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Ohne Bindung stirbt die Seele

Obernkirchen Ohne Bindung stirbt die Seele

Psychische Probleme von Eltern? Ein Tabu-Thema, über das nur selten gesprochen wird. Auf Einladung des Kinderschutzbundes Schaumburg hat jetzt in der Roten Schule in Obernkirchen eine Fachtagung – Titel: „Ohne Netz und Boden: Zum Bindungs- und Fürsorgeverhalten psychisch erkrankter Elternteile“ – stattgefunden.

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Michael Hipp: „Drei Dinge sind es, die ein Kind zu Beginn des Lebens braucht: Sauerstoff, Nährstoffe und Bindung.“

Quelle: mig

Obernkirchen. Rund 70 Kräfte aus unterschiedlichen Bereichen sind der Einladung gefolgt. Ohne Netz und Boden fühlen sich die Fachkräfte oftmals selbst, wie die Mitarbeiterin einer Kindertagesstätte bestätigt. „Man fühlt sich in diesem Bereich, psychische Erkrankungen von Elternteilen, etwas allein gelassen, da müsste mehr gemacht werden“, sagt die Stadthägerin. Das Thema psychische Probleme von Eltern sei extrem schambesetzt, „deshalb macht mancher lieber gar nichts, auch wenn er was mitbekommt und es für die Kinder besser wäre“.

Eine Einschätzung, die Michael Hipp nur bestätigen kann. „Kinder, deren Eltern psychisch krank sind, haben ein erhöhtes Risiko, selbst eine psychische Krankheit zu entwickeln“, sagt der Neurologe und Psychiater, der sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat. Das hätten Studien belegt. Gleichwohl: Im Grunde sieht Hipp gute Möglichkeiten diese Entwicklung zu verhindern. Für Erkrankte müsse ein äußerer sicherer Ort eingerichtet werden, die Fachkraft sozusagen als „Sicherheitsbeauftragter und Bindungsexperte“ agieren. Ziel müsse eine „Entängstigung“ mit Schutz vor Retraumatisierung sein. Zudem gelte es, sogenannte Triggersituation, die bei den Betroffenen unter anderem eine Dissoziation oder Abspaltung hervorrufen, zu identifizieren.

In seinem Referat geht der Neurologe auch auf aktuelle Fälle ein und spricht beispielsweise über eine Mutter, die ihr Kind vier Tage alleine gelassen hat, bis es schließlich verdurstet ist. Der Grund: Die Mutter fühlte sich bedroht durch das Schreien des Kindes, davor habe sie sich sozusagen „in Sicherheit“ bringen müssen. Dabei habe es sich um ein Trauma gehandelt, dass die Mutter in ihrer Kindheit erlitten habe und das durch das Schreien gleichsam reaktiviert worden sei. „Im Grunde“, so Hipp, „sind diese Menschen in einem vormentalen Zustand verblieben, der eigentlich nur Kindern vor dem fünften Lebensjahr zugeschrieben wird.“ In diesem Zustand komme es zu einer Grenzstörung zwischen Selbst und Objekt, zwischen mentaler und äußerer Realität werde kein Unterschied gemacht. Kritik werde von diesen Personen als Angriff auf die eigene Integrität wahrgenommen, und „erschreckende innere Bilder bekommen Realitätscharakter“. Oft komme es dabei zu einer Flucht in Illusionswelten (Kinder, die die Namen von Stars bekommen, Zweitidentität im Internet).

Besonders problematisch sei, dass sich das Trauma sozusagen durch die Generationen hindurch vererbe, so Hipp. Die Mutter habe in ihrer Entwicklung etwas Schlimmes erlebt und gebe diese Störung an das Kind weiter. Grund dafür sei eine Bindungsstörung. Wie es zu einer Traumatisierung kommen kann? Beispielsweise durch Vernachlässigung, unverarbeitete Beziehungsabbrüche (Bindungsverluste), emotionale Misshandlung, Gewalt oder sexuellem Missbrauch. In der Folge entstünden Angststörungen, Depressionen oder sogar Persönlichkeitsstörungen. „Die Personen erleben eine Entfremdung von sich selbst und der Welt und ein Gefühl der Schutzlosigkeit.“ Als Elternteil hätten diese Personen Schwierigkeiten, eine enge Bindung zu ihrem Kind zu entwickeln.

Laut Hipp sind es drei Dinge, die ein Kind zu Beginn des Lebens braucht: „Sauerstoff, Nährstoffe und Bindung.“ Ohne diese drei „stirbt es“. Viele psychische Störungen hätten ihre Ursache gerade in diesen frühkindlichen Bindungsstörungen. Diese Scharten seien im späteren Leben oft nicht mehr auszuwetzen.

Für den Kinderschutzbund Schaumburg steht fest, dass das frühzeitige Erkennen und Einordnen krankheitsbedingter Verhaltensauffälligkeiten der Eltern die wichtigste Voraussetzung dafür sei, dass den betroffenen Familien geeignete Hilfen zur Verfügung gestellt werden könnten. Um dem komplexen Unterstützungsbedarf der Familien, den präventiven Handlungsnotwendigkeiten und dem Kinderschutz gleichermaßen gerecht zu werden, sei eine enge Zusammenarbeit zwischen den Institutionen der Jugendhilfe und der Erwachsenenpsychiatrie unabdingbar. mig

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