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Opfer im Gedächtnis behalten

Erinnerung an die Pogromnacht Opfer im Gedächtnis behalten

Mit den Fotos früherer jüdischer Mitbürger haben Konfirmanden an die Ereignisse der Pogromnacht am 9. November 1938 erinnert. „Diese Menschen waren keine Fremden“, sagte Professor Karl-Heinz Schneider von der Leibniz Universität Hannover. „Sie waren Deutsche, Nachbarn, Freunde, die dieses Land entscheidend mitgeprägt haben.“

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Konfirmanden halten Fotos von Opfern der Nazi-Herrschaft in den Händen.

Quelle: mig

OBERNKIRCHEN. Es ist bedrückend, an diesem Ort zu sein. Der Himmel weint, und die rund 80 Menschen, die auf Einladung der Stadt und beider Kirchengemeinden zum Gedenkstein für die ehemalige Synagoge gekommen sind, schweigen. In dieser Dunkelheit kann man sich den Schrecken der Pogromnacht im Jahr 1938 gut vorstellen. Wie die Menschen um Mitternacht aus dem Schlaf gerissen werden. Wie sie mit ansehen müssen, wie ihre Synagoge in Brand gesteckt wird. Und wie die Kaufhäuser Adler und Lion zerstört und später geplündert werden. Noch heute überkommt einen das Grauen, wenn man liest, was damals in Deutschland geschehen ist. Überall werden Juden verhaftet, viele ins KZ gesteckt, viele ermordet. Schneider, fasst die Ereignisse so zusammen: „Der 9. November war eine Etappe auf einem Weg, dessen Ziel noch niemand kannte, auch wenn es im Nachhinein ganz anders aussieht.“

Wie es dazu hat kommen können, „dass Nachbarn und Freunde zu Freiwild wurden“? Diese Frage sei nicht so leicht zu beantworten, sagt Schneider, der an diesem Abend einen kurzen Vortrag hielt. Die Forschung habe sich Jahrzehnte damit beschäftigt und stehe immer wieder vor Rätseln und neuen Herausforderungen. Zwar hätten sich auch in den deutschen Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts antisemitische Tendenzen entwickelt, die sich während des Ersten Weltkriegs und am Ende der Weimarer Republik noch einmal verschärft hätten. „Aber Antisemitismus gab es auch andernorts, etwa auch bei unserem westlichen Nachbarn Frankreich.“

"Sie waren keine Fremden"

Dagegen hätten viele Juden Deutschland als Hort der Rechtsstaatlichkeit betrachtet, „mochte es noch so viele Antisemiten geben, darunter den Obernkirchener Bürgermeister Herzog“. Hier hätten sie sich sicher gefühlt, so Schneider: „In ihrem Land, das sie entscheidend mitgeprägt hatten. Sie waren keine Fremden, sie waren Deutsche, Nachbarn, Freunde, ja Verwandte, Bürger dieses Landes.“

Wie es also zum 9. November hat kommen können? „Es waren viel zu wenige da, die sich mit ihren Mitbürgern solidarisierten“, so Schneider. Das sei schon so gewesen, als 1933 Kommunisten und Sozialdemokraten verhaftet wurden, so Schneider weiter. „Der Gewaltrausch der Nazis ließ viele Deutsche erschrecken und sich zurückziehen, andere riss er mit. Immerhin: Offen an der Entrechtung ihrer Mitbürger hätten sich nur wenige Obernkirchener beteiligt, die Verwüstungen und Zerstörungen wurden vorrangig von auswärtigen SS-Leuten durchgeführt. „Die Nachbar sahen zu, waren vielleicht erschreckt, sahen weg, hatten selbst Angst und waren froh, nicht unter den Opfern zu sein.“ Andere hingegen hätten es gar nicht erwarten können, dass ihre Nachbarn und Mitbürger entrechtet wurden, denn so wurden schöne Wohnhäuser frei. „Es lockte ein besseres Leben auf Kosten der eigenen Mitmenschen.“ In diesem Zusammenhang sei das gar nicht unbedingt Rassismus gewesen, sagt Schneider: „Es waren zuweilen einfach ‚nur‘ Bösartigkeit, Neid und Gewinnsucht.“

Konfirmanden zeigen Fotos jüdischer Mitbürger

Pastor Herbert Schwiegk gedachte der Opfer dann während einer Andacht, später wurden sechs Kerzen entzündet und an den Gedenkstein gestellt. Schwiegk mahnte an, dass man der Versuchung widerstehen müsse, vergessen zu wollen. Die Opfer müssten im Gedächtnis bleiben. Er sei deshalb auch stolz auf die Form, in der dieses Gedenken in Obernkirchen stattfinde. „Ich frage mich, ob es unsere Herzen bewegt, wenn morgens um 11 Uhr ein Bürgermeister einen Kranz an einen Gedenkstein legt?“

Wie Geschichte lebendig werden kann, demonstrierten die Konfirmanden, die Fotos jüdischer Mitbürger mitgebracht hatten. Ein lebendiges Gedenken, in dem Opfer gegenwärtig werden. Opfer wie der Kaufmann Bendix (Benno) Stern, seine Ehefrau Luci und Tochter Hannelore (wohnhaft an der Neumarkstraße, heute Nummer 23). Die Familie wurde Ende 1939 in das sogenannte „Judenhaus“, wie die frühere Synagoge an der Strullstraße abschätzig genannt wurde, einquartiert. Von dort aus wurde die Familie 1942 deportiert. Nur die Tochter überlebte die Hölle der KZs Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen. mig

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