei der Begrüßung zurückweist? Was, wenn die Kinder aus Migrantenfamilien nicht am schulischen Aufklärungsunterricht teilnehmen sollen? Und wie kann eine muslimische Frau ihrer Familie erklären, dass sie eine Schwangerschaft abbrechen will?

Die „interkulturelle Beratung“ hat so ihre Tücken. Selbst da, wo Dolmetscher bei der Verständigung helfen, stoßen oft unterschiedliche Wertesysteme aufeinander, die verhindern können, dass Hilfen auch wirklich angenommen werden. „In einer Beratungsstelle, wo muslimische Frauen und Männer erscheinen, sollten zum Beispiel möglichst keine freizügigen Plakate über Aids-Vorsorge oder Empfängnisverhütung hängen“, sagt die Fachreferentin Meral Renz aus Essen. „Das verwirrt und beschämt Menschen aus Kulturen, in denen schon das Sprechen über Sexualität ein Tabu darstellt.“

Renz arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Schwangerenberatung der Awo und ist Autorin eines Buches über Sexualpädagogik in interkulturellen Gruppen. Vor den zu 90 Prozent weiblichen Teilnehmern der Tagung – Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen und Frauen aus ärztlichen Berufen – wies sie darauf hin, wie wichtig für Beratungsgespräche ein Grundwissen über die jeweiligen kulturellen Hintergründe der Ratsuchenden sei. „Noch wichtiger ist es, auf der Basis dieses Wissens nicht in Klischees zu denken, sondern jeden Menschen als Individuum zu betrachten.“

Ressourcen der Einfühlung

In jüngster Zeit haben es auch die Awo-Beratungsstellen im Landkreis vermehrt mit Flüchtlingen zu tun, die nicht nur ihre Heimat hinter sich ließen, sondern mit traumatischen Erlebnissen von Krieg und Flucht belastet sind. In diesem Kontext müsse man akzeptieren, dass sie sich zunächst oft noch stark an die Werte ihrer eigenen Kultur halten. Da sei es zunächst erst einmal egal, ob jemand lieber mit einem Kopfnicken statt mit Handschlag grüße, ob Frauen Kopftücher tragen oder nicht oder ob etwa die Jungfräulichkeit eine besonders große Bedeutung habe. „Mein Rat: Denkt an eigene Erfahrungen der Verlorenheit oder eigene Migrationsgeschichten“, sagte sie. „Die Grundgefühle, darunter Angst, Sehnsucht, das Bedürfnis, Vertrautheit zu finden, die sind in allen Kulturen gleich. Diese Ressourcen der Einfühlung muss man nutzen.“

Wer sich als Berater befremdet fühle, wenn sein Gegenüber skeptisch oder ängstlich bleibe, solle bedenken, dass es für alle kulturellen Werte „Zeitfenster“ gebe. „Werte ändern sich, das wird auch bei den meisten Flüchtlingen so sein.“

Grundvertrauen herstellen

Manchmal müsse man mit Umwegen arbeiten, damit Hilfe angenommen werden könne, so Renz. Machten sich etwa Eltern Sorgen, dass ihre Kinder im Aufklärungsunterricht quasi zu frühem Sex verführt würden, solle man ihnen erklären, dass es dabei im Gegenteil um das Wohl des Kindes gehe, um ein Wissen, dass einen bedachtsamen Umgang mit der Sexualität ermögliche. Wolle eine Frau abtreiben, die Angst habe, dass ihre Familie das niemals akzeptieren würde, könne man mit Ärzten über die Möglichkeit einer medizinischen Indikation sprechen. Wo die Gesundheit der Mutter gefährdet ist, lassen fast alle Religionen einen Abbruch zu.

Nicht nur Mitarbeiter in sozialen Berufen, auch Flüchtlingshelfer oder die Nachbarn von Flüchtlingsfamilien sollten alles daran setzen, ein Grundvertrauen herzustellen und den Menschen das Gefühl zu vermitteln, angenommen zu sein. Nur so könnten die vielen Angebote auch genutzt werden – bevor Probleme auftauchen. „Es gibt Frauen, die erscheinen erst im neunten Schwangerschaftsmonat beim Arzt, weil sie nichts von der Vorsorge wussten.“ cok

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